Bilanzskandal bei WorldCom Schlimmer als Enron

Der Bilanzskandal beim US-Telekommunikationskonzern WorldCom schockt die Märkte. Das Unternehmen hat seine Gewinne offenbar um 3,8 Milliarden Dollar aufgebläht. Den Wirtschaftsprüfern von Andersen war das nicht aufgefallen.


Ex-CEO Ebbers: Die SEC ermittelt wegen Bilanzfälschung
DPA

Ex-CEO Ebbers: Die SEC ermittelt wegen Bilanzfälschung

Clinton - Mit einem Mal ist die Enronitis an den Aktienmärkten wieder das beherrschende Thema: Wie die interne Revision des US-Telekommunikationsunternehmens WorldCom festgestellt hat, wurden Ausgaben in der Bilanz als Investitionen ausgewiesen. Dadurch soll der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um 3,8 Milliarden Dollar aufgebläht worden sein. Die vom Wirtschaftsprüfer Andersen testierte 2001er Bilanz nach US-GAAP ist anscheinend falsch. Zum Vergleich: Der bankrotte Energiehändler Enron hatte seinen Gewinn in einem vierjährigen Zeitraum um 586 Millionen Dollar zu hoch angegeben.

"Unser Führungsteam ist geschockt", erklärte WorldCom-Chef John Sidgmore. Er hatte seinen Posten erst am 29. April übernommen. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben die amerikanische Wertpapier- und Börsenkommission SEC und ihre wichtigsten Banken von den Entdeckungen informiert.

Korrektur der vergangenen fünf Quartale

WorldCom, einer der Stars des Aktienbooms, gab weiter bekannt, dass das Unternehmen ohne die fehlerhaften Buchungen im Geschäftsjahr 2001 einen Verlust ausgewiesen hätte. Das gleiche gelte für das erste Quartal 2002. Nach den bisherigen Zahlen hatte WorldCom 2001 einen Gewinn von 1,4 Milliarden Dollar ausgewiesen, im ersten Quartal des laufenden Jahres lag der Überschuss bei 130 Millionen Dollar.

Der Konzern will seine Geschäftsergebnisse für die fünf fraglichen Quartale heute offiziell korrigieren und am Freitag mit der Entlassung von 17.000 Mitarbeitern beginnen. Dies teilte WorldCom am Dienstagabend nach Börsenschluss mit.

Details noch unklar

Noch ist nicht bekannt, wie genau WorldComs Zahlen manipuliert wurden. In einer Pressemitteilung spricht das Unternehmen davon, dass Ausgaben als Investitionen verbucht worden seien. Hintergrund dieser Praxis ist, dass sich Ausgaben bilanztechnisch gesehen negativ auf das Unternehmensergebnis auswirken. Investitionen in Anlagevermögen oder Ähnliches können hingegen zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt abgeschrieben werden - folglich wird das Ergebnis zunächst nicht geschmälert.

Nach Angaben des Unternehmens waren die Unregelmäßigkeiten erstmals während einer kurz nach dem Abgang von Ex-CEO Bernie Ebbers durchgeführten internen Prüfung aufgefallen. Das Unternehmen habe daraufhin seinen Wirtschaftsprüfer KPMG verständigt, der zu dem Schluss gekommen sei, die Börsenaufsicht müsse unverzüglich informiert werden. WorldComs früherer Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen, der die Zahlen testiert hat, wies in einer Erklärung alle Schuld von sich: Andersen habe stets auf die Einhaltung der Bilanzregeln geachtet. WorldComs Finanzchef Scott Sullivan habe Andersens Prüfern vorsätzlich Informationen vorenthalten.

Reale Gefahr eines Konkurses

Ob WorldCom diesen an Enron erinnernden Skandal überstehen kann, wird von Experten bezweifelt. Das Unternehmen ächzt bereits unter einer Schuldenlast von 30 Milliarden Dollar und befindet sich derzeit in Verhandlungen mit seinen Banken über weitere fünf Milliarden Dollar Kredit. WorldCom braucht mittelfristig dringend Cash, um seine Schulden bedienen zu können. Der Bilanzskandal, der sich jetzt abzeichnet, dürfte die Bereitschaft von Banken und Investoren senken, WorldCom weitere Mittel zur Verfügung zu stellen. "Das dürfte das abschließende Kapitel für dieses Unternehmen sein", sagte

Analyst Blake Bath von Lehman Brothers dem "Wall Street Journal", "Sie haben das Vertrauen der Finanzwelt verletzt".

Märkte reagieren mit Panik

WorldComs Aktie brach nachbörslich von 83 Cents auf nur noch 35 Cents ein. Sie hatte auf dem Höhepunkt des Booms der neunziger Jahre zeitweise mit über 60 Dollar notiert.

Der Dax fiel im frühen Handel um rund sechs Prozent auf den tiefsten Stand seit dem 25. September 2001. "Hier geht die Angst um, dass WorldCom kein Einzelfall ist und andere Unternehmen auch falsche Bilanzen ausgewiesen haben", sagte ein Frankfurter Aktienhändler und verwies auf die Bilanzunregelmäßigkeiten beim US-Energiehändler Enron.

Seit dem Bekanntwerden von Bilanzmanipulationen bei Enron vor einigen Monaten geht an den Aktienmärkten die als "Enronitis" bezeichnete Angst um, auch andere Großkonzerne könnten es in der Vergangenheit mit der Bilanzierung nicht so genau genommen haben.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.