Betriebsspionage Wie Profis spitzeln

Kaum ein Manager rechnet damit, Ziel von Industriespionage zu werden - dabei ist sie in vielen Branchen und Ländern an der Tagesordnung. Im Interview verrät der Sicherheitsexperte Keith Melton, wie die Spione tricksen und wie sich Unternehmen wappnen können.


Wer betreibt Betriebsspionage?

Melton: Zunächst einmal spionieren sich Unternehmen gegenseitig aus - das war schon immer so. Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass eine Firma spezielle Mitarbeiter für diese Art von Informationsbeschaffung beschäftigt. Aber auch für viele Geheimdienste rund um den Globus gehört Betriebsspionage zum Tagesgeschäft. Ein Geheimdienst dient schließlich den nationalen Interessen seines Landes. Und für viele Länder rechtfertigt dieser Zweck auch Spionageaktivitäten in den Unternehmen anderer Länder. Die Betriebsgeheimnisse von Firmen sind also nicht nur durch direkte Wettbewerber bedroht. Wenn Ihr Geheimnis wichtig und wertvoll ist, können Sie davon ausgehen, dass andere Staaten alle Hebel in Bewegung setzen, um es zu lüften.

Sind die Unternehmen heutzutage nicht sowieso auf mögliche Sicherheitsrisiken vorbereitet?

Melton: Die Unternehmen haben Schranken, Videokameras und Wachpersonal in ihrem Eingangsbereich. Aber Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, wie leicht einige Firmen Fremden das Spionieren machen. Nur ein Beispiel: Ich sollte für ein US-Unternehmen im Mittleren Osten die Sicherheitsvorkehrungen überprüfen und fragte, wie dort die geheimen Unterlagen entsorgt würden. Man antwortete mir, sie würden getrennt vom übrigen Müll in blauen Plastiksäcken gesammelt und dann verbrannt. Und als ich einmal spätabends dorthin ging, um mir die Sache vor Ort anzuschauen, standen dort im Flur tatsächlich mehrere blaue und weiße Plastiksäcke, die auf ihre Entsorgung warteten. Wäre ich ein Spion gewesen, der sich zum Beispiel als Mitarbeiter der Reinigungskolonne getarnt hätte, wäre meine Arbeit schon zur Hälfte erledigt gewesen. Übrigens konnte mir niemand sagen, wer für die Verbrennung der blauen Säcke verantwortlich war.

Mal abgesehen von der Entsorgung geheimer Unterlagen - was gibt es noch zu befürchten?

Melton: Stellen Sie sich vor, Sie nehmen an einer Ausschreibung für einen Ölvertrag in einem anderen Land teil und müssen sich dabei gegen ein nationales Unternehmen behaupten. Falls Sie vertrauliche Unterlagen bei sich haben, können Sie sich darauf verlassen, dass es aggressive Versuche geben wird, an diese Informationen zu kommen. Sollten Sie zum Beispiel während eines Ausflugs Ihren Laptop im Hotel zurücklassen, können Sie ziemlich sicher sein, dass die Festplatte kopiert wird.

Gefunden in...
Harvard Business Manager 6/2006
In einem ausländischen Hotel entdeckten die dort logierenden Manager eines Unternehmens in der Zimmerdecke eine winzige Kamera, und zwar direkt über dem Tisch, an dem einer von ihnen an seinem Laptop arbeitete. Auf diese Weise konnten die ausländischen Agenten nachvollziehen, mit welcher Tastenkombination sich der Gast in sein Unternehmensnetzwerk einwählte. Weiterhin fanden die Manager heraus, dass der völlig normal wirkende Aktenvernichter, der sich in dieser Business-Class-Suite befand, mit einem Scanner präpariert war. Jedes Dokument wurde gescannt, bevor es vernichtet wurde. Die Daten wurden dann über eine Leitung, die parallel zur Klimaanlage des Zimmers verlief, an einen Empfänger irgendwo im Hotel übertragen.

Dann sind da noch die Mobiltelefone: Natürlich können die Signale abgehört werden. Aber wenn ich das Telefon nur für 30 Sekunden in die Finger bekomme, kann ich einen identisch aussehenden, aber präparierten Akku einsetzen: Die Gespräche werden dann auf einem Chip gespeichert und übertragen. Auf diese Weise kann das Handy auch heimlich eingeschaltet und zum Raummikrofon umfunktioniert werden. Solche Akkus sind zwar verboten, aber dennoch leicht erhältlich: Sie werden für die meisten Handymodelle von europäischen Unternehmen angeboten.

Was kann man denn als Verantwortlicher gegen solche Angriffe tun - außer den Spionageabwehrdienst hinzuzuziehen?

Melton: Lassen Sie Laptop und Handy niemals aus den Augen. Machen Sie einen Bogen um den Internetzugang in Ihrem Hotel. Nutzen Sie lieber die technischen Einrichtungen Ihrer Niederlassung vor Ort, falls vorhanden. Gibt es keine, wählen Sie sich über einen x-beliebigen Hotspot ein, anstatt über die Leitungen eines Hotels, das vorzugsweise von internationalen Geschäftsreisenden frequentiert wird. Und sollten Sie zu einer bedeutenden Geschäftsverhandlung ins Ausland reisen, schlagen Sie auf jeden Fall das freundliche Angebot Ihres dortigen Geschäftspartners aus, Ihnen eine nette Suite in einem bestimmten Hotel zu reservieren. Buchen Sie Ihr Hotel lieber selbst. 

Mit H. Keith Melton sprach Gardiner Morse, Redakteur der "Harvard Business Review".



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