Böges Managerschelte Kartellamtschef geißelt Gier nach schnellem Geld

Das ungezügelte Streben deutscher Konzerne nach Größe und Marktmacht entwickelt sich nach Ansicht von Kartellamtschef Böge zu einer ernsten Gefahr für den Wettbewerb. Manager handelten zu selten "mit Augenmaß". Enttäuscht zeigte sich Böge vor allem vom Springer-Verlag.


Hamburg - Kartellamtschef Ulf Böge wirft den deutschen Spitzenmanagern eine zunehmende Rücksichtslosigkeit im Kampf um Marktanteile vor. Die "Gier nach schnellem Geld" habe in den Management-Etagen offenbar dem "Handeln mit Augenmaß" den Rang abgelaufen, wird Böge von der "Börsen-Zeitung" zitiert. Nur so lasse sich die Vielzahl der gegenwärtigen Verfahren der Wettbewerbshüter wegen Missbrauchs der Marktposition erklären.

Kartellamtschef Böge: "Wer seine Freiheit behalten will, muss damit verantwortlich umgehen"
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Kartellamtschef Böge: "Wer seine Freiheit behalten will, muss damit verantwortlich umgehen"

Wer seine Freiheit behalten wolle, müsse damit verantwortlich umgehen, mahnte Böge. Auch im Zeitalter der Globalisierung gelte, dass gewonnene Freiräume nicht ohne Gegenleistung zu bekommen seien. "Jede gefallene Handelsbarriere, jede Liberalisierung, jede Eroberung eines neuen Marktes bringt auch Verpflichtungen mit sich", betonte der Präsident des Bundeskartellamts. Böge sagte, mit ihrem Streben nach Größe und Marktmacht arbeiteten Manager ausgerechnet jenen Kräften zu, die mehr Staatsinterventionismus fordern. Er bezweifle aber, dass man das in den Vorstandsetagen beispielsweise der Energieversorger erkenne.

Kritik übte Böge auch an der Ansicht von Politik und Konzernen, nur große, sogenannte nationale Champions seien international wettbewerbsfähig. Versuche der Politik, auf nationaler Ebene starke Großkonzerne zu formen, die sich gegenüber der weltweiten Konkurrenz durchsetzten, betrachte er als gescheitert. "Nationale Champions mögen im Ausland erfolgreicher sein, allerdings zu dem Preis, dass der einheimische Mittelstand zusehends unter Druck gerät", kritisierte Böge. Zudem hätten die Verbraucher das Nachsehen.

Die Untersagung der Fusion des Springer-Verlags mit dem Fernsehunternehmen ProSiebenSat.1 habe Einstellungen zum Wettbewerbsprinzip zutage gefördert, die man so nicht erwartet habe, sagte Böge. So sei davor gewarnt worden, die privaten Sender in ausländische Hände fallen zulassen. Dabei habe ProSiebenSat.1 längst einem Ausländer - Haim Saban - gehört. Auch sei völlig negiert worden, dass ein Verlag wie Bertelsmann längst in der Weltliga spiele und Verlage wie die WAZ und Springer sich in den osteuropäischen Nachbarländern eine gute Marktstellung erkämpft hätten. Springer habe über die Entscheidung heftig geklagt, sei aber natürlich völlig anderer Meinung gewesen, als es um den Übernahmeversuch der "Berliner Zeitung" durch den Holtzbrinck-Verlag gegangen sei.

Aktuell beschäftigt sich das Kartellamt mit den so genannten "Leuchtturmprodukten" der Sparkassen, wird Böge zitiert. Mit diesen Angeboten für Privatkredite und Baufinanzierungen wollen die Sparkassen verstärkt der zunehmenden Konkurrenz von Direktbanken begegnen. Böge zufolge ist daran nichts zu beanstanden, solange es sich lediglich um eine gemeinsame Vermarktung handele. Es sei allerdings zu prüfen, ob die Kooperation der Sparkassen weiter gehe und damit eine unzulässige Kartellabsprache vorliege, sagte der Kartellamtschef.

Ähnlich wie Böge äußerte sich auch Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dietrich Austermann. Der CDU-Politiker sagte den "Lübecker Nachrichten", Manager dürften ihr Handeln nicht nur an monetären Profiten ausrichten. "Auch eine ethische Rendite zahlt sich langfristig für das Unternehmen in Cent und Euro aus."

Vergangene Woche hatte auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) das Verhalten von Unternehmensführungen kritisiert. "Es geht mir gegen den Strich, wenn Aufsichtsräte und Vorstände nicht mehr die Proportionen im Blick haben und nicht wissen, dass auch sie eine Vorbildfunktion haben", zitierte die "Süddeutsche Zeitung" den Minister.

kaz/Reuters/ddp/AP/dpa



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