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Billig-Friseure: Haarschnitt auf Staatskosten

Von Christian Wiesel

Schneller Schnitt zum kleinen Preis - Discount-Friseure locken mit günstigen Angeboten und peppigen Salons. Doch der Boom der Sparfrisur geht auch auf Kosten der Mitarbeiter und erhöht den Lohndruck in einer ohnehin schon vom Preiskampf gezeichneten Branche.

Hamburg - In Hamburgs Alstertor hat die Zukunft des Haareschneidens bereits begonnen: Bei lauter Musik wird die Kundschaft in der M-Hairfactory bedient, schriller Sound dröhnt aus den Lautsprechern durch den Salon, in dem die Kunden auf grell orangefarbenen Sesseln Platz nehmen. Im Takt der Beats schwingen die Friseurinnen Schere und Kamm im Akkord. Wer einen Haarschnitt will, bekommt von einem Automaten eine Wartemarke ausgespuckt. Die Reihenfolge bestimmt eine Anzeigetafel mit großen Leuchtziffern.

Discount-Friseur in Hamburg: Haarschnitt für zehn Euro
Christian Wiesel

Discount-Friseur in Hamburg: Haarschnitt für zehn Euro

Trotz Arbeitsamtflair ist das Geschäft gut besucht. Kein Wunder: Ihre Kunden lockt die M-Hairfactory mit Billigpreisen. Ab neun Euro bekomme man hier eine neue Frisur, heißt es auf der Internetseite. Damit liegt die Kette mit Geschäften in Berlin, Hamburg und im Ruhrgebiet im Trend, denn immer mehr Friseure buhlen mit aggressiven Discount-Offerten um Kunden. Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks in Köln (ZDF) schätzt die Zahl der Billigbetriebe auf 4000 - Tendenz steigend.

Allein die Essanelle Hair Group - nach eigenen Angaben zweitgrößte deutsche Friseurkette - will in diesem Jahr 25 neue Filialen ihrer Low-Cost-Sparte HairExpress eröffnen. Laut Geschäftsbericht konnten die HairExpress-Salons 2007 beim Umsatz um mehr als ein Viertel zulegen. "Die Deutschen schauen genau, wo in ihren täglichen Ausgaben Optimierungen möglich sind", sagt Essanelle-Vorstand Dirk Wiethölter.

Auf Expansion stehen die Zeichen auch bei der Kette Hairkiller. 70 Filialen sollen bis Jahresende hinzukommen, sagt Manager Thomas Wevers. Im Jahr 2004 hatte Hairkiller in Schweich bei Trier mit einem Geschäft klein angefangen. "Das funktionierte gut und wir machten weiter", berichtet Wevers. Heute gibt es bundesweit 280 Geschäfte. Den Unternehmenssitz hat Hairkiller nach Luxemburg verlagert - aus steuerlichen Gründen.

Doch was die Unternehmenschefs der Ketten freut, stößt bei den alteingesessenen Friseuren auf wenig Begeisterung: Denn der Billig-Boom bricht über eine Branche herein, die ohnehin schon von Preiskämpfen gezeichnet ist. Seit 2003 sind die Umsätze im Friseurhandwerk rückläufig, jährlich verlieren die Unternehmen zwischen zwei und vier Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Salons um knapp zwölf Prozent auf rund 74.000. Immer mehr Betriebe verdienen demnach immer weniger. "Der ohnehin kleine Kuchen wird in immer kleinere Stücke geschnitten", sagt ZDF-Hauptgeschäftsführer Rainer Röhr.

"So günstig wie hier bekommen wir es nirgends"

Und jetzt fordern auch noch die expansiven Discounter ihren Anteil. Fast immer treten die günstigen Friseure als Kette auf, Einzelkämpfer findet man selten. Die Zielgruppe von C&M Company, XL CUT, M-Hairfactory und Co. ist das junge, stilbewusste, Publikum. Wobei auch ältere Leute den Weg in die Salons finden. "So günstig wie hier bekommen wir es nirgends", sagt eine Rentnerin, die mit ihrem Mann bei C&M am Hamburger Jungfernstieg Haare schneiden war. Die "poppige" Musik sei etwas störend, "aber für den Preis geht das schon".

Discountfriseure in Deutschland
Kette Anzahl der Filialen
Hairkiller 280
HairExpress (zu Essanelle) 170
Friseur der kleinen Preise (zu Klier) 159
C&M Company 137
XL CUT 42
M-Hairfactory 15
Quelle: Unternehmens-Angaben, Stand Januar 2009.
Dabei hat es Friseure, die mit kleinen Preisen locken, schon immer gegeben. Neu sei, dass die Ketten fast immer nicht von Handwerkern, sondern von Managern geführt werden, sagt Birger Kentzler, Obermeister der Friseur-Innung Hamburg. "Nur, in deren Rechenmodellen wird der Faktor Mensch nicht berücksichtigt." Denn ihre kleinen Preise realisieren viele Discount-Friseure zu Lasten der Mitarbeiter.

