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Billiglohn-Studie: Wie asiatische Arbeiter von Handy-Zulieferern ausgenutzt werden

Von Hannes Koch

Handys sind schick, raffiniert - und häufig ein Grund für Elend: Bei asiatischen Zulieferern von Nokia, Motorola und Co. herrschen einer Studie zufolge katastrophale Bedingungen. Arbeiter hantieren mit giftigen Lacken, machen 180 Überstunden im Monat, schuften für einen Hungerlohn.

Berlin - Handys sind schicke, saubere Hightech-Produkte. Im Gegensatz zu Billig-T-Shirts und Schnäppchen-Jeans bringt man sie nicht in Verbindung mit Hungerlöhnen und Kinderarbeit. Doch der Schein trügt: Auch die Mobiltelefone der renommierten Marken werden offenbar oft unter beklagenswerten Arbeitsbedingungen hergestellt.

Menschenrechtsorganisationen aus ganz Europa, darunter Somo aus den Niederlanden und Germanwatch aus Deutschland, haben sich deshalb in der Kampagne "MakeITfair" zusammengeschlossen und die Zustände in der Handy-Produktion in China und auf den Philippinen untersucht.

Ihre Ergebnisse haben sie jetzt in einer Studie dokumentiert, die von der EU finanziert wurde und die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Im Herbst 2007 besuchten Rechercheure dafür sechs Handy-Fabriken in China und auf den Philippinen, die unter anderem für Nokia, Motorola, Apple und Sony Ericsson arbeiten. Sie befragten Hunderte Arbeiter und Manager.

Exemplarisch zeigen sich die Zustände an einer Fabrik in Shenzhen im Südwesten Chinas, die Handy-Platinen unter anderem an Nokia und Motorola liefert: Neun von zehn Mitarbeitern seien Frauen, die meisten zwischen 16 und 30 Jahre alt. Die Belegschaft arbeite in Schichten von 11 bis 13 Stunden, sechs Tage pro Woche, heißt es in der Studie.

Mehr noch: In Spitzenzeiten müssten die Arbeiterinnen bis zu 180 Überstunden pro Monat machen, heißt es weiter. Dabei erlaubt das chinesische Gesetz höchstens 36. Die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die weltweit anerkanntes Wirtschafts- und Sozialrecht beschreiben, legen eine ähnliche Grenze fest.

"Die Arbeiterinnen zahlen einen hohen Preis dafür, dass wir Handys billig kaufen können", kommentiert Cornelia Heydenreich von Germanwatch die Ergebnisse der Studie. "Den Frauen in den asiatischen Fabriken werden ihre Grundrechte vorenthalten."

"Man setzt uns unter großen Druck"

Einen Fabrikarbeiter zitiert die Studie so: "Ich fühle mich bei der Arbeit sehr müde und gestresst. Wenn es Schäden an den Produkten gibt, werden wir bestraft. Man sagt uns, die Produkte seien sehr wertvoll. Ich könnte niemals für solch einen Schaden aufkommen. Man setzt uns unter großen Druck."

Solche Strafen schmälern die ohnehin karge Bezahlung. In Shenzhen habe der Basislohn im Herbst 2007 rund 82 Euro im Monat betragen, heißt es in der Untersuchung. Wer 180 Überstunden mache, komme auf ein Salär zwischen 116 Euro und 169 Euro. Das sei zwar deutlich mehr als der staatlich festgesetzte Mindestlohn von 79 Euro. Doch für die meisten reiche es trotzdem kaum, um Lebensmittel, eine eigene Unterkunft und die Überweisungen an die Familie auf dem Lande zu bezahlen.

Der Umfrage zufolge sind die meisten Arbeiterinnen deshalb gezwungen, in den Unterkünften der Fabriken zu schlafen. Mit bis zu 20 Personen bewohnten sie ein Zimmer. Eine Familie zu gründen sei angesichts der miesen Bezahlung illusorisch.

Das Gebot des Gesundheitsschutzes wird der Studie zufolge ebenfalls missachtet. Die Rechercheure dokumentieren, wie die Beschäftigten mit Farben, Lacken und auch Säuren hantieren, ohne dass sie widerstandsfähige Handschuhe und wirksamen Atemschutz tragen.

Auch das widerspricht den Verfassern zufolge internationalen Richtlinien: "Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf faire und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert", heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.

Billiglöhner im Teufelskreis

Die Beschäftigten steckten oft in einem Teufelskreis, schreiben die Autoren. Wegen der schlechten Bezahlung seien sie bereit, die langen Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen. Müdigkeit und Konzentrationsmangel seien die Folge. Das wiederum führe dazu, dass die Arbeiterinnen Fehler machten. Die Schäden würden ihnen vom Lohn abgezogen - dadurch müssten sie noch mehr arbeiten, um die eigene Existenz zu sichern.

Die Konzerne gestatten ihren asiatischen Fabriken Zustände, die sie in der Heimat nie tolerieren würden. Nokia mit Stammsitz im skandinavischen Wohlfahrtsstaat Finnland bekennt sich wortreich zu den internationalen Standards der Sozial- und Menschenrechte.

Die MakeITfair-Verfasser haben die sechs Handy-Hersteller mit den Ergebnissen der Studie konfrontiert und ihnen Gelegenheit gegeben, dazu Stellung zu nehmen. Nokia, Motorola, Sony Ericsson und Apple haben dies getan (siehe Info-Box).

Bei aller Kritik kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Arbeit in den Fabriken westlicher IT-Firmen immer noch bessere Optionen bietet als das Leben auf dem Lande. Die Arbeiterinnen erwirtschafteten immerhin einen eigenen Lohn, der ihnen das Überleben ermöglicht. Im Übrigen sei die chinesische Regierung dabei, die Mindeststandards langsam zu heben. Der Mindestlohn in Shenzhen stieg im Januar 2008 auf 105 Euro pro Monat.

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