Beziehungsforscher Gottman "Oft sind Chefs ziemlich einsam"

Er ist einer der berühmtesten Beziehungsforscher der USA: John Gottman hat die Geheimnisse guter Ehen ergründet – weiß aber auch viel über Glück und Zoff am Arbeitsplatz zu sagen. Ein Interview über Chefs, echte Kollegialität und die Liebe im Büro.


Den besonderen Wert menschlicher Beziehungen am Arbeitsplatz zu rühmen ist modern: Wir sind uns einig, dass Manager eine gute Beziehung zu ihren Untergebenen aufbauen müssen, um sie zu Topleistungen zu animieren. Wir feiern Führungskräfte, die mit der nötigen emotionalen Intelligenz ausgestattet sind, um authentische und zuverlässige Beziehungen zu ihren Beschäftigten zu pflegen und sie auf diese Weise zu motivieren und zu inspirieren.

Denker Gottman: "Wir brauchen Humor, Spieltrieb, Albernheit - all die positiven Dinge, die wir mit allen Säugetieren gemeinsam haben."
Gottman Media

Denker Gottman: "Wir brauchen Humor, Spieltrieb, Albernheit - all die positiven Dinge, die wir mit allen Säugetieren gemeinsam haben."

Eine große und schnell wachsende Branche hat sich darauf spezialisiert, uns bei der Entwicklung unserer sogenannten Soft Skills zu unterstützen. Viele Konzernchefs engagieren Managementberater, und die Buchläden sind voll mit Ratgebern, die ganz genau erklären, wie man auf dem Weg nach oben ein Netz an Beziehungen aufbaut und pflegt.

Trotz der Bedeutung, die den zwischenmenschlichen Aspekten am Arbeitsplatz beigemessen wird, finden sich erstaunlich wenige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, welche Faktoren für das Funktionieren oder Scheitern von Arbeitsbeziehungen verantwortlich sind. So wissen wir zwar, dass die Chemie zwischen einem Mentor und seinem Schützling über den Erfolg dieser Beziehung entscheidet. Was aber das Geheimnis einer funktionierenden Beziehung ist, versuchen wir nicht herauszufinden - zumindest nicht konsequent.

Die Harvard Business Review hat den Psychologen John M. Gottman interviewt.

Man sagt, Sie können in kürzester Zeit und mit einer hohen Trefferquote vorhersagen, ob Paare auf lange Sicht zusammenbleiben. Wie machen Sie das?

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich ein Paar drei Stunden befragen und den Umgang der beiden Partner miteinander aufzeichnen kann - sowohl in positiven als auch in Konfliktsituationen -, dann könnte ich wohl mit mehr als 90-prozentiger Sicherheit sagen, ob das Paar in den kommenden drei bis fünf Jahren zusammenbleibt. In den vergangenen 35 Jahren habe ich mit 3000 Paaren gearbeitet, und die Daten stützen meine Behauptung. Andere Wissenschaftler sind mittlerweile zum gleichen Ergebnis gekommen.

Gefunden in...

Harvard Business Manager 02/2008

Dieser Text ist die gekürzte Fassung des Orginalgespräches. Mit Dank an den HBM.
Könnten Sie mir beibringen, wie ich entscheiden kann, ob ich Dick oder lieber Jane einstellen soll?

Ich weiß, dass diese Frage in den Medien gestellt wurde. Sie haben versucht, meine Arbeit aufzubauschen. Aber meine Forschungsergebnisse sind deshalb so zuverlässig, weil ich einzelne Beziehungen in ihren Besonderheiten analysiere. Einfach nur vorherzusagen, welcher Kandidat besser für einen Job geeignet ist - das geht nicht. Ich weiß zumindest, dass ich das nicht könnte. Bei meinen Forschungen bin ich darauf angewiesen, dass ich Paare untersuchen kann. Und selbst Paare muss ich in ihrem Umgang miteinander erleben. Je emotionaler und realistischer die Situation, desto besser kann ich zuverlässige Vorhersagen treffen.

