Betreuung für kranke Mitarbeiter Handgriff für Handgriff zurück in den Job

Sie bauen Arbeitsplätze um, ordern leichter bedienbare Maschinen: Spezielle Personalmanager helfen Mitarbeitern, nach langer Krankheit in den alten Job zurückzukehren. Was sich gut anhört, trifft in vielen Firmen auf Widerstand - ein Blick in die Praxis bei einem schwäbischen Werkzeughersteller.

Von Silke Bigalke


Nürtingen – Die Rollwagen in der Versandabteilung sind fast so hoch wie Christine Kukulan selbst - und schwer zu schieben. Beim mittelständischen Werkzeughersteller Metabo in Nürtingen packt die 43-Jährige Bohrmaschinen, Winkelschleifer und anderes Gerät zusammen, das die Kunden bestellt haben. Die schwersten Packstücke, die die zierliche Frau von den Paletten in den Wagen hebt, wiegen 20 Kilo.

Sieben Jahre geht das gut, bis Kukulan im Januar 2006 ihre Schulter nicht mehr bewegen kann. Haare waschen, Wäsche aufhängen, zur Arbeit gehen – daran ist plötzlich nicht mehr zu denken. Dass Kukulan heute überhaupt noch einen Job hat, verdankt sie Eugen Markucik und seinem Team, davon ist sie überzeugt. Markucik ist bei Metabo dafür verantwortlich, länger oder häufig kranken Mitarbeitern zurück in den Job zu helfen. Er ist ein sogenannter Disability Manager.

Seit 2004 sind Unternehmen gesetzlich verpflichtet, langzeitkranke Mitarbeiter mit besonderer Betreuung wieder in den Berufsalltag zu integrieren. Dafür beschäftigen vor allem große Unternehmen wie Ford, BMW oder die Berliner Stadtreinigungsbetriebe Disability Manager. Ihre Aufgabe ist es, die Fehlzeiten der Mitarbeiter gering zu halten. Wer krank ist, soll möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückkehren. Wer gesund ist, soll möglichst nie krank werden. Das ist nur möglich, wenn die Anforderungen im Job auf die Fähigkeiten des Mitarbeiters abgestimmt sind.

Nach 30 Tagen kommt der Betriebsrat zu Besuch

Was sich gut anhört, stößt in vielen Unternehmen auf Widerstand. Vor allem die Betriebsräte sträuben sich gegen Disability Manager, sagt Oliver Fröhlke von der Deutschen Unfallversicherung (DGUV). "Sie haben Angst, dass Mitarbeiter überwacht werden." Erst 450 Menschen haben sich seit 2004 deutschlandweit zum Disability Manager fortgebildet und bei der DGUV die Prüfung abgelegt. Zu groß scheint die Sorge, dass leistungsschwache Mitarbeiter aus- statt eingegliedert werden.

Kaputte Rücken, Sehnenscheidenentzündung, Schäden an Gelenken und Muskeln sind häufige Krankheitsursachen bei Metabo. Im Werk Nürtingen arbeiten rund 1300 Menschen, viele von ihnen an Montageplätzen oder im Lager. Rund 90 Mitarbeiter waren 2006 mehr als sechs Wochen krank. Ihre Leiden rühren oft von körperlicher Arbeit, bei der dieselben Bewegungen Hunderte Mal wiederholt werden. Auch das Durchschnittsalter der Belegschaft - fast 44 Jahre - hebt die Fehlzeitenquote.

Markucik sieht jeden Tag, wer nicht zur Arbeit kommt. Wenn jemand 30 Tage fehlt, schickt er als erstes Betriebsrat Eduard Wisniewski zum Krankenbesuch. "Im persönlichen Gespräch merke ich schon, wo der Schuh drückt", sagt der. Mit Einverständnis des Kranken trägt Wisniewski die Probleme dem Disability Management Team vor, bestehend aus ihm selbst, Markucik, dem Betriebsarzt und einem Personalreferenten.

Betriebsarzt kontaktiert den Hausarzt des Mitarbeiters

Ziel ist es, den Mitarbeiter wieder an seinem alten Arbeitsplatz einzusetzen. Betriebsarzt Daniel Menzel prüft, was dem Mitarbeiter dort abverlangt wird und ob er das leisten kann. Dann berät das Team, wie es die Rückkehr des Kranken vorbereitet, ob dessen alter Arbeitsplatz umgebaut werden muss oder der Kranke sogar versetzt werden sollte.

Seine Arbeitsplatzanalyse gibt Menzel an den behandelnden Arzt weiter. "Der Mensch ist krank geschrieben für eine gewisse Tätigkeit", erklärt Menzel. "Aber wenn der Hausarzt die gar nicht kennt, kann er schwer beurteilen, ob der Patient sie ausüben kann." Mit Erlaubnis des Arztes kann der Kranke oft früher in den Job zurück. "Hamburger Modell" nennt man diese schrittweise Wiedereingliederung, die von einigen Krankenkassen seit den Siebzigern praktiziert wird. Benannt wurde es nach der Hamburger Techniker Krankenkasse, die damals Vorreiter war. Der Arbeitnehmer beginnt mit wenigen Stunden täglich und steigert sein Pensum innerhalb von Wochen bis zur vollen Arbeitszeit. Dabei ist er nach wie vor krank geschrieben.



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