Unbezahlte Überstunden und Arbeit in ungesundem Akkord seien die Regel, sagt Gerhard König, Fachbereichsleiter bei Ver.di Hessen. Nach Angaben der Hamburger Friseur-Innung sind in einer Gesellenprüfung für eine Frisur 45 Minuten als Richtwert veranschlagt - bei den Discountern ist man in einer viertel bis halben Stunde runter vom Stuhl. "Ich weiß auch nicht wie das geht", sagt ZDF-Hauptgeschäftsführer Röhr. "Über längere Zeit hält keine Friseurin den Akkord ohne gesundheitliche Leiden durch."

Der - ohnehin geringe - Tariflohn wird von den Billigheimern selten eingehalten. "Das ist übel was dort abgeht", sagt Gewerkschafter König. "Ich habe hier oft Kolleginnen sitzen, die 8,50 Euro die Stunde erhalten müssten, aber mit fünf Euro abgespeist werden." Eine Razzia des Zolls bei Billigfriseuren im Münchner Bahnhofsviertel bestätigte Mitte Dezember das desaströse Bild: Fehlende Meister, Dumpinglöhne, Schwarzarbeit.

Wer aufmüpfig ist, wird aus dem Unternehmen gedrängt

Der unrühmliche Branchenvorreiter scheint die C&M Company zu sein. "Von den Mitarbeiterinnen erhalten wir ständig Beschwerden", sagt Gewerkschafter König. Doch kaum eine ziehe vor das Arbeitsgericht, um den Tariflohn einzuklagen. Wer es dennoch wagt, werde solange gemobbt, bis er die Kündigung einreicht. "Wer will schon die Hand beißen, die ihn füttert?", fragt König.

Die deutschlandweit agierende Kette wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE keine Stellungnahme zu den Vorwürfen nehmen. Auch die Geschäftsführer von M-Hairfactory lehnten ein Statement ab. Die Unternehmen Hairkiller, XL CUT und Essanelle mit der Discount-Tochter HairExpress erklärten auf Anfrage, dass bei ihnen alle Regeln eingehalten werden.

Der Preis- und Lohndruck bei den Friseur-Discountern dürfte nach Ansicht von Ver.di die Situation für angestellte Friseure in der gesamten Branche zusätzlich verschlechtern. Gerade bei kleinen, alteingesessenen, Betrieben gebe es zunehmend Verstöße. "Man muss ständig am Platz sein und arbeiten bis zum Umfallen", sagt eine hessische Friseurin verzweifelt. Mittags- und Toiletten-Pausen seien bei ihr nicht erlaubt.

Viele ihrer Bekannten würden zu einer Beschäftigung auf 400 Euro-Basis gedrängt, zusätzlich erhalten sie einige hundert Euro schwarz auf die Hand. Damit betrügen die Chefs gleich doppelt: Die Friseurinnen um ihr reguläres Einkommen und spätere Rentenzahlungen, den Staat um Sozialabgaben.

Sogar Wäscher oder Wurstmacher verdienen mehr

Kein Wunder, dass die Angehörigen der schneidenden Zunft nicht zu den Top-Verdienern zählen: Im Bundesschnitt stehen am Jahresende 15.787 Euro Bruttoverdienst auf dem Lohnzettel - so wenig wie in kaum einer anderen Branche. Selbst Wäscher und Plätter, Gebäudereiniger oder Wurstmacher bekommen laut Verdienststrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes mehr. Die schlechte Bezahlung beginne schon in der Lehre, klagt eine Auszubildende aus Thüringen. Je nach Lehrjahr gebe es 120 bis 325 Euro. "Das ist viel weniger als in anderen Berufen."

Um über die Runden zu kommen, seien sehr viele ausgelernte Friseure und Friseurinnen zusätzlich auf Arbeitslosengeld II oder Wohngeld angewiesen, sagt Ver.di-Gewerkschafter Roland Ehrhardt, der die deutschen Barbiere beim sozialen Dialog in der EU vertritt. Das gelte für Discounter ganz besonders, aber ebenso für konventionelle Friseurbetriebe. "Das Friseurhandwerk ist die rote Laterne im Tarifgeschehen", sagt Ehrhardt, "Haarschnitt auf Staatskosten" sei längst die Realität. Besonders hoch sei die Zahl der Aufstocker im Osten - rund drei Viertel aller Friseure und Friseurinnen seien hier von staatlichen Almosen abhängig, "eine erschreckend hohe Zahl", findet Ehrhardt.

Immerhin: Dass es nun wegen der Wirtschaftskrise mit seiner Branche weiter bergab geht, glaubt Friseur-Verbandschef Röhr nicht. Er sieht es mit kölscher Gelassenheit: "Der Wirtschaftsaufschwung ging an uns vorbei. Dann wird der Abschwung auch irgendwie an uns vorbeigehen."

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