Billionen-Branche Hedgefonds: "Je mehr es gibt, desto gefährlicher werden sie"

Finanzminister Steinbrück will globale Hedgefonds stärker kontrollieren. Doch wie gefährlich sind sie wirklich? SPIEGEL ONLINE sprach zu Beginn des G7-Treffens mit der Finanzexpertin Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

SPIEGEL ONLINE: Muss man vor Hedgefonds Angst haben?

Schäfer: Je mehr Hedgefonds es gibt, desto gefährlicher werden sie. Das Problem ist, dass sie einen Großteil ihres Geldes von Banken bekommen. Wenn sie ins Trudeln kommen, können sie den ganzen Finanzsektor mit nach unten ziehen, und dann kracht es in der gesamten Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Auch Aktienfonds bekommen viel Geld von Banken.

Schäfer: Aktienfonds sind aber ganz anderen Kontrollen unterworfen. Aus Gründen der Sicherheit ist ihre Anlagestrategie klar festgelegt: Sie dürfen nur Aktien kaufen. Hedgefonds sind dagegen völlig frei. Sie können mit Derivaten handeln oder in Währungen einsteigen. Sogar Schulden dürfen sie machen, um ihre riskanten Geschäfte zu finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind Hedgefonds vor allem als Heuschrecken bekannt, die Unternehmen kaufen, aussaugen und sich schnell wieder zurückziehen.

Schäfer: Solche Hedgefonds nennt man Private-Equity-Fonds. Das Wort Heuschrecke mag ich gar nicht. In der Regel haben die Unternehmen große Vorteile, wenn ein Fonds bei ihnen einsteigt. Er bringt Eigenkapital mit, steigert die Kreditwürdigkeit und mindert so die Gefahr einer Insolvenz.

SPIEGEL ONLINE: Oft werden die Unternehmen aber auch zerschlagen…

Schäfer: …was nicht immer schlecht ist. Kleine Einheiten sind oft wirtschaftlicher als große Konglomerate. Behäbigen Firmen tut es meist ganz gut, wenn sie von einem agilen Fonds übernommen werden. Das steigert die Effizienz und damit den Wert des Unternehmens.

SPIEGEL ONLINE: Geht das nur zu Lasten der Mitarbeiter?

Hedgefonds: Gewaltige Geldströme
DER SPIEGEL

Hedgefonds: Gewaltige Geldströme

Schäfer: Für die Beschäftigten kann das starke Anpassungszwänge bedeuten. Natürlich können Private-Equity-Fonds auch Schaden anrichten, wenn sie das Unternehmen zu schnell wieder verlassen. In der Regel tragen sie aber zur Wertentwicklung bei, und das ist für die Volkswirtschaft im Ganzen zu begrüßen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Hedgefonds dann überhaupt ein Thema beim G7-Treffen?

Schäfer: Den Regierungen geht es nicht so sehr um Private-Equity-Fonds. Sie haben eher Derivatefonds und Währungsfonds im Blick. Außerdem geht es um Fonds, die stark in Entwicklungsländer investieren, wo sich die wirtschaftliche Lage von einem Tag auf den anderen ändern kann. Diese Fonds sind tatsächlich gefährlich, weil sie für die Geldgeber hohe Risiken bergen. Mehr Kontrolle würde hier gut tun.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich die Regierungen mit einer Einigung so schwer?

Schäfer: Die Hedgefonds-Branche hat natürlich ihre Lobby, vor allem in den USA und Großbritannien. Niemand lässt sich gerne regulieren.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt also alles beim Alten?

Schäfer: Ich denke, dass die G7 langsam mit der Regulierung beginnen - wenn auch nicht so stark, wie von Deutschland gewünscht. Prinzipiell haben die Regierungen das Problem erkannt: In die Hedgefonds fließt Tag für Tag immer mehr Geld, deshalb ist mehr Transparenz dringend nötig.

Das Interview führte Anselm Waldermann

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