Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Börse in Dubai: Aktienwetten statt Pferderennen

Von Jörg Schäffer

Die Börse in Dubai wurde lange Zeit belächelt - Konkurrenten im Westen nahmen den jungen Finanzplatz nicht ernst. Das hat sich schlagartig geändert, seit die Araber auf Einkaufstour gehen. Das Emirat mischt weltweit die Märkte auf.

Dubai - Als der deutsche Finanzexperte Steffen Schubert vor vier Jahren nach Dubai ging, um dort die erste internationale Börse in der Region aufzubauen, wurde er von seinen Kollegen in Frankfurt, London und New York belächelt. Keiner wollte das Projekt so recht ernstnehmen. Ein arabisches Finanzparkett mit weltweiter Ausstrahlung? Undenkbar.

Jetzt ist Dubai kurz davor, die renommierte skandinavische Börse OMX zu übernehmen und durch einen komplizierten Dreiecksdeal große Anteile der New Yorker Nasdaq und der London Stock Exchange zu erwerben. Das Handeln mit Aktien entwickelt sich vom unbedarften Volkssport reicher Araber zu soliden Kapitalgeschäften.

Die Bourse Dubai, gerade erst im August gegründet, ist die Muttergesellschaft des Finanzplatzes Dubai International Financial Exchange (DIFX). Zwei Milliarden Menschen soll er bedienen - und wegen der Zeitdifferenz zwischen London und Tokio ein wichtiger Brückenkopf im weltweiten Kapitalstrom werden. Es schien ein gewagtes Projekt zu sein, denn die Vereinigten Arabischen Emirate standen mit ihrem Vorhaben keineswegs konkurrenzlos da: Katar plante ebenfalls die Übernahme von OMX, der wichtigsten Börse im Ostseeraum. Jetzt hat Dubai im innerarabischen Wettbewerb eine Punktlandung geschafft, die vorerst nicht zu überbieten sein wird.

Steffen Schubert, der Architekt der DIFX, der nun in zahlreichen Aufsichtsräten international agierender Unternehmen sitzt, ist vom Zusammenschluss der Börsen Dubai, Stockholm und New York begeistert: "Mit diesem Deal wird ein Branding für die arabische Region geschaffen, das die Glaubwürdigkeit der Märkte signifikant erhöht."

Der Vorgang ist kompliziert und von politischer Seite noch längst nicht abgesegnet, die beteiligten Börsen aber sind sich einig: Die Bourse Dubai übernimmt die OMX und veräußert diese anschließend an die Nasdaq. Dubai erhält im Gegenzug 20 Prozent der Nasdaq und 90 Prozent ihrer Anteile an der London Stock Exchange, was 28 Prozent der Londoner Börse entspricht.

Ein Geschäft, von dem alle profitieren: Die Nasdaq erhält endlich den seit langem erwarteten internationalen Anstrich, nachdem ihr Versuch einer Komplettübernahme der London Stock Exchange gescheitert ist. Die OMX darf ihre Börsentechnologie nun an ihre Partner weiterverkaufen und verspricht sich dadurch ein Milliardengeschäft.

Und Dubai? Das Emirat profitiert nicht nur von dem Einfluss, den seine Börse in New York und London haben wird. Entscheidend ist ebenso die Aufmerksamkeit, die der arabischen Region nun zuteil wird. Die Finanzmärkte im Nahen und Mittleren Osten haben bereits in den vergangenen Jahren einen beeindruckenden Aufschwung erlebt. Die Folgen des 11. September 2001, als mit dem World Trade Center das Symbol des westlichen Kapitalismus schlechthin zerstört wurde, sind entgegen landläufiger Gerüchte nur bedingt dafür verantwortlich. Die befürchteten massiven Kapitalabzüge aus den US-Märkten blieben aus, obwohl die rhetorische Kollektivbeschuldigung aller Araber durch die amerikanische Regierung für viel Irritation und Unsicherheit sorgte, und obgleich in den USA Konten Terrorverdächtiger eingefroren und viele Finanztransfers verhindert wurden.

Die Öl-Milliarden möchten angelegt werden

Allerdings werden die amerikanischen Kapital- und Immobilienmärkte nun nicht mehr in gleichem Maße mit frischem Kapital versorgt wie zuvor, als fünfzig Prozent der Direktinvestitionen aus der arabischen Welt kamen. Das Geld wird jetzt neu verteilt und in Europa, Lateinamerika, Asien sowie in der arabischen Heimatregion angelegt.

Chinas rasanter wirtschaftlicher Aufstieg ließ zudem die Handelspreise für Öl explodieren und bescherte den ölreichen arabischen Staaten enorme Haushaltsüberschüsse. Diese investierten die Regierungen vor allem in die Urbanisierung der eigenen Region. Dabei spielte Dubai eine Vorreiterrolle. Mit dem Wissen, dass die Ölquellen seines Emirats zu versiegen drohen, setzte der dortige Herrscher Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum früh auf den Aufbau einer diversifizierten Wirtschaft. Vor allem im Tourismussektor und in der Logistik stieg das Emirat zum Drehkreuz zwischen Europa, Afrika und Asien auf. Aber auch andere Industriezweige wie die Petrochemie entstanden.

Schon längst ist Dubai kein Einzelbeispiel mehr: Ob Saudi Arabien, Katar, Kuwait oder Oman – überall entstehen neue Städte, Industrieparks und Unternehmen. Parallel zu diesem rasanten Wirtschaftswachstum entwickelten sich die arabischen Finanzmärkte. Der ägyptische CASE Index stieg von 2003 bis Januar 2006 um über 1500 Prozent. Ähnliche Zuwächse verzeichneten Doha, Bahrain, Kuwait und Riad. An der Börse zu investieren und zu spekulieren, avancierte zum Volkssport, besonders unter Frauen in Saudi-Arabien. Das Spiel mit Wertpapieren bot eine willkommene Abwechslung zum sonst eher eingeschränkten Alltag im strengen Wahhabitenreich.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Börse Dubai: Milliarden für die Welt

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: