Beteiligung statt Lohn Wie die Krise Arbeiter zu Aktionären macht

Der Konjunkturflaute zwingt Firmen auf neue Wege: Um beim Lohn zu sparen, bieten Unternehmen der Belegschaft im Tausch Aktien an. Auch in Deutschland fordert die IG Metall, die Beschäftigten am Besitz von Opel oder Daimler zu beteiligen - eine mutige, aber riskante Strategie.

Von Hannes Koch


Berlin - Die Finanz- und Wirtschaftskrise verändert vieles - auch das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit. In bislang unbekannter Deutlichkeit fordern in jüngster Zeit deutsche Gewerkschafter die Beteiligung der Beschäftigten an einzelnen Unternehmen ein.

Arbeiter bei Daimler: "Es gibt keine Schenkungen mehr"
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Arbeiter bei Daimler: "Es gibt keine Schenkungen mehr"

"Verzicht gegen Besitz", verlangte etwa Detlef Wetzel, Vize-Chef der Industriegewerkschaft Metall. Wenn die Arbeitnehmer mit Lohneinbußen helfen sollten, Firmen wie Opel oder Schaeffler zu sanieren, müssten sie Anteile der Unternehmen erhalten. "Es gibt keine Schenkungen mehr", wetterte Wetzel. "Wenn die Belegschaft Opfer bringt", sagte auch IG-Metall-Chef Berthold Huber, "dann muss es Gegenleistungen geben". Die grundsätzliche Idee sei dabei die Beteiligung der Mitarbeiter an Opel.

Das ist nicht so unrealistisch, wie es klingen mag. Von der Not getrieben, hat US-Präsident Barack Obama in Amerika die Zeitenwende beim maroden Autobauer Chrysler bereits eingeläutet. Um das mittlerweile insolvente Unternehmen vor dem Totalabsturz zu retten, soll ein Fonds der mächtigen Autoarbeiter-Gewerkschaft UAW künftig 55 Prozent der Chrysler-Anteile übernehmen.

Um Opel steht es nicht ganz so schlimm. Aber auch dort sind die Probleme groß. In den Verhandlungen zwischen Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und möglichen Investoren geht es nun auch um einen Beitrag der Beschäftigten. Lohneinbußen und der Abbau von Arbeitsplätzen stehen auf der Tagesordnung.

Aktien als Ausgleich für Lohneinbußen

Nicht nur Gewerkschafter machen sich deshalb Gedanken über die Teilhabe der Arbeitnehmer. Auch Stefan Bratzel, Autoexperte der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, sagt: "Die Beteiligung der Opel-Beschäftigten am Kapital könnte als Ausgleich für die Einbußen dienen." Ähnlich sieht dies Heinrich Beyer von der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft: "Die Umwandlung von Lohn in Mitarbeiteraktien spart dem Unternehmen Geld."

Den möglichen Vorteil für Opel zeigt ein Rechenbeispiel. Würden die rund 26.000 Opelaner auf jeweils 4000 Euro pro Jahr verzichten - für viele eine Einbuße in der Größenordnung von zehn Prozent ihres Lohnes - sparte der Konzern etwa 100 Millionen Euro jährlich. Dieser Beitrag der Beschäftigten wäre zwar zu klein, um Opel zu retten. Denn das Unternehmen braucht angeblich bis zu drei Milliarden Euro als Überlebenshilfe. Trotzdem würde das Zugeständnis der Gewerkschaft eine deutliche Entlastung bei den Kosten bedeuten.

Und was haben die Beschäftigten davon, wenn sie als Gegenwert für diese Summe Aktien von Opel erhalten? Mit ihrem gegenwärtigen Lohnverzicht erkauften sie sich die Aussicht auf Beteiligung an zukünftigen Gewinnen. Sollte es Opel wieder gut gehen, würde das Unternehmen einen Teil der Dividende an die Mitarbeiteraktionäre ausschütten.

Die Kehrseite der Medaille: Die neuen Aktionäre tragen ein doppeltes Risiko. Nicht nur mit ihrem Arbeitsplatz, sondern zusätzlich mit größeren Geldsummen sind sie an das Schicksal des Unternehmens gebunden. Als Mitbesitzer einer Firma müssen sie grundsätzlich auch den Verlust ihrer Kapitalbeteiligung einkalkulieren.

