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26. Januar 2008, 16:30 Uhr

Börse in Dubai

Aktienwetten statt Pferderennen

Von Jörg Schäffer

Die Börse in Dubai wurde lange Zeit belächelt - Konkurrenten im Westen nahmen den jungen Finanzplatz nicht ernst. Das hat sich schlagartig geändert, seit die Araber auf Einkaufstour gehen. Das Emirat mischt weltweit die Märkte auf.

Dubai - Als der deutsche Finanzexperte Steffen Schubert vor vier Jahren nach Dubai ging, um dort die erste internationale Börse in der Region aufzubauen, wurde er von seinen Kollegen in Frankfurt, London und New York belächelt. Keiner wollte das Projekt so recht ernstnehmen. Ein arabisches Finanzparkett mit weltweiter Ausstrahlung? Undenkbar.

Jetzt ist Dubai kurz davor, die renommierte skandinavische Börse OMX zu übernehmen und durch einen komplizierten Dreiecksdeal große Anteile der New Yorker Nasdaq und der London Stock Exchange zu erwerben. Das Handeln mit Aktien entwickelt sich vom unbedarften Volkssport reicher Araber zu soliden Kapitalgeschäften.

Die Bourse Dubai, gerade erst im August gegründet, ist die Muttergesellschaft des Finanzplatzes Dubai International Financial Exchange (DIFX). Zwei Milliarden Menschen soll er bedienen - und wegen der Zeitdifferenz zwischen London und Tokio ein wichtiger Brückenkopf im weltweiten Kapitalstrom werden. Es schien ein gewagtes Projekt zu sein, denn die Vereinigten Arabischen Emirate standen mit ihrem Vorhaben keineswegs konkurrenzlos da: Katar plante ebenfalls die Übernahme von OMX, der wichtigsten Börse im Ostseeraum. Jetzt hat Dubai im innerarabischen Wettbewerb eine Punktlandung geschafft, die vorerst nicht zu überbieten sein wird.

Steffen Schubert, der Architekt der DIFX, der nun in zahlreichen Aufsichtsräten international agierender Unternehmen sitzt, ist vom Zusammenschluss der Börsen Dubai, Stockholm und New York begeistert: "Mit diesem Deal wird ein Branding für die arabische Region geschaffen, das die Glaubwürdigkeit der Märkte signifikant erhöht."

Der Vorgang ist kompliziert und von politischer Seite noch längst nicht abgesegnet, die beteiligten Börsen aber sind sich einig: Die Bourse Dubai übernimmt die OMX und veräußert diese anschließend an die Nasdaq. Dubai erhält im Gegenzug 20 Prozent der Nasdaq und 90 Prozent ihrer Anteile an der London Stock Exchange, was 28 Prozent der Londoner Börse entspricht.

Ein Geschäft, von dem alle profitieren: Die Nasdaq erhält endlich den seit langem erwarteten internationalen Anstrich, nachdem ihr Versuch einer Komplettübernahme der London Stock Exchange gescheitert ist. Die OMX darf ihre Börsentechnologie nun an ihre Partner weiterverkaufen und verspricht sich dadurch ein Milliardengeschäft.

Und Dubai? Das Emirat profitiert nicht nur von dem Einfluss, den seine Börse in New York und London haben wird. Entscheidend ist ebenso die Aufmerksamkeit, die der arabischen Region nun zuteil wird. Die Finanzmärkte im Nahen und Mittleren Osten haben bereits in den vergangenen Jahren einen beeindruckenden Aufschwung erlebt. Die Folgen des 11. September 2001, als mit dem World Trade Center das Symbol des westlichen Kapitalismus schlechthin zerstört wurde, sind entgegen landläufiger Gerüchte nur bedingt dafür verantwortlich. Die befürchteten massiven Kapitalabzüge aus den US-Märkten blieben aus, obwohl die rhetorische Kollektivbeschuldigung aller Araber durch die amerikanische Regierung für viel Irritation und Unsicherheit sorgte, und obgleich in den USA Konten Terrorverdächtiger eingefroren und viele Finanztransfers verhindert wurden.

Die Öl-Milliarden möchten angelegt werden

Allerdings werden die amerikanischen Kapital- und Immobilienmärkte nun nicht mehr in gleichem Maße mit frischem Kapital versorgt wie zuvor, als fünfzig Prozent der Direktinvestitionen aus der arabischen Welt kamen. Das Geld wird jetzt neu verteilt und in Europa, Lateinamerika, Asien sowie in der arabischen Heimatregion angelegt.

