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Börsenhändler: Die Börse hätte schließen sollen

Die Entscheidung der Deutschen Börse, den Handel am Mittwoch wie gewohnt aufzunehmen, ist auf heftige Kritik gestoßen. Einige Händler bezeichneten es als Skandal, dass die Börsengeschäfte weiterliefen, als sei nichts gewesen.

Schrecken ohne Ende: Ein Händler an der Börse Frankfurt verfolgt die Berichterstattung aus den USA
REUTERS

Schrecken ohne Ende: Ein Händler an der Börse Frankfurt verfolgt die Berichterstattung aus den USA

Frankfurt am Main - Der Handel hätte bereits am Dienstag viel früher ausgesetzt werden müssen, sagte der Sprecher der Börse Stuttgart, Thomas Stengler. Er kritisierte, dass am Dienstag und Mittwoch überwiegend weitergehandelt wurde: "Aus Pietätsgründen und Anlegerschutzgründen hätten wir das nicht machen dürfen."

Zudem sei der Markt innerhalb von Minuten zusammengebrochen, als die Nachrichtenlage noch unklar war, sagte der Sprecher der Börse Düsseldorf. "Für den Schutz der Anleger hätten wir in der ersten Minute aussetzen müssen." Aber alle seien von den Ereignissen überrascht worden. Danach sei es für einen Schutz der Anleger zu spät gewesen.

Es herrsche eine große Verärgerung innerhalb der Maklerschaft und der Geschäftsführung, dass der Handel nicht ausgesetzt wurde, sagte Stengler weiter. Mehrere Regionalbörsen hätten bei einer Telefonkonferenz dafür plädiert. Doch da die Deutsche Börse in Frankfurt als Leitbörse sich dagegen entschieden habe, seien den kleineren Börsen "die Hände gebunden gewesen." Anleger könnten nämlich rechtliche Ansprüche stellen, wenn Frankfurt weiterhandelt, aufgegebene Orders in einer Regionalbörse aber nicht ausgeführt werden.

Die Deutsche Börse verteidigte ihre Entscheidung, nach der Anschlagsserie in den USA Kauf- und Verkauforders weiter anzunehmen. Dadurch sollte vor allem die Chancengleichheit zwischen institutionellen und Privatanlegern gewahrt werden, sagte Unternehmenssprecher Frank Hartmann am Mittwoch.

Doch genau an diesem Punkt setzt die Kritik von Ulrich Hocker, dem Hauptgeschäftsführer der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, an. Besonders Privatanleger seien durch die Entscheidung geschädigt worden, weil sie auf solche Kursausschläge nicht ausreichend reagieren könnten, sagte Hocker.

Hocker verwies im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE auf die gestrigen Kursrutsch das Dax um zeitweise rund neun Prozent: "An den großen internationalen Börsen an der Wall Street oder in Zürich wird der Handel ausgesetzt, wenn sich die Indizes um mehr als fünf Prozent bewegen. An diesen Gepflogenheiten sollte sich auch die Deutsche Börse orientieren."

Schadensersatzansprüche gegen die Deutsche Börse hält Hocker allerdings für unwahrscheinlich. Wann und unter welchen Bedingungen der Handel ausgesetzt werde, sei abhängig von internationalen Gepflogenheiten, aber nicht in Verträgen oder Gesetzen verankert. Gleichwohl richteten sich die wichtigsten Börsen der Welt danach. "In jedem Fall ist es schlechter Stil, wenn die Deutschen Börse so handelt, als sei nichts gewesen. Das Vertrauen der Kleinanleger in die Aktienmärkte wird das bestimmt nicht gerade fördern."

Die Kleinanleger warnte Hocker vor Panikverkäufen ihrer Aktien als Reaktion auf die Terroranschläge in den USA. "Es wäre ein fataler Fehler, jetzt die Aktienbestände zu Schleuderpreisen an der Börse zu verscherbeln." Sie sollten sich eher mittel- bis langfristig orientieren und ihre Limits notfalls zu stornieren.

Ein Sprecher der Deutschen Börse hatte am Morgen mitgeteilt, lediglich das Geschäft mit amerikanischen Aktien bleibe ausgesetzt. Auch die anderen großen europäischen Handelsplätze hatten eröffnet. Europaweit sackten die Aktienkurse ab, nachdem sie bereits am Vortag zum Teil massiv eingebrochen waren.

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