Investition in die Jobsicherheit

Doch es gibt einen weiteren Vorteil. Die Beschäftigtenaktionäre investieren in die potentielle Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Läuft die Mitarbeiterbeteiligung einige Jahre, könnte die Belegschaft ein nennenswertes Aktienpaket besitzen und damit Einfluss auf der Hauptversammlung der Eigentümer ausüben. Unter einer Voraussetzung: Die neuen Anteilseigner müssten ihre Stimmrechte in einer gemeinsamen Vertretung bündeln.

Bei Opel will sich zu einem derartigen Beteiligungsmodell noch niemand äußern. "Die Frage nach einer Mitarbeiterkapitalbeteiligung kommt zu früh", sagt auch Wolfgang Nettelstroth, der Sprecher der nordrhein-westfälischen IG Metall, "zunächst werden Investoren und Konzepte für die Zukunft der Arbeitsplätze und Standorte bei Opel gebraucht".

Bei Daimler sind die Diskussionen dagegen schon weiter. Weil der Autoabsatz zurückgeht, haben sich Gesamtbetriebsrat und Unternehmensleitung verständigt, den Lohn zu kürzen und zu prüfen, wie die eigentlich geplante Gewinnbeteiligung in eine Kapitalbeteiligung der Beschäftigten transformiert werden kann.

Dazu sagt Silke Ernst, die Sprecherin des Daimler-Gesamtbetriebsrates: "Grundsätzlich streben wir ein Mitarbeiterkapitalbeteiligungsmodell an - auch um die Aktionärsstruktur zu verbessern, sprich einen verlässlichen Anteilseigner mehr zu haben." Um ihre Macht im Unternehmen wirksam einzusetzen, könnten die Belegschaftsaktionäre ihre Anteile in eine gemeinsame Vertretung einbringen.

Beim hochverschuldeten Kugellager-Hersteller Schaeffler existiert dafür schon ein konkretes Modell. Klaus Ernst, Vize-Chef der Linkspartei und gleichzeitig IG-Metall-Chef in Schweinfurt, schlägt vor, eine Stiftung zu gründen. Dort hinein könne das Geld fließen, mit dem der Staat das Unternehmen unterstützen werde. Zwei Vertreter der Belegschaft sollten als Abgesandte der Stiftung die Beschäftigteninteressen im Aufsichtsrat vertreten, sagt Ernst: "Damit könnten sie verhindern, dass künftig Werke geschlossen werden."

Skepsis gegen Mitarbeiteraktionäre

Trotz allem steht aber die Debatte über den Kapitalbesitz der Beschäftigten noch am Anfang. Zwar hat auch Bundespräsident Horst Köhler eine stärkere Teilhabe angemahnt. Doch die Zahlen sind bislang ernüchternd. Nur rund zwei Prozent der deutschen Unternehmen beteiligen ihre Mitarbeiter am Vermögen. Daran haben auch Mitarbeiter-Aktienfonds, die die Große Koalition fördert, bisher nichts geändert.

Ein Grund: Sowohl auf der Seite der Firmen, als auch bei den Gewerkschaften herrscht immer noch große Skepsis über den Sinn gemeinsamen Eigentums. Viele Unternehmer und Manager haben kein Interesse, die Politik der Firma noch stärker als bisher mit den Beschäftigten abzustimmen.

Und viele Gewerkschafter fürchten, dass die ohnehin schon fließende Trennung zwischen Kapital und Arbeit noch weiter durcheinanderkommt. Beschäftigte, die Aktien ihres Unternehmens besitzen, zweifeln mitunter am Sinn traditioneller Gewerkschaftsmeinungen.



