Bilanzfälschung: Moorhuhn-Macher bekommt fast vier Jahre Haft

Er wurde wegen des Kultspiels "Moorhuhn-Jagd" gefeiert - jetzt ist der frühere Phenomedia-Chef wegen Bilanzfälschung zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden. Er hatte den Börsenwert seiner Software-Firma mit falschen Umsatzzahlen auf zwischenzeitlich eine Milliarde Euro aufgebläht.

Bochum - Das Moorhuhn machte sie weltbekannt, doch es war auch ihr Verderben: Vor sieben Jahren wurde ein millionenschwerer Betrugsskandals bei der Software-Schmiede Phenomedia aufgedeckt. Jetzt hat das Bochumer Landgericht zwei Ex-Vorstände des Unternehmens verurteilt. Der frühere Phenomedia-Chef erhielt eine Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten, der damalige Finanzvorstand bekam drei Jahre.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich die beiden Ex-Manager der Bilanzfälschung, des Kreditbetruges und der Untreue schuldig gemacht haben. Beide hätten nach dem Börsengang der Phenomedia 1999 Umsatzzahlen immer weiter aufgebläht, um dem Erwartungsdruck der Börse standzuhalten, da die Anleger enorme Geldmengen in das Unternehmen gepumpt hätten.

Zwischenzeitlich hatte Phenomedia einen Börsenwert von einer Milliarde Euro. Die falschen Umsatzzahlen hätten die Erwartungen des Marktes immer weiter nach oben geschraubt, sagte der Vorsitzende Richter Gerhard Riechert. Doch letztlich sei die Schieflage aus steigenden Umsätzen und fehlenden Einnahmen aufgeflogen.

Die beiden Angeklagten hatten die Taten kurz vor Ende des vier Jahre und mehr als 120 Verhandlungstage dauernden Prozesses gestanden. Bei Prozessbeginn 2004 hatten sechs Beschuldigte auf der Anklagebank gesessen. Gegen vier von ihnen wurde das Verfahren gegen Bewährungsauflagen oder Geldstrafen eingestellt.

Die beiden Ex-Vorstände hatten sich im April 2002 selbst angezeigt. Nach Bekanntwerden der Bilanzfälschungen ging im selben Jahr der Aktienkurs von Phenomedia in den Keller, das Unternehmen musste Insolvenz anmelden. Das Kerngeschäft wurde an eine Investorenfirma verkauft und wird seitdem in der Phenomedia Publishing GmbH fortgeführt.

Auf die Haftstrafe rechnete das Gericht ein Jahr und drei Monate aus dem langen Verfahren an. Die Angeklagten hätten Jahre im Gericht zugebracht, in denen die Weichen für das spätere Leben hätten gestellt werden können, sagte der Richter. Darüber hinaus lägen die Straftaten lange zurück. Auch seien die Angeklagten bislang nicht vorbestraft gewesen.

In seinem Schlusswort räumte der Ex-Vorstandschef ein, sein "gesunder Menschenverstand" sei beim Unterzeichnen der gefälschten Bilanzen "ausgeschaltet" gewesen. "Wir haben ein Spiel gespielt. Monopoly - aber mit echtem Geld", sagte der Ex-Chef.

Versagt hätten aber auch die gesetzlichen Kontrollmechanismen. Der Gesetzgeber habe sich nicht bemüht, das "Chaos am Neuen Markt" zu verhindern. Im Grunde sei Phenomedia niemals börsenfähig gewesen.

