Bierbrauer im Libanon Hopfen statt Haschisch

Kriegsreporter, Investmentbanker - und schließlich Bierproduzent: Ausgerechnet in Beirut braut der Jungunternehmer Mazen Hajjar erfolgreich eigenes Bier. Es heißt nach der Vorwahl des Landes "961" - und sein Hersteller will auch ein Beispiel für ethische Unternehmenskultur geben.

Von , Beirut


An dem Tag, an dem Mazen Hajjar beschließt, eine Brauerei zu gründen, fallen Bomben auf seine Heimatstadt. Der damals 31-Jährige sitzt auf seiner Terrasse. Ab und zu zerreißen Detonationen die Starre, in die Beirut seit Beginn des Krieges Israels gegen die Hisbollah in diesem Sommer 2006 gefallen ist. Hajjars Wohnung liegt vielleicht vier Kilometer Luftlinie von den schiitischen Vororten entfernt: Genug, um sich zwar unbehaglich, aber sicher zu fühlen. Genug, um sich trotz Krieges zu langweilen.

Bierbrauer Mazen Hajjar: Mitten in der Nacht klingelten Leute und fragten nach Bier
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Bierbrauer Mazen Hajjar: Mitten in der Nacht klingelten Leute und fragten nach Bier

Hajjar schlägt ein Buch auf, das er schon lange lesen will: "Bier-Schule" von Steve Hindy. Der ehemalige Journalist beschreibt darin, wie er seine Mikro-Brauerei in Brooklyn gründete und sein Boutique-Bier zum Welterfolg machte. "Ich las den ersten Absatz und war wie elektrisiert", erinnert sich Hajjar heute an der Theke seines Bier-Restaurants im schicksten Ausgehviertel Beiruts. Denn der Autor begann die Erzählung von seinem Aufstieg zum Idol der Kleinbrauer-Gemeinde ausgerechnet mit einer Szene, die Hajjar nur zu bekannt vorkam. "Ich lag in meinem Bett in Beirut und wurde vom Wummern der Bomben geweckt", schreibt der ehemalige Kriegsreporter, der während des Bürgerkriegs in Beirut stationiert war.

Hajjar war klar: Das konnte kein Zufall sein. Sein Vorbild und er hatten zu viel gemeinsam. Beide waren sie als Reporter in Kriegen unterwegs gewesen, beide hatten sich das Bierbrauen selbst beigebracht, und offenbar reifte auch bei Hajjar just in dem Moment eine Geschäftsidee, als Beirut unter Feuer lag.

Kriegsreporter, Investmentbanker - dann Bierbrauer

"961" heißt das Bier, das zweieinhalb Jahre nach jenem Sommer nicht nur in vielen der besseren Kneipen des Libanon, sondern auch in Kanada, Schweden, Finnland und Dänemark zu haben ist. Als nächsten Abnehmer für seinen nach der Telefonvorwahl des Libanon benannten Gerstensaft hat Hajjar deutsche Händler im Blick. "Deutsche Kunden sind auf jedes besondere Bier neugierig", sagt er. "961" sei in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: "Das fängt schon damit an, dass wir die einzige handwerkliche Brauerei in der gesamten arabischen Welt sind." Hajjar hofft, bald einen Ableger in Deutschland zu gründen und dort für den europäischen Markt zu brauen. "Die Bedingungen in Deutschland sind immer noch die besten."

Hajjar hat sein Abitur an einem Hippie-Internat in England gemacht, hat einen Master in Politik-Wissenschaft, einen anderen als Jurist. Danach kamen Jahre als Kriegsfotograf in Sarajevo, dann war er Investmentbanker, mit 27 Jahren Berater der fünf wichtigsten libanesischen Banken. Mit 29 Jahren gründet Hajjar mit Freunden und einem Geldgeber vom Golf Menajet, die erste Billigfluglinie im Nahen Osten, mittlerweile eine Charterfluggesellschaft.

Mit 35 Jahren fängt er an, Bier zu brauen - und es dauert noch ein Jahr, bevor er sich während des Krieges entschließt, daraus einen Beruf zu machen.

Probleme als Alkohol-Produzent in einem mehrheitlich muslimischen Land hat er dabei nicht - obwohl er selbst aus einer muslimischen Familie stammt: "Seit Jahrtausenden wird im Libanon Wein gekeltert und Trester-Schnaps gebrannt." Bei Bier allerdings höre die Alkohol-Kultur auf: "Vor uns gab es genau eine einheimische Biersorte, Almaza", erzählt Hajjar in seinem in schwarz-weiß-rotem Industriedesign gehaltenen Lokal, in dem sich die Kellner Schürzen umbinden: Gleich beginnt das Mittagsgeschäft.



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