Bilanzschwächen Stresstest-Liste brandmarkt Amerikas Krisenbanken

Allein die Bank of America braucht 34 Milliarden Dollar, um krisenfest zu werden - der Stresstest für das US-Finanzsystem zeigt, wie dünn die Kapitaldecke vieler US-Geldhäuser immer noch ist. Börse und Politik reagieren gelassen, doch Experten warnen: Die Kriterien der Regierung waren viel zu lasch.

Von , New York


New York - US-Finanzminister Timothy Geithner sparte sich die große Show: Es gab keine öffentliche Rede vor großer Kulisse, keine Live-Übertragung und keine Unterbrechung des Programms. Stattdessen: Ein Briefing nach Börsenschluss, flankiert von einer Presseerklärung, einem Übersichtsblatt und einem 37-seitigen Bericht voller Listen, Tabellen und Grafiken.

Stresstest-Verlierer Bank of America: Clever durchdachte Erwartungskontrolle
REUTERS

Stresstest-Verlierer Bank of America: Clever durchdachte Erwartungskontrolle

Die Bekanntgabe der Ergebnisse des Stress-Tests, den die US-Regierung den 19 Top-Banken des Landes verordnet hatte, war ein Musterbeispiel gemanagten Understatements. Ausgesuchte Resultate waren vorab lanciert worden. Auch Geithner selbst und Notenbankchef Ben Bernanke hatten sich in den vergangenen Tagen schon zu den Inhalten geäußert.

Weshalb die Vorlage am Donnerstag dann fast nur noch Schulterzucken auslöste: Zehn US-Banken brauchen zusätzliches Kapital von insgesamt 74,6 Milliarden Dollar, um einen hypothetischen Finanz-GAU zu überstehen. Diese Summe lag unter den Befürchtungen vieler Experten, die eher auf 100 bis 200 Milliarden Dollar getippt hatten.

Die Kommunikationsstrategie scheint aufgegangen zu sein: Als Geithner die Stresstests vor zwölf Wochen ankündigte, reagierten die Börsen noch mit Panik - allein angesichts des Umstands, dass solche Tests überhaupt nötig waren. Jetzt zeigen die staatlichen Hilfspakete für Konjunktur und Wall Street Wirkung, die Märkte haben sich erholt, und die Investoren sind gelassener.

"Jede Menge Schadensbegrenzung"

Das war clever durchdachte Erwartungskontrolle: Wieder und wieder betonte das Weiße Haus, allen voran US-Präsident Barack Obama, dass die Banken bei dieser historisch einzigartigen, von oben verordneten Herz-und-Nieren-Prüfung einer ganzen Branche zwar Probleme aufweisen würden - doch ihre Existenz stehe nicht in Frage. Das ließ zwar alle Optionen offen, vermied aber Armageddon-Szenarien der Art, wie ihnen Geithner anfangs noch so hilflos gegenübergestanden hatte.

Und es gab den Finanzwerten Zeit, sich zu erholen. So stieg die Aktie der Bank of America - die mit fast 34 Milliarden Dollar mehr Extrakapital braucht als alle anderen Geldkonzerne zusammen - seit Beginn der Stresstests um 150 Prozent. Auch im nachbörslichen Handel am Donnerstag zogen die meisten Werte wieder an.

"Ich glaube, dass die Stresstests das System zuerst wirklich kopfscheu gemacht haben", sagte Finanzanalyst Paul Miller von FBR Capital Markets der "Washington Post". Die Regierung habe aber "jede Menge Schadensbegrenzung betrieben", um zu versichern, dass es "schon gutgehen wird". Sheila Bair, die Vorsitzende der Einlagensicherung FDIC, umschrieb diese Strategie als "vertrauensbildende" Maßnahme.

Gütesiegel für die Bankenbranche

Trotzdem stecken erschreckende Zahlen in den Papieren: Die staatlichen Rechnungsprüfer gehen davon aus, dass die Banken bis Ende 2010 im schlimmsten Fall fast 600 Milliarden Dollar an neuen Verlusten anhäufen könnten. Mit den Finanz-EKGs trennt die Regierung dabei nun erstmals die Spreu vom Weizen. Es ist ein staatliches Gütesiegel, von dem noch keiner weiß, welche Folgen es haben wird - nicht nur für die Banken selbst, sondern auch für Kunden, die Kredite suchen. Schon prophezeit das "Wall Street Journal" eine "neue, potentiell chaotische Phase" der Krise.

Denn Investoren, Verbraucher und Regierung können fortan auf eine Hitliste stabiler und maroder Banken zurückgreifen. Die zehn schwächsten Institute, von unten nach oben gebrandmarkt heißen: Bank of America, Wells Fargo, die GM-Finanztochter GMAC, Citigroup, Regions, SunTrust, KeyCorp, Morgan Stanley, Fifth Third und PNC. Prompt reagierten die Betroffenen noch am Abend mit einer Lawine aus Pressemitteilungen, Konferenzschaltungen und finanziellen Ankündigungen, um der Öffentlichkeit ihre Solvenz zu versichern.

