Börsenbeben US-Versicherungsriese AIG droht Pleite

Das nächste Großunternehmen gerät in den Strudel der US-Finanzkrise: Das Kreditrating des strauchelnden US-Versicherers AIG wurde von den drei wichtigsten Agenturen herabgestuft. Jetzt droht eine Kettenreaktion - mit schwerwiegenden Folgen auch für Deutschland.


Hongkong - An den Börsen werden darwinistische Horrorszenarien gemalt: "Das ist die Rückkehr zum puren Kapitalismus, das Überleben des Stärksten", sagt Justin Urquhart Stewart, Investment Direktor bei 7 Investment Management in London. Mit Blick auf die Wall Street erklärt der Banker: "Die Regierung kann nicht jeden retten und sie wird es auch nicht tun." Dort kämpft gerade der größte US-Versicherer AIG ums Überleben. Denn in der Nacht ist genau das passiert, was der Konzern unter allen Umständen vermeiden wollte: Die drei wichtigsten Rating-Agenturen haben ihr Kredit-Rating herabgestuft.

Untergangsstimmung an der Wall Street: "Das ist die Rückkehr zum puren Kapitalismus, das Überleben des Stärksten"
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Untergangsstimmung an der Wall Street: "Das ist die Rückkehr zum puren Kapitalismus, das Überleben des Stärksten"

Moody's senkte die Bewertung auf A2 von Aa3, Standard & Poor's auf A-Minus von AA-Minus und Fitch auf A von AA-Minus. Alle drei Institute erklärten, weitere Herabstufungen könnten folgen. AIG hat infolge der Kreditkrise deutliche Kursverluste erlitten. Sollten Rating-Agenturen die Bonität der weltweit zweitgrößten Versicherung über einen gewissen Punkt hinaus herabstufen, könnten Geschäftspartner ihr Kapital abziehen. Dies könnte Medien zufolge die Überlebensfähigkeit des Konzerns gefährden.

70 Milliarden Dollar Kredit

AIG war bislang für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Allerdings hatte der Versicherer in einer Standardinformation erklärt, dass eine Abstufung um eine Stufe das Unternehmen zwingen würde, 13,3 Milliarden Dollar an zusätzlichen Sicherheiten aufzubringen. Der Bedarf an zusätzlichem Kapital würde die Liquidität des Versicherers gefährden - deshalb hatte AIG dringend nach neuen Geldgebern gesucht. AIG musste wegen der Finanzkrise im vergangenen Jahr Ausfälle in Milliardenhöhe hinnehmen. Am Montag fielen der Aktienkurse des Versicherers um 60,8 Prozent auf 4,76 Dollar.

Derweil wird hinter verschlossenen Türen um Rettungsmöglichkeiten gerungen. Die US-Notenbank Fed hat einem Insider zufolge die Investmentbanken Goldman Sachs und JP Morgan Chase - beide Finanzberater von AIG - aufgefordert, an einem kurzfristigen Kredit für AIG zu arbeiten. Die Summe des Kredits könnte sich demnach auf bis zu 70 Milliarden Dollar belaufen. Eine Sprecherin des US-Finanzministeriums wollte das nicht kommentieren. Finanzminister Henry Paulson, der am Sonntag die Wall Street mit seiner Absage an einen staatlichen Rettungsplan für Lehman geschockt hatte, erklärte lediglich: Es gibt Bemühungen von Privatunternehmen, den Versicherer zu retten.

Gerüchte über europäische Übernahme

Der Gouverneur von New York, David Peterson, erlaubte AIG dagegen, 20 Milliarden Dollar von seinen Versicherungstöchtern auf die Muttergesellschaft umzuleiten und so seine Kapitaldecke zu stärken. Paterson forderte zudem die US-Regierung auf, den Konzern zu unterstützen. Einem Bericht der "New York Times" zufolge bat die AIG bereits die US-Notenbank um einen Überbrückungskredit von 40 Milliarden Dollar. So sollte eigentlich die Herabstufung des Kreditratings vermieden werden. Dem "Wall Street Journal" zufolge will AIG zudem umfangreiche Sparten wie die weltweit führende Flugzeug-Leasing-Tochter ILFC verkaufen. Die europäischen Konkurrenten Münchener Rück und Swiss Re wollten zu Gerüchten über eine mögliche Übernahme des Rückversicherungsgeschäfts des angeschlagenen Konzerns nicht Stellung nehmen.

Eine AIG-Pleite würde auch Auswirkungen auf Deutschland haben. Der Konzern ist auch für fast alle im Dax Chart zeigen gelisteten Unternehmen ein bedeutender Haftpflichtversicherer - auch im höchst sensiblen Bereich der Manager-Haftpflichtversicherungen. Nach Informationen des "Handelsblatts" denken deutsche Großkunden nun darüber nach, ihre Kündigungsfristen zu verkürzen, bevor sich die Verträge automatisch verlängern. Das sei bei vielen Anfang des kommenden Jahres der Fall, so das Blatt.

Börsenbeben in Asien

Die dramatischen Ereignisse an der Wall Street haben derweil zu Turbulenzen an den Börsen der ganzen Welt geführt. In Hongkong stürzten der Index im frühen Handel am Dienstag um 6,49 Prozent ab. In Südkorea verlor der Index vorübergehend 6,5 Prozent, der Nikkei Chart zeigen in Tokio rutschte um 4,48 Prozent ab und sank gleich zum Handelsauftakt erstmals seit März unter die psychologisch wichtige Marke von 12.000 Punkten.

Der Dow Jones Chart zeigen in New York war zuvor auf 10.917,51 Punkte gesunken, ein Minus von 504,48 Punkten und 4,42 Prozent. Der technologieorientierte Nasdaq Chart zeigen gab um 81,36 Punkte und 3,60 Prozent auf 2179,91 Punkte nach.

Japans Zentralbank pumpte in zwei Tranchen 16,7 Milliarden Euro in den Markt. Am Vortag hatten bereits die Europäische Zentralbank 30 Milliarden Euro und die britische Zentralbank umgerechnet 6,3 Milliarden Euro sowie die US-Zentralbank Fed 70 Milliarden Dollar in den Markt gepumpt, um den Abwärtstrend zu stoppen. Die Krise werde "unausweichlich die US-Nachfrage für japanische Exportprodukte herunterziehen und damit die japanische Wirtschaft als Ganzes beeinträchtigen", sagte der Minister für Wirtschafts- und Finanzpolitik, Kaoru Yosano.

Der Auslöser der Krise: Die US-Investment-Bank Lehman Brothers hatte am Montagmorgen Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechtes beantragt, so dass die Gläubiger ihr Kapital nicht mehr abziehen können. Zudem wurde die angeschlagene Bank Merrill Lynch von der Bank of America übernommen.

An der Wall Street spielen sich inzwischen dramatische Szenen ab. Viele Angestellte von Lehman kamen mit Koffern und Taschen in der Dämmerung zur Konzernzentrale, als wollten sie schnellstmöglich ihre Sachen packen und verschwinden. Auch die Mitarbeiter von Merrill Lynch sind tief verunsichert, wie es um ihre Zukunft bestellt ist. Gouverneur Paterson erklärte, im schlimmsten Fall könnten bis zu 40.000 Banker ihren Job verlieren.

ase/AP/dpa-AFX/Reuters

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