Börsen-Turbulenzen Nervöses Auf und Ab in Frankfurt - banges Warten auf die Wall Street

Crashen die Börsen heute auch in den USA? Gebannt warten Händler und Anleger auf die erste Öffnung der Wall Street nach dem "schwarzen Montag". Die deutschen Aktien sind im Minus, Politiker warnen trotzdem vor Panikmache.


Frankfurt am Main - Um 15.30 Uhr schlägt in New York die Stunde der Wahrheit. Wenn die Wall Street nach verlängertem Wochenende den Handel wiedereröffnet, zeigt sich, wie tief die Kursverluste an Europas und Asiens Börsen die US-Aktienmärkte mit hinabziehen. Am Montag war die Wall Street wegen des Martin-Luther-King-Feiertags geschlossen.

Aktienhändler-Spruch in der Frankfurter Börse: Neuer Schock nach dem "schwarzen Montag"?
DPA

Aktienhändler-Spruch in der Frankfurter Börse: Neuer Schock nach dem "schwarzen Montag"?

Ein aktuelles Future taxiert den Dow-Jones-Index auf gerade mal 11.580 Punkte - das wäre ein Minus von sechs Prozent. Gemessen an den herben Verluste des gestrigen "schwarzen Montags" halten Experten sogar Verluste von bis zu zehn Prozent möglich. Gerüchte, denen zufolge die Citigroup Chart zeigen kurz vor der Pleite steht, sorgen zusätzlich für Unruhe.

Auch Europa blickt bang auf die Wall Street - stürzt der Dow Jones ab, sind hierzulande erneute Kursrutsche möglich. "Die Verluste heute Morgen spiegeln die große Unsicherheit darüber wider, was gleich an der Wall Street passiert", sagt Matthias Melms, Händler bei der NordLB. Gerüchte über weitere Ausfälle bei Banken hatten den Dax zu Börsenbeginn um 5,4 Prozent auf 6420 Punkte gedrückt - den niedrigsten Stand seit Dezember 2006.

Inzwischen hat sich der Deutsche Aktienindex (Dax Chart zeigen) leicht erholt, ist aber zum frühen Nachmittag immer noch rund zwei Prozent im Minus.

Es ist ein Tag des hektischen Auf und Ab in Frankfurt: Der Dax hatte sich zum Mittag schon auf minus 0,8 Prozent verbessert, bevor er dann wieder abstürzte. Der MDax Chart zeigen war sogar schon 1,9 Prozent im Plus, bevor er erneut sank. Der TecDax Chart zeigen stieg zeitweise um 2,27 Prozent, drehte dann nach unten.

Einer der großen Vortagsverlierer, die Immobilienbank Hypo Real Estate Chart zeigen, war wie die Deutsche Börse Chart zeigen am frühen Nachmittag im Plus, ebenso die Commerzbank Chart zeigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte angesichts der Nervosität auf den Aktienmärkten vor Panik. "Es gibt keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland. Das muss man ganz deutlich sagen", sagte sie dem Sender NDR Info. Deutschland ist nach Meinung der Kanzlerin nicht mehr so stark abhängig von der Entwicklung in den USA. Die EU-Finanzminister zeigten sich dagegen besorgt.

Wall Street hofft auf Zinssenkung

An der Wall Street hoffen Analysten zufolge viele Anleger auf eine Zinssenkung. Regulär entscheidet die US-Notenbank Fed erst in der kommenden Woche darüber - angesichts der aktuellen Turbulenzen halten manche aber eine vorzeitige Bekanntgabe für möglich. "Die Gerüchte reichen von einer Zinssenkung der Fed um 75 Basispunkte bis zu einem ganzen Punkt", sagte ein Händler.

Befürworter einer Zinssenkung argumentieren, eine frühzeitige Ankündigung könne die Turbulenzen an den Aktienmärkten lindern. "Die Fed muss mit einem klaren Zeichen kommen - mit einer Zinssenkung", sagt Händler Fidel Helmer vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Die USA müssten genau erklären, was sie mit ihrem Konjunkturprogramm vorhaben. Die von US-Präsident George W. Bush angekündigte Konjunkturspritze über 145 Milliarden Dollar hat die Nervosität an den Finanzmärkten bislang nicht mindern können.

"Der schwere Trübsinn, der über der Wall Street lastet, könnte sich diese Woche noch weiter verdüstern", fürchtet selbst der sonst eher unaufgeregte TV-Wirtschaftssender CNBC und verweist auf die mit Unruhe erwarteten Quartalsbilanzen der kommenden Tage: Apple, Bank of America, Ford, Microsoft.

Zinssenkungen in Europa unwahrscheinlich

In Europa sind Zinssenkungen hingegen unwahrscheinlich. Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), schloss derartige Schritte am Vormittag in einem Interview mit dem Deutschlandfunk aus. Die Ertragslage der Unternehmen sei günstig, die privaten Haushalte stünden gut da, sagte er. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte Zinssenkungen zuletzt ebenfalls ausgeschlossen.

Die Finanzminister der Europäischen Union tagen derzeit in Brüssel über die Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten. Der spanische Wirtschafts- und Finanzminister Pedro Solbes sprach von einer schwierigen Situation, verweist aber auch darauf, dass die wirtschaftliche Situation in den rezessionsbedrohten USA und in Europa unterschiedlich sei. Seine französische Kollegin, Finanzministerin Christine Lagarde, sagt: "In Europa beobachten wir ein Wachstum von zwei Prozent und haben mit Sicherheit keine Rezessionsgefahr."

Finanz-Fiasko in Fernost

In Asien und Australien stürzten die Kurse bis zu zehn Prozent ab. In Indien waren die Verluste sogar so hoch, dass der Handel wenige Minuten nach Börsenöffnung für eine Stunde ausgesetzt wurde. In Tokio schloss der Nikkei Chart zeigen um 5,65 Prozent schwächer. In Hongkong sackte der Index Hang Seng Chart zeigen um acht Prozent ab. Der australische All-Ordinaries-Index sank um 5,7 Prozent. In Neuseeland büßte der NZX50-Index im Vormittagsgeschäft fast vier Prozent ein.

Die Reaktionen der Experten fielen zumeist düster aus: Der Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, Wolfgang Gerke, erwartet negative Folgen für die deutsche Konjunktur. "Wir werden eine erhebliche Konjunkturdelle bekommen", sagt er. Die Amerikaner seien in großen Schwierigkeiten, Deutschland als große Exportnation werde davon in besonderem Maße getroffen. Merkel zufolge will die Regierung ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von zwei auf 1,7 Prozent senken.

Volker Treier, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), bezeichnet den aktuellen Kursrutsch als "Korrektur des Börsen-Hypes". Es sei "wieder einmal deutlich geworden, dass sich die Börse nicht auf Dauer von realwirtschaftlichen Prozessen abkoppeln" könne, sagte er der "Berliner Zeitung".

Aus Angst vor einer weltweiten Rezession waren gestern die Aktienkurse an vielen Börsen eingebrochen. Der Dax stürzte so stark ab wie seit den Anschlägen in New York am 11. September 2001 nicht mehr. Er schloss über sieben Prozent im Minus bei 6790 Punkten. Laut "Financial Times Deutschland" vernichtete der Crash gut 63 Milliarden Euro Börsenwert. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) warnte vor einer Börsenpanik.

ssu/AFP/AP/dpa/ddp/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.