Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Was haben sie gelästert. Millennium-Gau. Börsencrash. Nichts davon ist wahr geworden. Der Dax beendete das Jahr mit einem neuen Rekordhoch. 39 Prozent Plus im Schnitt.

Von Georg Schwarte


Hamburg - Das ist mehr als auch der größte Optimist erwartet hat und jeder Sparbuchbesitzer wird blass vor Neid. Die Aktie im Dax - mal wieder - die Volksaktie Telekom. Zum zweiten Mal in Folge erwies sich der Gassenhauer Telekom als Glücksgriff - für alle, die trotz des enorm hohen Preises entweder nicht verkauft oder sogar zugekauft haben. Die Börsenbilanz auf den ersten Blick sieht rosig aus. Aber es gibt Macken.

Erster Schönheitsfehler: Es hat lange gedauert, bis der Dax, der Nemax und der M-Dax in diesem Jahr überhaupt auf Touren kamen. Quasi erst nach dem traditionellen Horror-Monat Oktober bekam der Index Flügel.

Zweiter Schönheitsfehler: Der Anstieg ist nur ein paar Treibsätzen im Dax zu verdanken. Von einem breiten Aufschwung kann kaum die Rede sein. Das birgt allerdings zugleich Chancen fürs kommende Jahr. Einige Papiere haben da mächtig Nachholbedarf. Autowerte, Finanztitel, Pharma und Chemiepapiere gehören dazu.

Dritter Schönheitsfehler: Der Umsatz an den deutschen Börsen ist in diesem Jahr trotz neuer Rekordstände erstaunlicherweise gesunken und der umsatzstärkste Monat war nicht, wie man vielleicht denken könnte, der rekordträchtige Dezember, sondern der Jahresbeginn 1999, der Monat Januar. Genau das übrigens läßt viele ganz optimistisch ins neue Börsenjahr blicken. Denn zu Beginn des Jahres dürfte ähnlich wie im Vorjahr viel Kapital flüssig sein. Hohe Liquidität, dazu gute Kursperspektiven und ein dickes Plus beim Wirtschaftswachstum bilden die Mischung, die Indices und Kurse in der rewgel weiter nach oben treibt.

1999 war das Jahr der Neu-Emissionen. 168 Unternehmen gingen an die Börse und brachten Aktien im Wert von über 28 Milliarden Mark unters Volk. Im Mittelpunkt standen neben Aktien aber auch Menschen, die das Börsenjahr 1999 geprägt haben. Ganz oben auf der Liste findet sich kein Unternehmer sondern ein Politiker: Oskar Lafontaine. Er war der bestgehaßte Mann an der Börse und es gab das allgemeine Aufatmen als er die Brocken hingeworfen hatte. Immerhin hat Lafontaine geschafft, was bisher selten einem Politiker gelang. Binnen Minuten stieg der Dax am ersten Handelstag nach Lafontaines Rücktritt um über 200 Punkte. Der zweite Name des Börsenjahres lautet Heiner Kamps. Den kennt lange nicht jeder. Aber viele werden sich ärgern, dass sie ihn nicht früher gekannt haben. Heiner Kamps backt Brötchen. Mittlerweile keine kleinen mehr. Ihm gehört eine riesige Bäckerei-Kette. 1998 ging der Bäcker an die Börse und im abgelaufenen Jahr haben seine Brötchen unter den 100 Dax-Werten alles geschlagen - Handys, Software, Autos und Chemie. Die Aktie der Kamps AG stieg um rund 300 Prozent. Das ist ungefähr das doppelte vom Mannesmann-Ergebnis. Das ist das Stichwort für zwei andere Namen, die stellvertretend für das Börsenwort des Jahres "Feindliche Übernahme" stehen: Klaus Esser und Chris Gent. Der Brite, Chef von Vodafone Airtouch, sieht mit seinem Tweed-Jacket und seiner dicken Hornbrille immer ein bißchen nach Kassenwart im Sparclub aus. Er aber hat mit dem feindlichen Übernahmeversuch von Mannesmann den Coup des Jahres gestartet.

Der Ausblick auf den Aktienmarkt ist zumindest für den risikofreudigen Aktionär ein Appetitanreger. Die deutschen Anleger erwarten im kommenden Jahr jede Menge neuer Namen auf dem Kurszettel. Nach der T-Aktie könnte beipsielsweise die P-Aktie kommen. Frühestens im Herbst - wenn überhaupt - dürfte die Deutsche Post AG an die Börse gehen. Das letzte Wort darüber wird in Brüssel gesprochen. Klappt der Gang aufs Parkett wäre das der zweitgrößte Börsengang in der deutschen Börsengeschichte und ein spannender obendrein. Die gute alte Post ist ja mittlerweile deutlich mehr als nur der Briefträger, über den wir uns gelegentlich ärgern, wenn er mal später kommt. Die Post ist Europas größtes Logistikunternehmen und mittlerweile international besser aufgestellt als der Musterkonzern Telekom. Heute erwirtschaften bei der Post 100.000 weniger Beschäftigte als vor acht Jahren 60 Prozent mehr Umsatz. Der zweite große Börsengang im neuen Jahr verbirgt sich hinter dem Namen Infineon. Das ist die Halbleitertochter vom Shooting-Star Siemens, also von einem der Unternehmen im Dax, die in diesem Jahr aus dem Tal der Vergessenen herausgeklettert sind - mit eigener Kraft übrigens. Ein Blick auf die Boom-Branchen des neuen Börsenjahres macht klar, dass die alten Zugpferde auch die neuen sein werden. Alles was nach Internet und Software riecht, steht potentiell unter Beobachtung. Die Internetwerte werden weiter boomen. Hierzulande, aber erst recht in den USA. Als Musterbeispiel aus Deutschland reicht die Aktie von Broad Vision. Der Laden steht für e-commerce, also den Handel via Internet. Über 1000 Prozent Wertsteigerung in diesem Jahr ist die Visitenkarte dieses Internet-Wertes. So was treibt den Neuen Markt nach oben und allen, die nicht dabei waren, die Tränen in die Augen. Als zweite Branche werden die Medienwerte auch im nächsten Jahr die Aktionäre verwöhnen. Als Beispiel gilt RTV-Family. Schlappe 600 Prozent stieg die Aktie seit der Erstnotierung im Juni des Jahres. Wer es solider und konservativer mag, der guckt sich bei den Zyklikern um, das sind die Branchen wie die Autobauer, die Chemie- und Pharmatitel. Und natürlich die gute Telekommunikation. Da fängt es bei Handys an - Stichwort Nokia und hört bei den sündhaft teuren Klassikern auf - Stichwort Deutsche Telekom.

Die Wall-Street in diesem Jahr hat knapp 25 Prozent Plus zu bieten. Sie hat diesmal also gegen den Dax verloren. Aber die Nastaq reißt es heraus. In den letzten zehn Jahren stiegen die Kurse dort im Schnitt um fast 800 Prozent. Und wenn die Analysten recht behalten, dann hält der Kurs nach oben auch im neuen Börsenjahr weiter an.



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