ssu/dpa/ddp

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nach üblichem Verhalten in der Krise
jocurt1 13.02.2009
Zitat von sysopEr wurde als Erfinder der Kultspiels "Moorhuhn-Jagd" gefeiert - jetzt ist der frühere Phenomedia-Chef wegen Bilanzfälschung zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden. Er hatten den Börsenwert seiner Software-Firma mit falschen Umsatzzahlen auf zwischenzeitlich eine Milliarde Euro aufgebläht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,607543,00.html
sollte diesem erfolgreichen Unternehmer vom Steuerzahler unter die Arme gegriffen werden so mit ca. 1Mrd. Wenn aber nicht, wieso bekommen dann Banken das Geld für ihre aufgepuschten Derivat- und CBS Bilanzen ?
2. Wenn Dein Vater Kardinal ist, kannste Papst werden;o).
Rainer Helmbrecht 13.02.2009
Zitat von jocurt1sollte diesem erfolgreichen Unternehmer vom Steuerzahler unter die Arme gegriffen werden so mit ca. 1Mrd. Wenn aber nicht, wieso bekommen dann Banken das Geld für ihre aufgepuschten Derivat- und CBS Bilanzen ?
Das ist doch ganz klar, der kennt einfach nicht das richtige Moorhuhn;o). MfG. Rainer
3. ja, wo sind sie denn...
magrat 13.02.2009
Zitat von jocurt1sollte diesem erfolgreichen Unternehmer vom Steuerzahler unter die Arme gegriffen werden so mit ca. 1Mrd. Wenn aber nicht, wieso bekommen dann Banken das Geld für ihre aufgepuschten Derivat- und CBS Bilanzen ?
DIESE Frage stellt sich mir, die ich weder Moorhühner züchte noch Derivate fälsche, stattdessen meine Zeit offensichtlich damit verplempere, ein kleines Unternehmen namens „Familie“ führe, zur Zeit fast täglich – wo sind sie, die Millionen?
4. Geschäftsmodell Umsatz statt Gewinn dank Börse
Rainer Daeschler, 13.02.2009
Zitat von jocurt1sollte diesem erfolgreichen Unternehmer vom Steuerzahler unter die Arme gegriffen werden so mit ca. 1Mrd. Wenn aber nicht, wieso bekommen dann Banken das Geld für ihre aufgepuschten Derivat- und CBS Bilanzen ?
Die haben zu früh das Handtuch in die Luft geschmissen. jetzt ist es zu spät, dass ein Politiker sich mit der Rettung der Arbeitsplätze bei ihnen profiliert. Sie haben es auch falsch angepackt. Sie hätten die Luftumsätze geschäftlich produzieren müssen, aber nicht die Zahlen fälschen sollen. Die Mobilfunkunternehmen in neuen Markt kokettierten mit ihren Teilnehmerzahlen. Die zählten die vielen Prepaidhandys mit, wo mancher Teenager die Schublade voll hatte, jedes davon mindestens DM 200,- wert aber das erste Guthaben von DM 15,- nie abtelefoniert und nie ein weiteres gekauft, worauf das Geschäftsmodell basierte. Das war auch egal, denn man verdiente ja an Kurssteigerungen. Natürlich ging das nicht lange gut, aber die Vorstände sind längst gut versorgt im Ruhestand, oder beglücken das nächste Unternehmen mit ihren Talenten.
5. noch Fragen? Ja.
adrianhb 13.02.2009
Zitat von jocurt1sollte diesem erfolgreichen Unternehmer vom Steuerzahler unter die Arme gegriffen werden so mit ca. 1Mrd. Wenn aber nicht, wieso bekommen dann Banken das Geld für ihre aufgepuschten Derivat- und CBS Bilanzen ?
Welcher erfolgreiche Unternehmer? Warum eine Milliarde? Und welche Firma sollte damit gestützt werden? Phenomedia wurde bereits abgewickelt. Weil es einige Probleme gibt, wenn die Banken die Hufe hochreissen, offensichtlich gab es keine Probleme, als Phenomedia das getan hat. Die Begründung ist, dass es günstiger kommt, wenn man die Banken stützt und rettet, als wenn man sie untergehen lässt. Wenn ich das richtig verstanden habe, muss man Kredite trotzdem zurückzahlen, wenn eine Bank bankrott geht, Guthaben werden aber nicht direkt ausgezahlt. Wie auch, wenn kein Geld mehr da ist? Es gibt zwar Einlagensicherungsfonds und Kanzlerinnnenzusagen. Erstere dürften aber bei einem grösseren Bankensterben schnell überlastet sein und letztere sind - rein finanziell - die Luft nicht wert, mit der sie in die Welt gesetzt wurden. Hmm, ist die Frage damit geklärt? Dann würde ich gerne eine neue aufwerfen: Woher kommen plötzlich die ganzen Milliarden und warum konnte man die nicht schon früher in Bildung investieren? Hier in Berlin wurde an den Hochschulen leider spürbar gespart. Ich kenne mehrere Studenten, die nicht fertig werden konnten oder können, weil sie auf Prüfungen warten, die mangels Lehrkräften um Monate, oder ganze Semester verschoben werden. Nicht zu sprechen von den studierwilligen Studenten, die wegen eines NC's lange warten müssen. Optimal ist das nicht. Aber wenn der Staat glaubt, dass er sparen kann, indem er Menschen lieber Nebenjobs machen lässt als richtige Arbeit, dann wird das anscheinend so gemacht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Business bizarr
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare