Spesenritter bei Bilfinger-Tochter BBS "Kleine Auszeit" im Fünf-Sterne-Hotel

Der Industriekonzern Bilfinger steht wegen Korruption seit Jahren unter US-Aufsicht. Der Fall einer Tochterfirma zeigt, wie Manager mit dem Geld des Unternehmens geprasst haben.

Bilfinger-Zentrale in Mannheim
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Bilfinger-Zentrale in Mannheim

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Eines Tages beschloss der Manager Manfred R., sich und einem Geschäftspartner vom Stromriesen Vattenfall eine kleine Auszeit zu gönnen - auf Firmenkosten, natürlich. "Kleine Auszeit" - so hieß das Wochenendarrangement der "Villa Hammerschmiede" bei Karlsruhe, bekannt für ihr schickes Felsenbad mit Dampfgrotte und Whirlpool. Und in dem Fünf-Sterne-Hotel lebten R., der Vattenfall-Mann und ihre Begleiterinnen oder Begleiter drei Tage lang auf großem Fuß.

Sie aßen mehrgängige Gourmetmenüs, dazu Schwarzwaldforelle, Ochsenrippe, pochierten Kabeljau. Rauchten "Exquisitos"-Zigarren. Und sie tranken, tranken, tranken: Bier, den Hausaperitif, Pflaumenschnaps, Grappa, Riesling, Weißburgunder sowie erlesene Rotweine aus Burgund, Italien und Spanien - was der Keller so hergab. Am Ende der dreitätigen "kleinen Auszeit" im Oktober 2011 standen auf der Rechnung 3752,40 Euro für zwei Doppelzimmer, Speisen, Getränke und Trinkgeld. R. zahlte alles mit der Kreditkarte seiner Firma: Babcock Borsig Steinmüller (BBS), einer hundertprozentigen Tochter des Industriekonzerns Bilfinger.

In den vergangenen Tagen hat der SPIEGEL Unregelmäßigkeiten im Bilfinger-Imperium enthüllt. Sie deuten darauf hin, dass die Konzernleitung jahrelang nicht so genau hingesehen hat, wenn es um den Einsatz unlauterer Mittel im Wettbewerb um lukrative Aufträge ging. Das Beispiel BBS zeigt wie unter einem Brennglas, woran der Bilfinger-Konzern über Jahre hinweg krankte: Eine Gleichgültigkeit gegenüber ethischen Fragen der guten Unternehmensführung. Und dazu eine ausgeprägte Selbstbedienungsmentalität. Das legen vertrauliche Dokumente nahe, die dem SPIEGEL vorliegen.

Das Bilfinger-Dossier

Bei BBS ging es nicht bloß um Spesenrittertum. Es ging auch um Korruption und mutmaßliche Selbstbereicherung in der Führungsspitze. Um sündhaft teure Geschenke, deren Empfänger bis heute unbekannt sind. Um Zuwendungen an Amtsträger, nebulöse Provisionszahlungen an Vertreter und Berater, millionenschwere Baukassen - und eine teils intransparente Buchhaltung.

"Bilfinger SE - Bericht über die Sonderuntersuchung Projekt 'Crux'" steht auf dem Deckblatt eines Gutachtens. Die 158 Seiten dahinter lesen sich wie eine Anklageschrift gegen das frühere BBS-Topmanagement rund um Georg G., den Vorsitzenden der Geschäftsführung. Erstellt haben das "Crux"-Gutachten Wirtschaftsprüfer von Deloitte & Touche im Jahr 2015.

"Unsere wesentlichen Erkenntnisse", schreiben sie gleich auf Seite 1, "stellen nicht nur klare Verstöße gegen die Richtlinien des Bilfinger Konzerns sowie die Vorschriften gemäß HGB [Handelsgesetzbuch] und die allgemeinen Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung dar, sondern bergen sowohl steuerliche, als auch rechtliche Risiken."

Mögliche Korruption in Bangladesch

BBS, ein 1600-Mitarbeiter-Unternehmen mit Sitz in Oberhausen, hielt Kraftwerke instand, wartete und erneuerte sie. Ebenso wie die Konzernmutter Bilfinger machte auch BBS millionenschwere Geschäfte im Ausland. Jahrelang konnten die BBS-Manager kaum behelligt schalten und walten.

Aber 2014 setzte die US-Regierung Bilfinger einen Aufpasser ins Haus. Dieser sogenannte Monitor sollte für das US-Justizministerium überprüfen, ob der Konzern Korruption wirksam bekämpft. Im Sommer 2014 stießen dann Kontrolleure der Bilfinger-Zentrale auf Unregelmäßigkeiten bei BBS. Und beauftragten Deloitte & Touche, in Oberhausen eine vertiefte Buchprüfung im Hinblick auf Korruptionsrisiken im Vertrieb durchzuführen.

Die Deloitte-Leute wurden fündig. Besonders fiel ihnen ein Fall in Bangladesch auf. Es ging um die Lieferung und Installation einer Wasservorwärmanlage an den staatlichen Düngemittelhersteller ZIA. Der hatte schon jahrelang mit BBS Geschäfte gemacht und Monate zuvor direkt bei BBS wegen des Wassererhitzers angefragt. Diesmal aber wurde unmittelbar vor Auftragserteilung ein Generalunternehmer zwischengeschaltet: Maxwell Power Services Ltd - eine Gesellschaft mit Sitz in Singapur, die selbst erst kurz vor dem Deal gegründet wurde. Ergebnis: BBS lieferte Leistungen an Maxwell im Vertragswert von 2,49 Millionen Euro; Maxwell seinerseits berechnete der ZIA 3,21 Millionen Euro. Die Marge strich der Generalunternehmer Maxwell ein. Ohne erkennbare Mehrleistung.

Exorbitante Zahlungen an Intermediäre - im Fall von Maxwell mehr als 700.000 Euro oder 22 Prozent des Auftragswerts - können auf Korruption hindeuten. Die Deloitte-Prüfer fragten beim BBS-Management nach. Befriedigende Antworten erhielten sie nicht. "Warum Maxwell hier eingeschaltet wurde, konnte uns nicht erklärt werden", heißt es im Gutachten. "Auch nicht, von wem die Anfrage kam, Maxwell als Generalunternehmer dazwischenzuschalten."

Bilfinger gab nach dem Bericht weitere Prüfungen in Auftrag. "Im Rahmen der Untersuchung wurden Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der Geschäftsbeziehung zu einem Handelsvertreter in Bangladesch festgestellt", erklärt der Konzern nun auf Anfrage des SPIEGEL. Und räumt "irreguläre Zahlungen" ein.

Großzügige Geschenke

Mit dem Geld ihres Unternehmens gingen die BBS-Geschäftsführer äußerst großzügig um. So gewährten sie 20 externen Vertriebsmittlern Zahlungen von gut 4,4 Millionen Euro - obwohl diese Vertreter und Berater unvollständige oder gar keine Leistungsnachweise erbrachten. Bei einer Vertriebsberaterin, die mehr als 300.000 Euro kassierte, fanden die Prüfer heraus: Sie hatte Marktberichte aus dem Internet kopiert.

Generös war die BBS-Führung auch bei Geschenken. Mindestens 87 Präsente im Gesamtwert von rund 80.000 Euro verteilte sie 2013 und 2014 allein im Inland. Wer deren Empfänger waren, ist bis heute unbekannt. Dabei heißt es im Bilfinger-Verhaltenskodex: "Geschenke und Bewirtungen müssen maßvoll, dem jeweiligen Anlass angemessen und sporadisch sein." Jede Zuwendung im Wert von mehr als 50 Euro an private Geschäftspartner hätte innerhalb eines Monats der zuständigen Geschäftsführung gemeldet werden müssen.

Weitere Präsente gingen an Amtsträger, obwohl hier das Risiko, sich wegen Bestechung strafbar zu machen, besonders hoch ist - und Staatsdiener in der Regel allenfalls kleine Aufmerksamkeiten im Wert von wenigen Euro annehmen dürfen.

Dem hauseigenen Compliance Officer, der auf die Einhaltung der Verhaltensregeln achten sollte, meldete die BBS-Führung gar keine Geschenke an Amtsträger. Obendrein hatte der damalige kaufmännische Geschäftsführer Bernhard K. bei vorhergegangenen Kontrollen behauptet, es gebe keine Geschenke oberhalb der konzernintern festgelegten Wertgrenze von 50 Euro. Der Durchschnittswert der 87 Präsente mit unbekanntem Empfänger betrug allerdings mehr als 900 Euro. K. habe "wissentlich nicht korrekt auf die Fragen der Prüfer von KPMG und dem Compliance Officer geantwortet", resümieren die Deloitte-Prüfer.

Wer ihren Bericht liest, kommt zu dem Eindruck, dass das Top-Management bewusst so gehandelt hat. Hatten doch schon vorherige Prüfer Unregelmäßigkeiten und Intransparenz in den BBS-Büchern bemängelt. "Die Geschäftsführung der BBS hat trotz der Erkenntnisse und Empfehlungen […...] versäumt", schreibt Deloitte, "die Lücken im internen Kontrollsystem zu schließen, für die nachhaltige Umsetzung der Compliance Richtlinien zu sorgen und die Schwächen in den Prozessen und der Dokumentation abzustellen."

Geschäftsführer K. tat auch sich selbst Gutes. Als der Leasingvertrag für seinen Firmenwagen auslief, kaufte er BBS den vier Jahre alten Audi A5 3.0 TDI für 1936,37 Euro ab - obwohl der Wagen einen Marktwert von gut 17.000 Euro hatte. Unternehmenschef Georg G. und ein weiterer Geschäftsführer nickten den Deal ab. "Dadurch ist ein Schaden von ca. TEUR 15 für die BBS entstanden", schreibt Deloitte. "Die BBS hätte aus wirtschaftlichen, aber auch steuerlichen Gründen das Fahrzeug zum kalkulatorischen Restwert übernehmen und Herrn K. [Name von der Redaktion gekürzt] zum Marktwert verkaufen müssen. Herr K. hat [...] entschieden [...] zum wirtschaftlichen Nachteil der BBS zu handeln." Als der Deal herauskam, gab K. den Audi an BBS zurück. Auf Anfrage des SPIEGEL äußerte sich der Manager nicht.

Handgeld von 1500 Euro pro Tag

Auch der oberste BBS-Chef Georg G. fiel den Kontrolleuren auf. 25 Abgesandten eines staatlichen libyschen Stromversorgers, die 2014 zu Delegationsreisen nach Deutschland kamen, gewährte er auf Anfrage ein Handgeld von je 1500 Euro pro Tag. Laut dem Deloitte-Gutachten handelte er dabei entgegen der geltenden Richtlinien, ohne Vertragsgrundlage - und ohne vorab eine Genehmigung vom Compliance Officer einzuholen. Der Stromkonzern erklärte sich später bereit, das Geld zurückzuzahlen. G. wollte sich auf Anfrage des SPIEGEL nicht zu BBS äußern. Er sei im Urlaub, ließ er ausrichten.

Immerhin fielen er und Geschäftsführer K. nicht so sehr durch exorbitante Spesenrechnungen auf wie ihr Chief Operating Officer, Manfred R.. Der verschwieg seine "kleine Auszeit" den zuständigen Stellen im Unternehmen - obwohl die 3752,40 Euro weit über der Wertgrenze von 100 Euro pro Person lag, ab der er die Bewirtung im Konzern hätte melden müssen Den Deloitte-Prüfern erklärte R., er habe die Meldung "vergessen". Auf den Bewirtungsbelegen trug er die Namen von insgesamt sechs angeblichen Geschäftspartnern ein. Die Ermittler äußerten Zweifel: wegen der Treffen am Wochenende - und weil sowohl die Zahl der Speisen auf der Rechnung wie auch die beiden Doppelzimmer in der Villa Hammerschmiede darauf hinwiesen, dass es sich vier Personen auf den BBS-Deckel gut gehen ließen.

"Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Anzahl der bewirteten Personen bewusst überhöht dargestellt wurde, um die durchschnittlichen Bewirtungskosten pro Person auf einen Betrag unterhalb der Meldegrenzen zu reduzieren", schreiben die Deloitte-Prüfer. Bei mindestens 16 Bewirtungen habe es solche Abweichungen zwischen der von R. angegebenen Anzahl der teilnehmenden Personen und der Zahl der Speisen auf den Rechnungen gegeben.

R. erklärte dazu, oft hätten Teilnehmer derartiger Treffen nur getrunken, aber nicht gegessen. Aber auch das überzeugte die Prüfer nicht. Als R. etwa einen Bewirtungsbeleg des Hamburger Sterne-Restaurants Louis C. Jacob über 1164,30 Euro einreichte, gab er an, zwölf Personen hätten getafelt. Das hätte gerade gereicht, unter der 100-Euro-Meldegrenze zu bleiben. Auf der Restaurantrechnung stand aber: "Gästezahl: 4".

16.000 Euro für Fußballtickets

Besonders belastete R. seine Firmenkreditkarte für den Fußball. Rund 16.000 Euro gab er zwischen 2011 und 2013 für Ticketpakete für jeweils zwei Personen aus. Wer sich im Stadion vergnügt hat, ist zum Teil bis heute ungeklärt. R. selbst wollte auf Anfrage nichts dazu sagen. "Ich habe mit diesem Unternehmen abgeschlossen", teilte er dem SPIEGEL mit.

Bilfinger erklärt, man habe nach dem Bericht "entsprechende personelle Konsequenzen gezogen und Schadensersatzansprüche gerichtlich geltend gemacht." Am 18. März 2015, keine drei Wochen nach Veröffentlichung des Gutachtens, mussten die Manager K. und R. ihre Posten abgeben. Am 7. April folgte ihnen Vorstandschef G.. Laut Bilfinger dauerte der anschließende Rechtsstreit über zwei Jahre, dann wurde ein Vergleich geschlossen. Man habe das interne Kontrollsystem der BBS "grundlegend überarbeitet", schreibt die Pressestelle, "um künftig solche Fälle zu vermeiden."

Aber BBS ist mittlerweile Vergangenheit. Im September 2017 schloss der Konzern das Unternehmen mit zwei weiteren Gesellschaften zur Billfinger Engineering & Technologies GmbH zusammen. Hoffentlich funktioniert dort das interne Kontrollsystem.

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