Ausschreitungen in Frankfurt Im Schatten der Schläger

In Frankfurt lieferten sich Extreme über Stunden hinweg Schlachten mit der Polizei und bestimmten damit den Protest gegen die Europäische Zentralbank. Doch was sagen die friedlichen Kapitalismuskritiker dazu?

Von Stefan Röttele, Frankfurt am Main

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Nach den zwei Stunden des Morgens schien sich die Situation rund um die Europäische Zentralbank (EZB) etwas zu beruhigen. Der Protest wurde farbiger und friedlicher, auch wenn an manchen Stellen der Stadt immer noch Barrikaden brannten.

Mit einer Welle der Gewalt hatte der Protesttag der kapitalismuskritischen Blockupy-Bewegung gegen die europäische Krisenpolitik in Frankfurt begonnen. Maskierte Demonstranten rannten gegen gepanzerte Polizisten an. Im Frankfurter Ostend, wo die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Sitz hat, gab es kaum eine Straßenkreuzung, an der nicht Mülltonnen, Autoreifen oder Fahrzeuge brannten.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass ein unter dem Stichwort "Blockade" angekündigter Protest so ausartet? Und was haben brennende Polizeiautos und zerbrochene Fensterscheiben mit der EZB zu tun?

Von Seiten des Blockupy-Bündnisses, das aus vielen unterschiedlichen Gruppen besteht, will man sich noch nicht offiziell zu den Ausschreitungen äußern. "Das ist nicht das, was wir geplant haben", sagte Blockupy-Mann Ulrich Wilken lediglich. Im Vorfeld des 18. März waren aber die Vorbereitungen der Polizei als Provokation angeprangert worden. Damit würden schon im Voraus der Protest kriminalisiert und friedliche Demonstranten ferngehalten, sagte ein Sprecher der Bewegung.

Die Polizei wiederum verweist auf Gewaltankündigungen von Linksautonomen, die sie auf einschlägigen Internetseiten gefunden hat, und die den Anlass boten, den Frankfurter Osten zur Festung aufzurüsten. Die Ausschreitung hätten die Befürchtungen bestätigt.

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Anti-EZB-Protest: Feuer und Gewalt in Frankfurt
Wer die Gewalttäter sind - und was sie wollen, darauf gab es keine klare Antwort: Unter anderem hatten sich spanische Protestler organisiert. An den brennenden Mülltonnen wurde Italienisch gesprochen, auch griechische Demonstranten gingen rund um die Hochhäuser der Bankenmetropole auf die Straße. Die Massen waren friedlich, ein kleiner Block war vermummt, aggressiv und ausgerüstet für einen Tag des Zorns.

Italienischer Herkunft sollen in der Überzahl auch die 80 bis 250 Personen sein, die über Stunden im angrenzenden Wohngebiet eingekesselt wurden. Von den Kapuzenträgern sprach niemand mit Journalisten, dem optischen Eindruck nach sind viele erlebnisorientierte Jugendliche unter ihnen.

"Die Reichen werden doch immer reicher"

Auffällig an dem Demonstrationszug war, dass sich nur wenige Gruppen mit Fahnen oder anderen Zeichen zu erkennen gaben. Viele trugen in Erwartung von Tränengas einfach nur Sonnenbrille und eine Regenjacke. Ein Junger Demonstrant hielt ein Schild mit dem Slogan "The party is over" in die Luft. "Das heute soll ein Zeichen sein, dass es so nicht weitergeht. Die große Revolution ist es natürlich nicht." er hatte damit den Minimalkonsens des Bündnisses perfekt umschrieben. Viel weiter reicht der nämlich nicht.

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Klaus Schäfer von der Antifaschistischen Linken demonstriert seit 30 Jahren gegen Nazis, auch bei den Anti-Pegida-Demos war er dabei. "Ich frage mich bei der EZB, woher all das Geld kommt, das die drucken. Die Reichen werden doch immer reicher, die Aktienkurse steigen, aber die armen Leute müssen dafür bezahlen." Um ihn herum marschierte eine Gruppe Österreicherinnen von der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung. "Wir wenden uns gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Mehrarbeit in den kapitalistischen Staaten, die insbesondere die Frauen betreffen. Europaweit verschlechtern sich gerade die Lebensbedingungen, und die EZB ist eine der Organisationen, die die neoliberale Politik brutal durchsetzen."

Nachdenkliche Töne gewinnen die Oberhand

Vertreter der bürgerlichen oder linksliberalen Parteien waren dagegen kaum zu sehen. Eine stadtbekannte Grünen-Sympathisantin verteilte Brezeln an die Erschöpften. Die Linke hatte am Ostbahnhof eine Mahnwache aufgebaut, zog aber wenig Publikum an. David Nowak, Soziologie-Student aus Ingolstadt stellte klar, dass er als Privatperson nach Frankfurt gekommen ist.

Sein antikapitalistisches Denken sei auch von Erich Fromm motiviert sagte er. Der habe gesagt, dass der Kapitalismus nicht dem Sein des Menschen entspreche. "Das läuft gerade völlig aus dem Ruder. 1,2 Milliarden Euro für diesen Bau passen einfach nicht zu den aktuellen Krisen in dieser Welt. Ich finde, man muss dem aktiv etwas entgegensetzen."

Es waren eher nachdenkliche Töne, die um Mittag herum die Oberhand gewannen. Das Räsonieren wurde unterbrochen als schwarz Vermummte mit unklarem Ziel in die S-Bahn-Station "Ostparkstraße" stürmten, und kurz darauf wieder herauskamen. Der Zug kam in der Mittagszeit auch nicht mehr weit, wegen des Kessels den die Polizei um die Gruppe von Aktivisten gebildet hatte. Ein Sprecher forderte die Polizei auf, die Aktivisten wieder gehen zu lassen.

Die überwiegende Menge solidarisierte sich wieder mit denen, die morgens ein Bündnis linker und kritischer Ideen in Misskredit gebracht haben.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
woltron 18.03.2015
1.
.....das?" Aufgebrachte BürgerInnen stehen dem Militär am Ende einer Gasse gegenüber. Die Stimmung in der Menschenansammlung ist explosiv. ....die habsburgischen Machthaber wissen nicht so recht, wie sie reagieren sollen. Dem verdutzten Kaiser Ferdinand wird als Ausdruck seiner Verwunderung über den Volkszorn der Satz zugeschrieben: „Ja, dürfen’s denn des?“
dunnhaupt 18.03.2015
2.
Ohne Kapital bewegt sich nämlich nichts, auch nicht im kommunistischen China oder im faschistischen Russland.
turnus 18.03.2015
3. Schön,
....dass hier so ausgewogen differenziert wird. Diese Art von Berichterstattung wäre auch mal nett, wenn von Demonstrationen berichtet wird, deren Thema nicht so recht ins links-grüne Weltbild passt.
wilckinson 18.03.2015
4. Die Polizisten können den Dreck ausbaden...
...welche die Politiker angerichtet haben :-( Für mich als Linksdenker wird die Gesellschaft immer Dümmer denn man hat keinen Respekt mehr für Polizisten, Lehrer usw. Das kommt von diese super antiautoritäre Erziehung! Vielen Dank an tausende Psychologen und Sozialpädagogen usw :-(
wolle0601 18.03.2015
5. Die Organisatoren machen es sich bequem
sie schaffen die Bühne, auf dr sich dann Leute, denen es vor allem um Zerstörung geht, dann ihr Ding - zu Laszen der ganzen Stadt - abziehen können. Für mich macht das die ganze Blockupy-Bewegung unakzeptabel, sorry.
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