Zum Beispiel arbeiten wir seit Jahren mit dem "Papierturmtest". Wir geben einem Paar Bastelutensilien wie Zeitungen, Schere, Tesafilm und Faden und lassen die beiden Partner einen Papierturm bauen. Er soll frei stehen, robust und schön sein. Wir geben ihnen eine halbe Stunde Zeit und sehen ihnen bei der Arbeit zu. Dabei sind es die ganz kleinen Dinge, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Einmal führten wir diesen Test mit drei australischen Paaren durch. Zuvor hatten wir die Partner über den jeweils anderen befragt, und sie sollten einen großen Konflikt schildern, den sie zu lösen versuchen. Die Interviews hatten wir aufgezeichnet. Dadurch verfügten wir bereits über erste Daten darüber, wie glücklich oder unglücklich die Partner waren. Bei einem der glücklichen Paare lief die Bastelübung so ab: "Also, wie machen wir das jetzt?", fragte der Mann. Sie antwortete: "Na ja, wir können das Papier falten, wir können es umdrehen, und wir können richtige Strukturen daraus machen." "Echt? Super", antwortete er. Die beiden hatten den Turm in null Komma nichts fertig. Die Frau eines unglücklichen Paares sagte am Anfang: "Also, wie machen wir das jetzt?" Ihr Mann erwiderte: "Moment mal, kannst du kurz ruhig sein, während ich mir die Konstruktion überlege?" Dass diese beiden Probleme bekommen würden, war nicht schwer zu erkennen.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Es klingt banal, aber im Grunde lassen sich all meine Forschungsergebnisse mit der Metapher eines Salzstreuers beschreiben. Wenn Sie ihn nicht mit Salz auffüllen, sondern mit all den Möglichkeiten, Ja zu sagen, dann wissen Sie, was eine gute Beziehung ausmacht. "Ja, das ist eine gute Idee." "Ja, das ist ein gutes Argument. Daran habe ich noch gar nicht gedacht." "Ja, dann machen wir das, wenn du meinst, dass es wichtig ist." Streuen Sie in Ihren Gesprächen miteinander immer wieder ein Ja ein - das macht eine gute Beziehung aus.

Im Gegensatz dazu ist der Salzstreuer in angeschlagenen Beziehungen mit all den Möglichkeiten gefüllt, Nein zu sagen. In gewalttätigen Beziehungen reagieren Männer auf die Bitten ihrer Frau häufig so: "Kommt nicht infrage." "Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen." "Du wirst mich nicht kontrollieren." Oder sie sagen einfach: "Halt den Mund." Unsere Forschungen haben gezeigt: Wenn ein Mann nicht bereit ist, die Macht mit seiner Frau zu teilen, wird sich die Ehe mit 81-prozentiger Wahrscheinlichkeit selbst zerstören.

Heißt das, in einer guten Beziehung gibt es keinen Raum für Konflikte?

Doch, natürlich. Eine konfliktfreie Beziehung ist nicht automatisch eine glückliche Beziehung, und wenn ich dazu rate, häufig Ja zu sagen, meine ich nicht, sich zu fügen. Sich einig sein ist nicht dasselbe wie sich fügen. Wenn jemand den Eindruck hat, ständig nachgeben zu müssen, wird die Beziehung niemals funktionieren. Es gibt Konflikte, die auf jeden Fall ausgetragen werden müssen, denn nachgeben bedeutet, ein Stück der eigenen Persönlichkeit aufzugeben.

Meine Frau kann ganz schlecht still sitzen und nichts tun. Vor einigen Jahren habe ich ihr ein Buch geschenkt mit dem Titel "Die Kunst, nichts zu tun" von Veronique Vienne. Sie hat es nie gelesen. Sie muss immer in Bewegung sein und irgendetwas tun. Ich bin ganz anders. Ich mache nicht wie sie dauernd verschiedene Dinge gleichzeitig. Wenn ich mir einen Tag frei nehme, dann will ich auch, dass es ein freier Tag ist. Ich will musizieren, ich will das Gefühl von Freizeit haben. Über diesen Unterschied streiten wir uns dauernd. Sie will, dass ich Dinge im Haus erledige, und ich will, dass sie sich entspannt. Und es lohnt sich, darüber zu streiten, weil es ein wichtiger Unterschied unserer Persönlichkeiten ist.

Worüber streiten Menschen in ihren Beziehungen sonst noch?

Im vergangenen Sommer habe ich 900 Streitgespräche analysiert. Mit Unterstützung meines Forschungspersonals habe ich Menschen zu ihren Streitigkeiten befragt. Wir haben sie bei Disputen im Labor und außerhalb beobachtet, und anschließend haben wir über das Thema gesprochen. Dabei haben wir herausgefunden, dass sich die meisten über Nichtigkeiten streiten. Es geht nicht um Geld oder Sex oder die Schwiegereltern - nichts dergleichen.



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