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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Bitcoins für Griechenland

Eine Kolumne von

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REUTERS

Kryptowährung Bitcoin: Tendenz zur Deflation

Viele Ökonomen tun Kryptowährungen wie Bitcoin als Unsinn ab - und liegen damit falsch. Wenn die aktuelle Krise sich weiter zuspitzt, könnte eine digitale Währung noch sehr wichtig werden - für Griechenland und für den Rest der Eurozone.

Wenn es zwei Gruppen gibt, die sich nicht verstehen, dann sind das nicht etwa Griechen und Deutsche, sondern Ökonomen und Experten für sogenannte Kryptowährungen wie Bitcoin. Es herrscht ein reger Wettbewerb der Unkenntnis. Und die Ökonomen sind gerade dabei, diesen Wettbewerb für sich zu entscheiden, indem sie die ganze Idee von vornherein abtun. Dabei würde es sich lohnen, Bitcoin mal genauer anzuschauen: Das System dahinter könnte im Notfall ein Ausweg für Griechenland, ja sogar für die gesamte Eurozone sein.

Bitcoin ist technisch ein Protokoll, das eine sichere digitale Währung zur Verfügung stellt. Der Algorithmus hinter Bitcoin ist deutlich cleverer als so ziemlich alles, was in den vergangenen 30 Jahren in der Ökonomie entwickelt wurde. Eine sichere Währung zu schaffen, ohne eine zentrale Datenbank zu kreieren, war ein Geniestreich. In der Welt von Bitcoin gibt es keine Zentralbanken und keine Politiker. Es gibt allerdings auch keine Kredite. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob das System langfristig stabil ist, ob es sogar das Geld ersetzen kann oder lediglich als Zahlungsmittel seinen Einsatz findet?

Um es vorweg zu sagen: Bitcoin wird in seiner jetzigen Form nicht den Dollar und den Euro ersetzen. Trotzdem sind Kryptowährungen die Zukunft - wenn auch wohl nicht Bitcoin selbst. Denn da bislang ungelöste Problem aller Kryptowährungen ist die in das System eingebaute Deflation. Es kann maximal 21 Millionen Bitcoins geben. So ist der Algorithmus gebaut.

Allein dadurch, dass einige Benutzer jedes Jahr Bitcoins verlieren, weil sie keine Sicherung ihrer Daten vorgenommen haben, wird das digitale Geld weniger. Das ist nicht so wie bei normalem Geld, das bei Verlust noch da ist, nur woanders. Wenn Sie Bitcoins verlieren, sind diese aus dem System verschwunden. Es gibt Verlierer, aber keine Gewinner. Wenn Bitcoin seine Obergrenze von 21 Millionen Einheiten irgendwann in den nächsten Jahren erreicht, ist das System allein durch die Verluste deflationär. Die Menge der im System befindlichen Bitcoins wird sich auf Dauer ein wenig reduzieren.

Damit ist Bitcoin ähnlich wie Gold oder andere Metallwährungen. Es gab gute Gründe dafür, dass moderne Staaten ihr Geld nicht mehr an das Gold binden. Der Goldstandard war der Grund, warum ein Börsencrash im Jahre 1929 in eine Depression von bis dahin unbekanntem Ausmaß mündete. Hier kamen Schulden, Deflation und Depression zusammen und verstärkten sich gegenseitig.

Bitcoin - gutes Zahlungsmittel, aber äußerst riskante Wertanlage

Trotz dieser schlechten Erfahrungen gibt es rechtskonservative Wirtschaftsideologen, die deflationäre Systeme befürworten. Wenn es jemals eine ökonomische Clique geben wird, die Bitcoin als die Währung der Zukunft sieht, dann sind es Ökonomen aus dieser Ecke. Die finden es klasse, dass es keine Zentralbank gibt, keinen Mario Draghi, der Anleihen aufkauft, um damit die Geldmenge zu erhöhen. Für sie ist Deflation kein Problem.

Mit der Beobachtung, dass ein Bitcoin-System per Definition deflationär ist, ist die Debatte aber noch längst nicht abgeschlossen. Mit der Technologie, die hinter Bitcoin steht, könnte man theoretisch auch eine nicht deflationäre Währung kreieren. Man wird einen Weg finden müssen, den Algorithmus auf realwirtschaftliche Ereignisse einwirken zu lassen, etwa eine Formel, die die Geldmenge an die Produktivität bindet. Das ist zwar alles nicht ideal, aber besser als eine feste Obergrenze.

Es gibt einen Spezialfall, in dem eine deflationäre Kryptowährung wie Bitcoin durchaus sinnvoll wäre, und zwar als Parallelwährung. Die klassische Ökonomie weist Geld drei Rollen zu: Zahlungsmittel, Zahlungseinheit und Wertaufbewahrung (unter einer Matratze oder - wenn man es gerne altmodisch hat - auf einem Sparkonto). Es gibt aber keinen logischen Grund, warum man diese Funktionen nicht trennen könnte. Bitcoins sind ein gutes Zahlungsmittel, aber keine wirkliche Zahlungseinheit und eine äußerst riskante Wertanlage. Für eine Parallelwährung ist diese Kombination fast perfekt.

