Bilderberg-Konferenz Mächtig überschätzt

Die Bilderberg-Konferenz ist ein Beispiel dafür, wie Geheimhaltung Argwohn weckt. Sollte sie deshalb abgeschafft werden? Nein. Aber ignorieren dürfen wir sie gerne - wenn wir sonst genau hinschauen.

Bilderberg-Tagungshotel in Tirol: Kein erkennbarer Wert für die Gesellschaft
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Bilderberg-Tagungshotel in Tirol: Kein erkennbarer Wert für die Gesellschaft

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120 bis 150 aktuelle und frühere Staatschefs, Diplomaten, Wirtschaftsbosse, Militärs, Adlige, Intellektuelle und Journalisten versammeln sich jedes Jahr unter großem Polizeischutz an einem abgeschiedenen und möglichst lange geheim gehaltenen Ort. Sie treffen sich, um miteinander über die großen Themen der Welt zu sprechen, ohne den Druck, öffentlich über ihre Zusammenkunft Rechenschaft ablegen zu müssen.

Die Bilderberg-Konferenz wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, in der Herrenrunden im Hinterzimmer eines Klubs in schweren Ledersesseln bei Whisky und Zigarre Pläne auskungelten, Verabredungen trafen und Märkte unter sich aufteilten. Der Eindruck bleibt, auch wenn heute auf vier männliche immerhin eine weibliche Teilnehmerin kommt.

Zusammenkunft der Echsenmenschen

Jahrzehntelang war kaum bekannt, dass es die Konferenz (die 1954 zum ersten Mal stattfand) überhaupt gibt. Erst seit wenigen Jahren hat die Organisation eine Website, auf der sie wenigstens die Liste der Teilnehmer und die Schlüsselthemen bekannt gibt, über die in den vier Tagen diskutiert werden soll. Die sogenannte Chatham House Rule verbietet es den Teilnehmern allerdings, darüber zu sprechen, wer der Anwesenden was zu welchem Thema gesagt hat.

Große Geheimnistuerei, Teilnehmer, die sich weigern, über ihre Erlebnisse zu sprechen, ein ausufernder Sicherheitsaufwand - die Bilderberger tun alles, um möglichst viel Argwohn zu wecken. Wer nichts zu verbergen hat, muss sich schließlich auch nicht verstecken - so die einfache Schlussfolgerung. Bilderberg ist der Traum jedes Verschwörungstheoretikers, die Teilnehmer sind je nach Sichtweise die globalen Nazis oder das Finanzjudentum - und für manche auch einfach die Echsenmenschen.

Es ist leicht, sich über solch verquere Theorien lustig zu machen, zumal es neben den Bilderbergern noch eine ganze Reihe weiterer solcher Treffen gibt - die Münchner Sicherheitskonferenz etwa, die Trilaterale Kommission, das Council on Foreign Relations oder das Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der Frust darüber ist berechtigt, dass sich demokratisch gewählte Politiker unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Konzernchefs treffen, oder Notenbanker mit Großinvestoren. Auch wenn es nicht gleich die große Weltverschwörung ist - Kungelei und zu große Nähe von Politik und Wirtschaft sollten nicht noch gefördert werden. Zumal die übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen für diese Treffen, die keinen erkennbaren Wert für die Gesellschaft haben, aus Steuergeldern bezahlt werden.

Eine freie, aber unkluge Entscheidung

In einer Zeit, in der immer mehr Bürger für Transparenz kämpfen, für die Offenlegung der Verhandlungsmandate für das Freihandelsabkommen TTIP beispielsweise, in einer Zeit, in der die schlimmsten Überwachungsdystopien durch die NSA noch übertroffen werden, sollten Politiker solche Veranstaltungen meiden. Was Konzernchefs, Ex-Politiker oder Intellektuelle tun, bleibt allerdings ihnen selbst überlassen. Auch Journalisten nehmen an der Bilderberg-Konferenz teil, in diesem Jahr sogar zwei mächtige Verlagsleiter aus Deutschland. Auch das ist deren freie Entscheidung, die man allerdings für unklug halten kann. Mehr aber auch nicht.