Die geprüften Konzerne stellen zudem nur einen Bruchteil der rund 8000 US-Banken dar. "Dies wird helfen", versprach Minister Geithner trotzdem, "den Nebel der Unsicherheit zu lüften."

Kritiker sprechen von "Federtests"

Der Nebel ist gelüftet, der Nutzen bleibt umstritten. In der Bankenszene - die sich anfangs über die Gängelung beschwert hatte - werden die Stresstests inzwischen sogar als "Federtests" verlacht, wie ein Top-Banker gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigte: Die Kriterien seien von der Industrie kräftig mitbestimmt und verwässert worden.

"Nicht ganz so stressige Tests", lästerte auch "WSJ"-Börsenkolumnist Peter Eaves. Bob McTeer, Ökonom am National Center for Policy Analysis, kritisierte auf CNBC, die Resultate gäben "einen falschen Eindruck von Präzision". Finanzanalyst Yves Smith bemängelte, die Stresstest-Rechenmodelle beruhten auf "allzu optimistischen" Szenarien, die die Branche selbst entwickelt habe. Selbst die "Times" verwies auf die "tobende Debatte" unter Experten, "ob diese Übung nicht auf eine Schönfärberei der Probleme und Verwundbarkeiten der Banken hinauslaufe".

Geithner widersprach dem energisch: "Dies war ein sorgfältig entwickelter, glaubwürdiger Test", sagte er.

Eigentlich sollten die Tests anfangs ja auch nur feststellen, welche Banken weitere Geldspritzen aus Washington benötigten, über das 700-Milliarden-Dollar-Mammutpaket vom Herbst hinaus. Die Resultate sollten geheim bleiben - ein Vorsatz, der in der aufgeheizten Atmosphäre um Bilanzen und Bonuszahlungen nicht lange hielt.

Hoffnung auf Klarheit

Seither sind die Stresstests zu etwas viel Größerem avanciert - zu einer Nagelprobe des Vertrauens, die den Kreditmarkt auftauen soll. "Mit der Klarheit der heutigen Bekanntgabe", sagte Geithner denn auch, "hoffen wir, dass die Banken sich jetzt wieder ans Bankgeschäft machen."

Damit beginnt aber auch das nächste Kapitel des Dramas: Die Finanzkonzerne haben nun einen Monat Zeit, die angemahnten Kapitalpläne vorzulegen, und erhalten dann noch mal eine Frist bis November, um das Geld wirklich zusammenzukratzen. Dabei kommt es darauf an, wie wasserdicht die Tests am Ende sind - und wie viel Glauben die Investoren den Zeugnissen schenken.

Ungeklärt ist dabei, wie genau sich die Banken "entstressen" sollen. Die bevorzugte Option scheint mittlerweile, dass die Institute die Milliarden aus eigener Kraft aufbringen oder aus bereits erfolgten Staatszuwendungen - und nicht durch einen neuen Gang zum Kongress, der auch kaum gewillt ist, weitere Gelder bereitzustellen. Geither zeigte sich "halbwegs zuversichtlich", dass das auch klappen werde. Dieses Prinzip funktioniert allerdings nur, wenn die Konjunktur nicht weiter an Fahrt verliert.

Obama will keine Banken führen

Offen bleibt zudem, welche Konsequenzen die Tests auf Management und Struktur der Banken haben werden. Regierungssprecher Robert Gibbs drückte sich bisher um die Frage herum, ob Obama notfalls sogar Vorstandschefs zum Abtritt zwingen würde wie in der Autobranche.

Auch die drohende Verstaatlichung, die seit Beginn der Krise über den US-Banken schwebt, ist nicht aus der Welt. Die Citigroup hat bereits angekündigt, einen Teil der 45 Milliarden Dollar, die es von der Regierung bekommen hat, in Stammaktien umzuwandeln, um neues Kapital aufzubringen. Dies würde dem Staat eine Beteiligung von bis zu 36 Prozent an dem Unternehmen garantieren - zu Lasten der bisherigen Shareholder.

Die Regierung will jedoch allen Beteuerungen zufolge die Finger so weit wie möglich von den Banken lassen. "Ich will keine Banken führen", sagte Obama vorige Woche an seinem 100. Amtstag. "Ich habe schon zwei Kriege, die ich führen muss. Ich habe mehr als genug zu tun."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde der Bank of America ein Kapitalbedarf von 44 Milliarden Dollar attestiert. Den Ergebnissen des Stress-Tests zufolge liegt der Wert aber bei 34 Milliarden Dollar. Der Text wurde entsprechend korrigiert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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