Argentinien führte so etwas Ähnliches im Jahre 2001 unter dem Namen Patacones ein. Auch die Nazis haben sich einer Parallelwährung bedient - Anleihen durch die Metallurgische Forschungsgesellschaft, ein Scheinunternehmen, das nur den Zweck hatte, Geld zu emittieren. Wenn die Europäische Zentralbank den Griechen jemals den Geldhahn zudrehen sollte, dann könnte Griechenland völlig legal zu einem ähnlichen Instrument greifen.

Eine deflationäre, Bitcoin-ähnliche Konstruktion, wäre hier sogar von Vorteil. Damit verhinderte man, dass Regierungen oder Zentralbanken schummeln und zu viel Geld drucken. Der Wert der Parallelwährung sollte stabil bleiben. Das könnte Bitcoin schon jetzt. Der Sinn einer Parallelwährung ist schließlich nicht, die Hauptwährung auf Dauer zu ersetzen, sondern sie nur kurzfristig zu ergänzen.

Wie wäre es mit einer Kryptowährung als Nachfolger des Euro, sollte der jemals zusammenbrechen? Momentan ist es wahrscheinlicher, dass man zu einer nationalen Währung oder einer neuen überregionalen Währung greift. Eine Kryptowährung, die tatsächlich den Euro ersetzen könnte, muss noch erfunden werden. Der Punkt ist nur: Wir sind wahrscheinlich gar nicht so weit davon entfernt. Es geht um die Währung der Zukunft.

Kryptowährungen: Diese Alternativen gibt es zu Bitcoin
Ripple

Ripple (Marktkapitalisierung etwa 1,5 Mrd. Dollar)
Ripple (XRP) ist zwar eine eigene Digitalwährung, vor allem aber ein währungsneutrales Tauschnetzwerk, über das diverse Arten von Zahlungsmitteln getauscht werden können. Deswegen taucht Ripple in einigen Listen gar nicht als eigenes Digitalgeld auf.
Chris Larsen von Ripple Labs: "Über das Ripple-Netzwerk können Einzelpersonen und Institutionen klassische Währungen tauschen, Kryptowährungen, Mobilfunkminuten, Bonuspunkte und vieles mehr."

Litecoin

Litecoin (Marktkapitalisierung 370 Mio. Dollar)
Während Bitcoin-Transaktionen alle zehn Minuten vom Netzwerk bestätigt werden, geschieht das bei Litecoin alle 2,5 Minuten. Ein anderer Unterschied: Beim "Mining", der Schöpfung neuer Münzen, soll es gerechter zugehen als bei Bitcoin. Gemäß des "Proof-of-Work"-Konzepts, das von Bitcoin übernommen wurde, kann jeder Nutzer selbst Coins errechnen, im Wettstreit mit anderen. Anders als bei Bitcoin bringt teure Spezial-Hardware bei Litecoin dabei jedoch kaum Vorteile gegenüber handelsüblicher Computertechnik. Der Algorithmus verhindert, dass es beim Mining der Coins durch Nutzer ein Wettrüsten der eingesetzten Hardware gibt. Die Gründer halten Litecoin deswegen für demokratischer.

Peercoin

Peercoin (Marktkapitalisierung 80 Mio. Dollar)
Peercoin kombiniert den „Proof-of-Work“-Ansatz von Bitcoin mit einem eigenen „Proof-of-Stake“-Ansatz. Dabei legt das Netzwerk fest, welcher Nutzer im Zuge des Minings die jeweils nächsten Coins schöpft. Anders als beim Bitcoin gibt es deswegen keine Um-die-Wette-Rechnen, so dass weniger Energie verbraucht wird. Sunny King, einer der Väter von Peercoin und Schöpfer der Digitalwährung Primecoin, gesteht, dass der Spieltrieb sein wichtigstes Motiv war. "Für mich ist es hauptsächlich eine intellektuelle Spielerei. Ich hab mich dann aber sehr gefreut, dass meine Ideen tatsächlich Anhänger finden."

Dogecoin

Dogecoin (Marktkapitalisierung 70 Mio. Dollar
Dogecoin begann als Spaßwährung, die mit dem populären Internet-Mem Doge spielt, in dem es zentral um das falsch geschriebene englische Wort für Hund geht. "In Dogecoin investieren, das ist definitiv die nächste, ganz große Nummer", twitterte Jackson Palmer im November 2013 ironisch. Der Programmierer Billy Markus setzte das Zahlungsmittel dann tatsächlich um: "Ich hatte gerade erst gelernt, wie man eine Kryptowährung startet. Ich habe Jackson kontaktiert, und wir haben Dogecoin innerhalb weniger Tage in die Welt gesetzt." Die Kryptowährung mit dem Hunde-Logo hat vor allem junge Fans gefunden, die das Ganze unter humoristischen Gesichtspunkten betreibt. Die Dogecoin-Community veranstaltete unter anderem eine Crowdfunding-Aktion für die Olympiateilnahme der Bob-Mannschaft von Jamaika.