Forum - Aktien statt Lohn?
insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
classico, 06.05.2009
1.
Zitat von sysopAngesichts der schweren Wirtschaftskrise diskutieren Unternehmen und Arbeitnehmer über Lohnkürzungen. In manchen Firmen soll die Belegschaft im Gegenzug eine Kapitalbeteiligung bekommen. Sind Aktien ein ausreichender Ausgleich für weniger Gehalt?
Aktien...? das wird keinem helfen.... der auf Bargeld angewiesen ist. Mir ist nicht bekannt, das man mit Aktien Miete, Strom, Benzin.. oder Lebensmittel kaufen kann.
liborum 06.05.2009
2.
Zitat von sysopAngesichts der schweren Wirtschaftskrise diskutieren Unternehmen und Arbeitnehmer über Lohnkürzungen. In manchen Firmen soll die Belegschaft im Gegenzug eine Kapitalbeteiligung bekommen. Sind Aktien ein ausreichender Ausgleich für weniger Gehalt?
Soll man mit den Papieren dann ein Stroh(Papier)feuer anzünden- statt Heizung? In vielen AN-Haushalten reicht das Geld gerade so eben noch. Was nützen da Aktien? Davon kann man seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Oder glauben die Firmenchefs tatsächlich, weil der AN einige Aktien hat ist er jetzt "stolzer Mitbesitzer" des Unternehmens und (bitte um Verzeihung für die Ausdrucksweise) frißt freudig trockenes Brot? Außerdem kann man sich durch die Ausgabe neuer Aktien ganz schnell entschulden und - angeschmiert. (Siehe heutige Meldung über GM) Und Mitentscheidung über Unternehmensziele, Geldverwendung, Investitionen etc. - als Kleinaktionär? Der bestehende Verein/Verband ist doch völlig machtlos und wird immer von Großaktinären überstimmt.
Andreas Heil, 06.05.2009
3.
Zitat von sysopAngesichts der schweren Wirtschaftskrise diskutieren Unternehmen und Arbeitnehmer über Lohnkürzungen. In manchen Firmen soll die Belegschaft im Gegenzug eine Kapitalbeteiligung bekommen. Sind Aktien ein ausreichender Ausgleich für weniger Gehalt?
Nein, sie verschärfen das Problem mit dem Nachfrageausfall und sie werden nicht zu einer vermehrten Kapitalbildung in Arbeitnehmerhand führen, dafür sorgt die notwendige Verteilungswirkung der Marktprozesse bei der Kapitalallokation. Und wer's theoretisch nicht nachvollziehen oder glauben kann, konnte es praktisch bei diversen Versuchen beobachten, wie der Realsozialismus aufgelöst wurde und in vielen Ländern "Volksaktien" ausgegeben wurden. Schon in kürzester Zeit waren die Aktien beim Normalbürger gegen Butter und Brot getauscht und die Aktien zu wenigen großen Privatvermögen zusammengeballt.
Arthi, 06.05.2009
4.
Zitat von sysopAngesichts der schweren Wirtschaftskrise diskutieren Unternehmen und Arbeitnehmer über Lohnkürzungen. In manchen Firmen soll die Belegschaft im Gegenzug eine Kapitalbeteiligung bekommen. Sind Aktien ein ausreichender Ausgleich für weniger Gehalt?
Nein danke, nur Bares ist Wahres. Geht die Firma den Bach runter, sitzt man dann auch noch auf wertlosen Aktien, für die man voher auch noch auf Gehalt verzichtet hat.
Meerkönig 06.05.2009
5.
Zitat von sysopAngesichts der schweren Wirtschaftskrise diskutieren Unternehmen und Arbeitnehmer über Lohnkürzungen. In manchen Firmen soll die Belegschaft im Gegenzug eine Kapitalbeteiligung bekommen. Sind Aktien ein ausreichender Ausgleich für weniger Gehalt?
Aktien sind nur dann eine Vermögensbeteiligung für Arbeitnehmer, wenn der Aktionär als Eigentümer die alleinigen Entscheidungsrechte für das Unternehmen hat. Das erfordert entsprechende Vereine und Organisationen, die die Wünsche der Besitzer bündeln und durchsetzen. Da steckt der Teufel im Detail, siehe IG-Metallchef Zwickel. Das heutige Aktienrecht ist zugeschnitten nur auf leichte Kapitalbeschaffung für die Firmenbesitzer bzw. um die Zockermentalität weniger wirklich reiche Leute zu befriedigen. Für einen Arbeitnehmer ist eine Aktie nach heutigem Aktienrecht meist nur das Papier wert, auf dem der Anteil geschrieben steht.
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