Chinas rasanter wirtschaftlicher Aufstieg ließ zudem die Handelspreise für Öl explodieren und bescherte den ölreichen arabischen Staaten enorme Haushaltsüberschüsse. Diese investierten die Regierungen vor allem in die Urbanisierung der eigenen Region. Dabei spielte Dubai eine Vorreiterrolle. Mit dem Wissen, dass die Ölquellen seines Emirats zu versiegen drohen, setzte der dortige Herrscher Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum früh auf den Aufbau einer diversifizierten Wirtschaft. Vor allem im Tourismussektor und in der Logistik stieg das Emirat zum Drehkreuz zwischen Europa, Afrika und Asien auf. Aber auch andere Industriezweige wie die Petrochemie entstanden.

Schon längst ist Dubai kein Einzelbeispiel mehr: Ob Saudi Arabien, Katar, Kuwait oder Oman – überall entstehen neue Städte, Industrieparks und Unternehmen. Parallel zu diesem rasanten Wirtschaftswachstum entwickelten sich die arabischen Finanzmärkte. Der ägyptische CASE Index stieg von 2003 bis Januar 2006 um über 1500 Prozent. Ähnliche Zuwächse verzeichneten Doha, Bahrain, Kuwait und Riad. An der Börse zu investieren und zu spekulieren, avancierte zum Volkssport, besonders unter Frauen in Saudi-Arabien. Das Spiel mit Wertpapieren bot eine willkommene Abwechslung zum sonst eher eingeschränkten Alltag im strengen Wahhabitenreich.

Scheidung wegen Börsencrash

Das Entsetzen war dann umso größer, als es im Mai 2006 zum ersten großen Börsencrash kam. Etliche saudische Familien wurden in den Ruin gestürzt, Männer schieden sich von ihren Frauen, die Haus und Hof verspekuliert hatten. Die Kursstürze verursachten einen traurigen Rekord bei den Psychologen: Über 37.000 Saudis begaben sich infolgedessen wegen Depressionen in Behandlung. Grund des Crashs von über 45 Prozent in der gesamten Region waren hohe Gewinnmitnahmen weniger Investoren, die zuvor die Preise der Indizes durch immer weitere Zukäufe in die Höhe getrieben hatten. Die meisten Aktien der Region waren somit völlig überbewertet, eine Konsolidierung nur die logische Konsequenz.

"Die Entwicklung zwischen 2004 und 2006 war mit der westlicher Kapitalmärkte zwischen 1998 und 2000 vergleichbar, als die Werte der New Economy die Börsenkurse steil nach oben laufen ließen, um dann ins Bodenlose abzustürzen", urteilt Steffen Schubert. "Jeder Taxifahrer wusste zu der Zeit plötzlich mehr über die Kapitalmärkte als ich." Aber gerade solche Entwicklungen sind typisch für junge Finanzmärkte. Fehlende Erfahrung der Marktteilnehmer gehen einher mit mangelhaften Handelsgesetzen, die Hedgefonds-Händlern und Shortsellern leichtes Spiel machen.

Politische Krisen wirken sich positiv aus

Nach dem Crash sind die Finanzmärkte in den arabischen Ländern aber wieder interessant geworden. Die Erfahrungen aus dem Frühjahr 2006 führten zur Einführung international gängiger Handelstandards. So wird auf dem neuen Dubaier Finanzplatz DIFX nach angelsächsischem Recht gehandelt. "Die Menschen fingen an zu begreifen, dass die Börse kein Ersatz für Pferdewetten ist und dass mehr dazu gehört, stabile Kapitalmärkte zu erzeugen, als bloße Spekulation – nämlich eine gute Ausbildung", so Finanzexperte Schubert. Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grand Thornton stufte den Einbruch 2006 als gesunde Korrektur ein.

Vergleicht man die Börsenwerte heute mit denen aus dem Jahr 2002, haben sie sich immerhin verdreifacht – trotz des Crashs 2006. Und solange der Konflikt zwischen den USA und dem Iran nur eine Drohkulisse bleibt und nicht zu militärischen Handlungen führt, werden die Kurse weiter steigen. "Die politischen Krisenherde in Nahost wirken sich absurderweise positiv auf die Entwicklung der arabischen Finanzmärkte aus. Denn die schwelenden Konflikte bedeuten meist einen Anstieg des Ölpreises, was wiederum neues Investitionskapital bedeutet", sagt Uwe Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Meridio Vermögensverwaltung AG.

Meridio ist die erste Gesellschaft, die in Deutschland einen rein arabischen Aktienfonds anbietet. Durch den kuwaitischen Fondsmanager Rashad M. Khourshid, der beste Kontakte zu Unternehmen und Regierungen in der Region unterhält, habe sie laut Uwe Zimmer "immer ein Ohr am Markt". Der in Dollar gehandelte Fonds wurde im April dieses Jahres in Luxemburg aufgelegt und konzentriert sich vor allem auf schnell wachsende Branchen wie die Immobilien- und Bauwirtschaft, die Telekommunikation sowie die Logistik. Allein für den Ausbau der Infrastruktur – von Straßen, Hochhäusern, Reisezentren und einem modernen Telekommunikationsnetz – werden die Golfstaaten in den kommenden Jahren mehr als 460 Milliarden Euro ausgeben. Genug, damit die Auftragsbücher der Unternehmen bis auf Jahre gefüllt sind. Darüber hinaus investieren große Firmen wie Emaar und Nakheel auch in andere arabische Länder, in Jordanien, Marokko oder sogar Syrien, die somit vom Boom der Golfstaaten profitieren.

Europa im Visier der Scheichs

Aber auch die europäischen und amerikanischen Märkte rücken ins Visier arabischer Großunternehmen. Auch wenn sie gelegentlich auf Ressentiments stoßen. Als im Frühjahr 2006 der Dubaier Hafenbetreiber DP World sechs amerikanische Häfen durch den Aufkauf des britischen Unternehmens P&O übernehmen wollte, blockierte das US-Repräsentantenhaus diese Transaktion. Es befürchtete, dass ein muslimisches Unternehmen womöglich Terroristen ins Land einschleusen könnte. Einige Monate zuvor hatte DP World bereits versucht, 49,9 Prozent der Anteile des Hamburger Hafenbetreibers HHLA aufzukaufen, was am Widerstand der Belegschaft scheiterte.

Der Einfluss der global agierenden arabischen Unternehmen wächst dennoch – ob es die ägyptische Orascom Holding ist, die mit insgesamt 460 Millionen Anschlüssen einen Großteil des arabischen und afrikanischen Telekommunikationsmarktes beherrscht und nebenbei sehr erfolgreich im Konstruktionsgeschäft ist, oder Emaar, mit über 16 Milliarden Euro Marktkapitalisierung der bestimmende Wert an der Dubaier Börse und neben Nakheel der größte Immobilienentwickler in der Region, oder der weltweit agierende saudische Chemiekonzern Sabic, der mit einem Marktwert von 60 Milliarden Euro wohl das größte Unternehmen ist, das in der Region an den Börsen gehandelt wird.

Die arabischen Finanzplätze bieten eine Vielzahl interessanter Werte, die auch in Zukunft weiteres Wachstum versprechen. Allerdings sind die Börsen bisweilen noch sehr volatil, da oftmals einzelne Werte mit hoher Marktkapitalisierung ganze Kursverläufe bestimmen. Ändern könnte sich dies bald durch den Börsengang weiterer Firmenschwergewichte. Nur wenige Wochen, nachdem die Hamburger HHLA Anfang November 2007 das Aktienhandelsparkett betreten hatte, listete der Konkurrent DP World 20 Prozent seiner Unternehmenswerte an der Bourse Dubai. Was für beide Unternehmen ein Machtkampf im weltweiten Konsolidierungsprozess der Häfen ist, stellt für die Dubaier DIFX ein weiteres Zugpferd, einen neuen Blue Chip dar und hat Signalcharakter für andere noch nicht gelistete Milliardenunternehmen in der Region, wie Nakheel oder die Fluglinien Emirates und Etihad, die ebenfalls bereits einen Börsengang erwägen.

Jung, dynamisch, unberechenbar

Mit Unigold Inc., einer kanadischen Goldminengesellschaft, ist bereits das erste nordamerikanische Unternehmen an der DIFX gelistet. Allerdings bleibt abzuwarten, inwieweit andere internationale Aktiengesellschaften nun mitziehen. Vorstandsvorsitzender von Unigold ist der gebürtige Saudi Ibrahim Eitani, der am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg graduiert hat. Er war bis Februar 2006 Hauptgeschäftsführer des emiratischen Handelsunternehmens Eitani Enterprises und pflegt dadurch gute Kontakte zur Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate. Ob der Börsengang von Unigold ausschließlich wirtschaftliche Gründe hat oder nicht auch einem gewissen Lokalpatriotismus geschuldet ist, lässt sich daher schwer beurteilen.

Abgesehen vom Finanzplatz DIFX ist der Markteintritt für Ausländer in der Region weiterhin sehr schwierig. "Aktien zu kaufen ist, sofern dies vom Land und vom Unternehmen her erlaubt ist, meist kein Problem", urteilt Finanzexperte Schubert. "Aber diese zu einem fairen Preis wieder los zu werden, bleibt für Leute, die die Märkte nicht kennen, weiterhin schwierig." Gerade deshalb sind Fonds wie der der deutschen Meridio AG ein interessantes Produkt, auch wenn bedacht werden sollte, stets nur einen Teil seines Investitionskapitals in die aufstrebende Region zu vergeben. Die arabischen Finanzmärkte sind noch jung und dynamisch – und damit schwer berechenbar.

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