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Börsenjahrzehnt: Die verlorene Dekade

Von Nils Jacobsen

Dotcom-Blase, 9/11, Subprime-Krise: Das vergangene Jahrzehnt war für Aktionäre eine Achterbahnfahrt. Die westlichen Indizes mussten dramatische Rückschläge einstecken - am Ende stand der Dow auf dem gleichen Niveau wie 1999. Zu den Gewinnern zählen Schwellenländer und Rohstoffe.

Börsenhändler in Frankfurt: Riesige Renditen mit Rohstoffen Zur Großansicht
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Börsenhändler in Frankfurt: Riesige Renditen mit Rohstoffen

Hamburg - Jeder Boom bringt seine ganz eigenen Börsengurus hervor. Vor zehn Jahren war es der Börsenbriefschreiber Harry S. Dent, der mit kühnen Vorhersagen vor der Jahrtausendwende durch die amerikanischen Finanznachrichtensender tingelte. Die wesentliche Prognose seines 1998 veröffentlichten Bestsellers "Die goldenen 2000er Jahre" lautete: Dank der Kaufkraft der Babyboomer werde der Dow Jones bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts bis auf 40.000 und der Nasdaq Composite Chart zeigen bis auf 20.000 Zähler emporschießen.

Zehn Jahre später sind Anleger mit rund einem Viertel im US-Leitindex und gut einem Zehntel an der amerikanischen Technologiebörse nicht mal unzufrieden. Als die Aktienmärkte im Oktober wieder über die magische 10.000-Punktemarke kletterten, konnten sich Anleger darüber kaum freuen, stand das wichtigste Kursbarometer der Welt doch dort, wo es im März 1999 schon mal notiert hatte.

"Das Geschäft der Aktienprognosen sollte man besser Narren überlassen", spottete denn auch das renommierte "Wall Street Journal" nach dem wilden Auf und Ab im vergangenen Jahrzehnt. Obwohl 2009 rund um den Globus als durchaus gutes Börsenjahr in die Geschichtsbücher eingehen dürfte, endete die Dekade für die meisten Indizes der westlichen Welt trotzdem im Minus. Was ist schiefgelaufen?

Massive Abschwünge erschüttern die Märkte

"Die verlorene Dekade ist das Ergebnis einer einmaligen Aneinanderreihung von großen negativen Einzelereignissen an den internationalen Aktienmärkten", sagt Gerd Bennewirtz, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung SJB FondsSkyline. "Erst die IT-Blase 2000, dann 2001 die 9/11-Anschläge, ab Sommer 2007 die Subprime-Krise."

Tatsächlich ist das Ausmaß der Verwerfungen kaum zu überschätzen: Im ersten Bärenmarkt von 2000 bis 2003 verlor der deutsche Aktienmarkt so stark wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen im späten 19. Jahrhundert. Um unfassbare 72 Prozent ging es von dem langjährigen Höchststand von 8065 Zählern im März 2000 auf 2188 Punkte genau drei Jahre später nach unten. "Historisch betrachtet haben wir also bereits einen Hitler eingepreist", bringt der Börsenbuchautor Bernd Niquet das Ausmaß des Ausverkaufs auf den Punkt.

Fast viereinhalb Jahre hat es denn auch gedauert, bis der deutsche Leitindex ein neues Hoch erreichte - und das auch nur mit allerletzter Kraft im Juli 2007, als die ersten Vorboten der Subprime-Krise bereits erkennbar waren. Bis auf 8106 Punkte schoben rekordhungrige Aktionäre den Dax Chart zeigen am 17. Juli 2007, den höchsten Stand des Jahrzehnts - dann aber begann der schnelle Abstieg. Diesmal war schon nach rund eineinhalb Jahren das nächste Tief des Bärenmarktes erreicht - nämlich bei exakt 3588 Zählern in diesem März.

Seitdem sind die Aktienmärkte, begleitet von vielen Zweifeln der Marktteilnehmer, wieder nach oben gegangen, bis an die 6000-Punktemarke kurz vor Jahresende. Dennoch fehlen immer noch ziemlich genau tausend Punkte oder 16 Prozent zum Startniveau des neuen Jahrtausends. Andersherum gerechnet: Aktionäre, die Ende 1999 ein Dax-Indexzertifikat erworben haben, mussten in den vergangenen zehn Jahren einen Wertverlust von knapp einem Prozent pro Jahr verkraften - vor der Kapitalentwertung durch die Inflation wohlgemerkt.

Das ist eine vernichtende Bilanz für eine Anlageklasse, die ihren Anteilseignern langfristig Rendite bescheren soll. Doch verglichen mit anderen Indizes waren Anleger mit ihrem Dax-Investment gar nicht mal schlecht bedient: Wer sich etwa von der Euphorie am Neuen Markt infizieren ließ und Ende 1999 in den boomenden Nemax50 investierte, steht heute mit ziemlich leeren Händen da: Bei 5089 Punkten ging der Leitindex des Neuen Marktes vor zehn Jahren aus der Dekade, bei 810 Zählern notiert der Nachfolge-Index TecDax Chart zeigen heute - ein Wertverlust von erschütternden 84 Prozent.

Dollar-Absturz entwertet US-Investments

Auch an der Wall Street, von der die Schockwellen des Dot.com-Crashs, der Verwerfungen nach dem 11. September 2001 und vor allem der Subprime-Krise ausgingen, war in den vergangenen zehn Jahren nichts zu verdienen. Der Nasdaq Composite liegt bis heute 45 Prozent unter seinem Schlussstand von Ende 1999, während der marktbreite S&P 500-Index in den knapp zehn Jahren 24 Prozent an Wert einbüßte. Der Leitindex Dow Jones hält sich dagegen mit einem Minus von nur neun Prozent noch am besten.

Das gilt jedoch nur für US-Anleger. Durch den massiven Wertverlust des US-Dollars wurden Investments in amerikanische Unternehmen für Anleger im Euro-Raum nämlich oft genug zum Verlustgeschäft. Fast pari starteten Euro und Dollar am 1. Januar ins neue Jahrtausend - bei rund 1,42 Dollar notiert der Euro in diesen Tagen. Das hat massive Folgen: Mit einem Dow-Jones-Zertifikat hätten Anleger im Euro-Raum damit tatsächlich happige 37 Prozent verloren; mit einem Engagement in den S&P 500 47 Prozent, während mit einem Nasdaq Composite-ETF gar Verluste in Höhe von 61 Prozent angefallen wären.

Nebenwerte und Schwellenländer gefragt

Doch all das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den vergangenen zehn Jahren auch Geld mit Aktien verdient werden konnte. Etwa in der zweiten und dritten Reihe der deutschen Märkte. So notierte der Kleinstwerte-Index SDax Chart zeigen am 31.12.1999 bei 2889 Zählern, heute aber bei 3561 Punkten - ein ansehnliches Plus von immerhin 23 Prozent. Richtig verdient haben Aktionäre, die Ende 1999 die Rotation von Blue Chips zu den Nebenwerten mitgemacht haben: Der MDax Chart zeigen stieg nämlich dank Kursraketen wie Puma Chart zeigen zum großen Börsenstar auf und legte in der vergangenen Dekade um stolze 82 Prozent zu.

Ein Vielfaches dieser Rendite war an den Schwellenländerbörsen zu erzielen. "Das war das Jahrzehnt der Emerging Markets", sagt Justin Walters von der Investmentgruppe Bespoke. "Spezielle Märkte mit großem Wachstumspotential haben profitiert", ergänzt SJB-Chef Bennewirtz. Das waren in aller Linie die sogenannten BRIC-Märkte, die Goldman-Sachs-Volkswirt Jim O'Neal in seiner wegweisenden Studie 2001 aus der Taufe hob.

Während sich die Notierungen an den Festlandbörsen Shanghai und Shenzen mehr als verdoppeln konnten, legte der indische Leitindex Sensex, der von der Börse Bombay taxiert wird, um mehr als 200 Prozent zu. Der brasilianische Leitindex Bovespa gewann seit der Jahrtausendwende gar 300 Prozent an Wert. All das wurde jedoch von der Hausse im russischen Riesenreich in den Schatten gestellt: Der in Moskau taxierte RTS legte trotz eines crashartigen Ausverkaufs im vergangenen Herbst in diesem Jahrzehnt um mehr als tausend Prozent zu.

