BKK-Brandbrief Jagd auf Blaumacher und ihre Ärzte

Mit einer beispiellosen Aktion macht die Hamburger BKK neuerdings Jagd auf notorische Blaumacher und die Ärzte, die ihnen nach Ansicht der Krankenkasse allzu schnell "gelbe Urlaubsscheine" ausstellen. An 2000 Hamburger Betriebe wurde jetzt eine schwarze Liste mit verdächtigen Arztpraxen geschickt. Zugleich wurden die Firmen aufgefordert, auffällige Mitarbeiter zu melden.


Hamburg - Es geht darum, Blaumacher und auffällige Ärzte zu identifizieren. Die angeprangerten Mediziner hätten nach Angabe der Kasse im vergangenen Jahr 80 Prozent der BKK-Kunden krankgeschrieben. Die normale Quote in der Hansestadt liege hingegen bei 30 Prozent.

Krankmeldung: "Skandalöses Vorgehen der BKK"
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Krankmeldung: "Skandalöses Vorgehen der BKK"

Die Mediziner reagierten empört auf die Liste. Ärztekammer-Präsident Michael Reusch sagte gegenüber dem "Hamburger Abendblatt": "Das ist eine schwere Verletzung des Datenschutzgesetzes, Verleumdung und eine gewaltige Rufschädigung der betroffenen Ärzte." Auch Klaus Wagner, Vorsitzender des Hartmannbundes in Hamburg, sieht das Arzt-Patienten-Verhältnis gefährdet: "Das Vorgehen der BKK ist skandalös."

Auch im eigenen Lager regt sich Widerstand. "Glücklich sind wir damit nicht", sagte Florian Lanz, Pressesprecher beim BKK-Bundesverband. Statistische Auffälligkeiten, etwa bei Krankschreibungen, müssten demnach zunächst mit der Kassenärztlichen Vereinigung besprochen werden.

Die Ärzte-Liste soll den Unternehmen offenbar vor allem als Hilfe zur Identifizierung von notorischen Blaumachern in den eigenen Reihen dienen. Nach dem Motto: "Wer bei diesem Arzt ist, ist verdächtig" sollen Betriebe die schwarzen Schafe erkennen können.

Bei der Maßregelung der Schwänzer bietet die BKK ihre Hilfe an. Die Firmen werden aufgefordert, Mitarbeiter, bei denen "Auffälligkeiten" festgestellt worden sind, zu melden. Die BKK würde dann alles Weitere übernehmen: "Blaumacher werden sofort entlarvt und nehmen ihre Tätigkeit wieder auf", zitiert die "Hamburger Morgenpost" aus einem Schreiben von BKK-Hamburg-Chef Herbert Schulz, das der Liste beiliegt.

Wie das gehen soll, exerzierte bereits die BKK Berlin vor. Der dortige BKK-Chef Jochem Schulz, Zwillingsbruder des Hamburger Kassen-Vormanns, lud vor drei Jahren insgesamt 60.000 Mitglieder zur Untersuchung beim medizinischen Dienst der Krankenkasse ein, nachdem diese sich wieder einmal abgemeldet hatten. Die Betroffen waren zuvor mehr als viermal binnen zwölf Monaten mit kleinen Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen zu Hause geblieben.

Zwar drohten den Angesprochenen keinerlei rechtliche Folgen oder Regressansprüche seitens der BKK. Der Schrecken saß dennoch tief. 30.000 kehrten umgehend an ihren Arbeitsplatz zurück. Bei weiteren 15.000 konnten in der Untersuchung kein Grund zum Krankschreiben festgestellt werden.

Im vergangenen Jahr forderte die BKK Berlin erneut einige Kunden zum Besuch des kassenärztlichen medizinischen Dienstes auf. Diesmal traf es Patienten von Medizinern, die für schnelles Krankschreiben bekannt sind. Eine schwarze Liste, der betroffenen Ärzte, wurde nach Angabe der Kasse aber nicht verteilt.

Dass die BKK Hamburg jetzt zu solch drastischen Maßnahmen greift, überrascht indes nur bedingt. Die Krankenkasse schrammte nach Medienberichten nur knapp an der Insolvenz vorbei. BKK-Chef Herbert Schulz hat entsprechend guten Grund, die Kosten zu drücken. Schon Anfang des Jahres attackierte er die Hamburger Mediziner. "Die Ärzte machen Marketing mit Rezeptblock und Krankenschein", klagte Schulz. Gleichzeitig kündigte der Kassenchef an, bei der Jagd auf Blaumacher noch konsequenter vorgehen zu wollen. Diesen Worten ließ er jetzt Taten folgen.



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