Statt über die Geheimnisse der Bilderberg-Konferenz zu rätseln, die in diesem Jahr doch eher zweitklassig besetzt und tatsächlich altmodisch wirkt, sollten wir ganz woanders hinschauen. Die gefährlichsten Kungeleien finden gleichsam unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Lobbyisten brauchen keine Konferenzen, um Einfluss auf die Politik zu nehmen. Sie sitzen direkt vor der Tür des Parlaments - in der Lobby, wo jeder hineinspazieren kann.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Nicolai Kwasniewski ist Redakteur im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Nicolai_Kwasniewski@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
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Seite 1
tölpell 11.06.2015
1. so so
der spiegel unterstütz dieses typen anscheinend. wieso sonst werden die bilderberger plötzlich öffentlich und dann noch so harmlos dargestellt. und im gleichen zug mit dem finger auf andere zeigen..... sogar der club of rome und der relations club werden auf einmal öffentlich genannt !
enerbanske 11.06.2015
2. Unbedeutend
Es ist relativ egal, wer sich wo mit wem trifft. Dank Internet ist es heute relativ leicht, festzustellen, wo die Fäden zusammenlaufen, die das Marionettentheater "Welt" steuern. Das Ergebnis dürfen wir täglich live erleben.
question2001 11.06.2015
3. Nicht hinschauen?
Wieso denn das? Wenn sogar auf den Po von Kim Kardashian geschaut wird kann man auch weiterhin auf Bilderberg schauen, zumal das bisher so gut wie nie der Fall war. Dass da jetzt auch Frauen dabei sind, und das Bild des Zigarre rauchenden Männerclubs nicht (mehr) passt, ist weiß Gott kein Grund anzunehmen dass da alles mit rechten Dingen zugeht. Dass da keine Finanzjuden und Echsenmenschen mauscheln ist dann aber eine so alberne Verharmlosung dass man tatsächlich auf die Verschwörungsidee kommen könnte der Artikel selbst soll ablenken von der Veranstaltung. Ich nehme aber mal an dass der junge Autor noch nicht teilnehmen durfte, und somit nicht zu dem potentiellen Verschwörerkreis gehört. Ob sein "mächtiger Verlagsleiter" ihm das einflüsterte? Vermutlich auch nicht. Klar ist dennoch dass dort der Schulterschluss von Marktliberalen quer durch Politik, Wirtschaft und Medien verfestigt wird. So im Sinne von – Deregulierung und Senkung der Staatsquote führen zwar leider zu gewissen menschlichen Opfern, sind aber unterm Strich alternativlos. Und wer das wisse, nämlich sie die Oberwichte, sorry, Oberwichtigen, der Welt die würden schon dafür sorgen, zwinker, zwinker, dass es da keine Experimente seitens irgendwelcher gefährlicher Visionäre gibt. Das hat nichts damit zu tun dass auch der Lobbyismus in Berlin ein demokratisches Krebsgeschwür ist das geheilt werden muss. Zunächst durch Durchleuchtung. Allein die Ungleichverteilung der Kräfte und Finanzmittel sorgt automatisch für ein Untergewicht von sozialen und ökologischen Belangen. Da muss man natürlich AUCH hinschauen. Generell sollte man überhaupt, statt auf den Po von Kim, mehr darauf schauen welche Mechanismen wirken um die Interessen der Privilegierten in unser Machtsystem zu penetrieren, durch politische Absprachen, den Tenor der Berichterstattung, usw..
marthaimschnee 11.06.2015
4.
Dumm ist nur ein Punkt und das völlig unabhängig davon, ob die Verschwörungen im stillen Kämmerlei oder direkt per Lobbyismus vor aller Augen stattfinden: sowie es um Geld geht (und bei den Reichen und Mächtigen geht es IMMER um Geld), entsteht der Eindruck, unsere Staatsform wäre "Korruption"!
Ingridsagt 11.06.2015
5. Sehr guter, ausgewogener Artikel, der die Dinge
in die richtige Perspektive setzt.
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