Nxt

Nxt (Marktkapitalisierung 60 Mio. Dollar
Anders als viele anderen Krypto-Währungen variiert Nxt nicht die Bitcoin-Technologie, sondern nutzt ein eigenes Protokoll. Ein Unterschied zu vielen Bitcoin-Klonen ist auch, dass die "Coins" nicht erst von Nutzern selbst per Rechenleistung generiert werden, sondern schon fertig produziert sind. Nxt sieht sich selbstbewusst als Krypto-Währung der zweiten Generation.
"Nxt ist kein Klon, bei dem nur ein paar Parameter des Algorithmus verändert wurden, es ist ein direkter Wettbewerber für Bitcoin," findet John Manglaviti von der Firma Cointropolis. Beim Nxt-Algorithmus sind alle Coins bereits produziert, er ist schlanker und läuft deswegen sogar auf einem Smartphone.

Mastercoin

Mastercoin (Marktkapitalisierung 40 Mio. Dollar)
Mastercoin wird zwar als eigene Währung gehandelt, sieht sich aber nicht als Konkurrenz zu Bitcoin. Es baut auf der Bitcoin-Technologie auf und erweitert diese um neue Funktionen, die andere Krypto-Währungen dann integrieren können.
Laut Nikos Bentenitis, einem der Gründerväter, geht es bei Mastercoin vor allem darum, neue Features zu erarbeiten. "Das Bitcoin-Protokoll ist zu wichtig, um damit zu experimentieren, und es ist auch zu träge dafür. Mastercoin kann neue Lösungen sehr viel schneller finden und umsetzen." Mastercoin ermöglicht der großen Kryptowährung so neue Funktionen.

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    Seite 1    
1. Fantasia-Wunderland
ls-rio 09.03.2015
Woher hat der Autor nur diese Ideen. Bitcoin ist ein Spekulationsobjekt fuer Spieler, Fantasie, nichts weiter.
2. Psychotricks und Beschwörung der eigenen Intelliiganz
tommit 09.03.2015
oder auch Bilanztricks sind lediglich eiine Form der Prokrastination. Das Ursache Wirkungsprinziip lässt sich von emitional menschliichem Gezappel nicht umgehen... Da könnt ihr noch so viele Möchtegernexperten ankarren... aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt...
3. Kryptischer Artikel
Neapolitaner 09.03.2015
mindestens so kryptisch wie der Bitcoin-Algorithmus. ...Wie wäre es mit einer Kryptowährung als Nachfolger des Euros, sollte der jemals zusammenbrechen? Momentan ist es wahrscheinlicher, dass man zu einer nationalen Währung oder einer neuen überregionalen Währung greift. Eine Kryptowährung, die tatsächlich den Euro ersetzen könnte, muss noch erfunden werden. Der Punkt ist nur: Wir sind wahrscheinlich gar nicht so weit davon entfernt. Es geht um die Währung der Zukunft. Was soll denn das heißen? "Nicht so weit davon entfernt?" Solche Worte aus Münchaus Feder?? Der Euro ist doch "unwiderruflich"! Doch es geht weiter: Eine deflationäre, Bitcoin-ähnliche Konstruktion, wäre hier sogar von Vorteil. Damit verhindert man, dass Regierungen oder Zentralbanken schummeln und zu viel Geld drucken. Ach nee! Warum allerdings eine Währung, die diesbezüglich so viel bessere Eigenschaften hat als die jetzigen Währungen, "sich nicht zur Anlage eignen soll" - erschließt sich nicht. Was ist denn besser zur Anlage geeignet als ein deflationäres Geld-Objekt?
4.
highway 09.03.2015
oh, das ist mir jetzt aber entgangen, dass man mit den üblichen Fiat-Währungen nicht zockt und Geld nach Fantasie, Lust und Laune heraus neu erschaffen kann.....
5. Kryptowährungen sind unsicher
c.weise 09.03.2015
Die bisherige Geschichte von Bitcoin ist von mehreren Katastrophen geprägt, weil bei Bitcoin - Dienstleistern verwaltete Bitcoin in hohen Millionenbeträgen verloren gingen. Die Hintergründe der Cyber -Attacken sind unklar: einfacher Diebstahl oder Aktionen der Geheimdienste (vermutlich USA) um die Krypto-Währungen gar nicht erst hochkommen zu lassen. Man muss sich einfach die Frage stellen: Würde ich unter diesen Umständen einen großen Betrag in Bitcoin aufbewahren und damit den Verlust riskieren. Diese Frage wirft der Kommentar von Münchau erst gar nicht auf
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

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Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Alexis Tsipras

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