Bochumer Opelwerk Die Bänder stehen still

Wut, Verzweiflung, Empörung: Die Ankündigung von General Motors, 10.000 Arbeitsplätze in den Opel-Werken in Deutschland zu streichen, versetzt die Belegschaft in Aufruhr. Seit gestern stehen die Bänder in Bochum still. Auch die Frühschicht beteiligte sich an den Protesten.




Blockade vor dem Opel-Werk in Bochum: Druck auf die Unternehmensleitung
DDP

Blockade vor dem Opel-Werk in Bochum: Druck auf die Unternehmensleitung

Bochum - Die Mitarbeiter der Frühschicht setzten die Arbeitsniederlegungen aus der Nacht fort, sagte Betriebsratssprecher Klaus Neumann heute Morgen. Fast die gesamte Belegschaft von rund 10.000 Mitarbeitern würde auf dem Werksgelände gegen die vom Mutterkonzern General Motors geplanten Stellenstreichungen protestieren.

"Ich glaube nicht, dass die Proteste kontraproduktiv sind. Damit setzen wir die Unternehmensleitung unter Druck", sagte Neumann. Auch über das Wochenende sollen die Proteste fortgesetzt werden. "Die Position der Unternehmensleitung ist für uns keine Verhandlungsbasis", sagte der Betriebsratssprecher. Es gehe nur noch darum, wie Arbeitsplätze abgebaut werden. Bei den Arbeitsniederlegungen handele es sich um eine so genannte Informationsrunde, nicht um einen Streik, stellte Neumann klar. Rund 1200 Autos pro Tag werden wegen der Proteste in Bochum nicht gebaut.

Gestern wollte der Betriebsratsvorsitzende Dietmar Hahn noch nicht von einem Streik reden. Kein Wunder - schließlich würde der gegen die geltende Friedenspflicht verstoßen. "Die Kollegen wollen sich bei der Werksleitung informieren. Die stillen nur ihren Informationshunger", sagte Hahn.

Dennoch: Unter den Opel-Werkern gärt es. Etwa 300 von ihnen waren bereits gestern Nachmittag vor die Werkshallen gezogen, wo sie sich von Gewerkschaftern über die Situation informieren ließen. Am Abend schwoll die Zahl der Demonstranten auf 1500 an. Mit Transparenten und lautstarken Rufen machten sie ihrem Unmut sowohl über das Management als auch über die Gewerkschaft IG Metall Luft. Die IG Metall habe die Opelaner "verkauft", hieß es mehrfach.

"Wir gehen hier nicht weg, bevor nicht eine annehmbare Lösung auf dem Tisch liegt", rief einer der Demonstranten ins Megafon. "Wir sind am Drücker, wir sitzen am längeren Hebel", meinte ein anderer. Werkstore wurden mit Gabelstaplern blockiert, um Lastwagen an der Anlieferung von Material zu hindern. Nach Angaben von Betriebsräten wurden Beschäftigte teilweise von Vorgesetzten bedroht und massiv zur Aufnahme der Arbeit gedrängt.

Der Leiter der Personalkommission, Lothar Marquardt, kündigte an, die Proteste sollten auch in der Nacht weitergehen. Nach seiner Einschätzung wird die Arbeit in den Bochumer Opel-Werken auch am Freitag nicht wieder aufgenommen. Die Konzernführung hatte am Mittag angekündigt, bis 2006 in Europa insgesamt 12.000 Stellen abzubauen. Mit 10.000 Stellen werde Deutschland die Hauptlast tragen.

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Opel in Deutschland: Wo die deutsche GM-Tochter was baut

Bei insgesamt rund 32.000 Beschäftigten der Adam Opel AG bedeutet dies, dass fast jede dritte Stelle wegfallen soll. Im Stammwerk in Rüsselsheim sollen 4000 Stellen gestrichen werden. In Kaiserslautern sollen nach einem Bericht des SWR 450 Arbeitsplätze entfallen.

Nach Angaben von Hahn sollen in den nächsten drei Jahren auch im Opel-Werk Bochum mindestens 4000 Arbeitsplätze wegfallen, 3100 schon im nächsten Jahr. Ziel des Betriebsrates sei es aber, jeden Arbeitsplatz in Bochum zu erhalten. Hahn erklärte, er halte intelligente Lösungen durch mehr Flexibilität für möglich, die den Arbeitsplatzabbau weitgehend verhindern könnten.

Dem widersprach indirekt GM-Europachef Fritz Henderson in einem Zeitungs-Interview. "Bis 2006 werden wir ohne Werksschließungen auskommen", sagte er der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Darüber hinaus können wir aber nichts garantieren", fügte er hinzu. Er bekräftigte, dass bei der Sanierung des defizitären Europageschäfts die deutsche Tochter die Hauptlast schultern müsse. Gut die Hälfte der 63.000 GM-Stellen in Europa entfallen auf Deutschland.

Zuvor hatte Henderson bereits darauf verwiesen, dass der europäische Zweig des Konzerns seit 1999 Verluste macht. "Wir haben eine klare Vorstellung von dem, was in jedem Werk geschehen muss", sagte Henderson. Zunächst wolle man mit den Betriebsräten reden. Sein Stellvertreter Carl-Peter Forster, der bis Juni Opel-Chef war und danach in die GM-Europazentrale nach Zürich wechselte, betonte, die Opel-Werke in Bochum und Rüsselsheim sowie das Saab-Werk im schwedischen Trollhättan produzierten nicht zu wettbewerbsfähigen Kosten. Sollte das Kostenproblem nicht in den Griff zu bekommen sein, dann sei die Zukunft von Bochum sehr düster, sagte Forster.

Der IG-Metall-Bevollmächtigte Ludger Hinse versicherte, die Gewerkschaft sei zu Verhandlungen bereit. Die Entscheidungen für den Arbeitsplatzabbau seien nicht in Europa gefallen. In der nächsten Woche sei deshalb ein "europäischer Organisationstag" in allen europäischen Standorten des Mutterkonzerns General Motors geplant. "Wir brauchen einen Zukunftsvertrag für Europa, für Deutschland. Wir brauchen europäische Perspektiven, damit wir uns nicht von den USA vorführen lassen."

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement rief dazu auf, diese Pläne zu überdenken. Er stellte die Einigung bei KarstadtQuelle als Beispiel für Opel in Deutschland hin. Dort sei es gelungen, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Es sei zwar unbestritten, dass die Wettbewerbsfähigkeit von Opel verbessert werden müsse; notwendig sei aber auch, die Opel-Standorte in Deutschland dauerhaft zu sichern.

"Opel ist weder ohne Rüsselsheim noch ohne Bochum vorstellbar", sagte Clement. Speziell die Werke in Bochum stünden für den Autohersteller im Zentrum des Marktes. Schartau ergänzte, allein in Nordrhein-Westfalen seien 1,5 Millionen Opel-Fahrzeuge zugelassen, sieben Mal so viele wie in ganz Schweden.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Peer Steinbrück stellte noch einmal klar, dass es keine Landesmittel zur Rettung von Opel geben werde. Das Land wolle aber als Vermittler oder bei der Gründung von Transfergesellschaften helfen. "Es ist ein schlechter Tag", sagte Steinbrück. Jetzt sei eine Vorwärtsstrategie nötig, damit wenigstens für weite Teile des Werkes in Bochum eine Zukunft in der Fahrzeugfertigung gesichert werde. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) verlangte von GM eine Bestandsgarantie für das Werk Rüsselsheim. Er will morgen in Frankfurt mit Clement zu einem Krisengespräch zusammenkommen.



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