Das Jahrzehnt der Rohstoffmärkte

Treiber der enormen Hausse an den russischen Aktienmärkten war die eigentliche Erfolgsgeschichte des laufenden Jahrzehnts - der Aufstieg der Rohstoffe, die zwei Jahrzehnte lang ein Schattendasein führten. Der alte Antagonismus, wonach Rohstoffe gefragt sind, wenn die Anlageklasse der Aktien leidet, gilt also auch in dieser Dekade.

So kostete vor zehn Jahren ein Barrel Öl gerade mal 16 Dollar - Ende dieses Jahres waren es mit rund 73 Dollar mehr als dreieinhalbmal so viel. Auch die Edelmetalle vervielfachten ihren Wert: Ende 1999 kostete die Feinunze Gold noch 280 Dollar, heute werden mehr als 1080 Dollar für die Krisenwährung bezahlt. Der Silberpreis zog von fünf auf 17 Dollar an.

Das zeigt: Es gab sie also doch, die große Hausse im zu Ende gehenden Jahrzehnt - nur dass sie nicht Harry S. Dent, sondern eine echte Investmentlegende rechtzeitig identifizierte. Der frühere "Quantum"-Fondsmanager Jim Rogers sprach schon 2003 vom "Superzyklus der Rohstoffe" - dem eigentlichen Erfolgstrend der Nullerjahre. "Greifen Sie zu, bevor sie heiß sind", signierte Rogers noch 2005 seinen gleichnamigen Bestseller "Rohstoffe".

Vielleicht der beste kostenlose Investment-Tipp der vergangenen Jahre.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. Soso, hat also einer recht gehabt?
rivi 31.12.2009
Naja, bei der Menge an Prognose waer' ist es ja wohl eher verwunderlich, dass es nur einer war, der Recht hatte. Ob die gleiche Anzahl von Affen mit Schreibmaschinen da nicht besser gelegen haette (oder vielleicht sogar schon das eine oder andere Sonett geschrieben haetten) waere noch zu klaeren.
2. Grund
Greg55 31.12.2009
Zitat von sysopDotcom-Blase, 9/11, Subprime-Krise: Das vergangene Jahrzehnt war für Aktionäre eine Achterbahnfahrt. Die westlichen Indizes mussten dramatische Rückschläge einstecken - am Ende stand der Dow auf dem gleichen Niveau wie 1999. Zu den Gewinnern zählen Schwellenländer und Rohstoffe. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,668870,00.html
Und woran liegt das? Da fallen mir nur 3 Sachen ein, wobei ich morningstar.com zitiere: Bewertungen, Bewertungen, Bewertungen! Aber das wird nicht erwähnt, sondern Aktien werden lachhaft gemacht. Dabei wird vergessen, dass die 17 Jahre davor ('82-'99) unglaublich gute Jahre waren wofür wir jetzt den Preis bezahlt haben. '99-'00 waren wir einfach auf absoltuten und weit über dem Durchschnitt liegenden Bewertungshochs befanden. Wenn man wieder Bewertungen zugrunde legt, dann können wir davon ausgehen, dass die nächsten 10 Jahren besser sein sollten obwohl die Niveaus von März natürlich besser als Einstiegszeitpunkt gewesen wären. Ach von Rohstoffen halte ich nicht viel, eine Blase aus der irgendwann die Luft rausgeht, da nur Angebot und Nachfrage entscheiden. Rohstoffen sind langfristig Aktien meilenweit unterlegen. Ein Superzyklus ist auch Blödsinn. Den hätte es auch dann schon nach Weltkriegen usw. geben sollen aber letlich war die Performance enttäuschend, China wird das nicht ändern. Wir haben in den letzten Jahren nur einen Anpassungsprozess gesehen, weil Rohstoffe, entgegengesetzt zu Aktien, zu billig waren. Letzlich sollte der Satz: "Diesmal wird alles anders" einfach gestrichen werden. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass die Leute den Aktienmarkt ignorieren, belächeln, oder sogar verteufeln, auf diese Weise kann man noch hervorragende Unternehmen zu günstigen Preisen finden.
3. Timing!
rabenkrähe 31.12.2009
Zitat von sysopDotcom-Blase, 9/11, Subprime-Krise: Das vergangene Jahrzehnt war für Aktionäre eine Achterbahnfahrt. Die westlichen Indizes mussten dramatische Rückschläge einstecken - am Ende stand der Dow auf dem gleichen Niveau wie 1999. Zu den Gewinnern zählen Schwellenländer und Rohstoffe. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,668870,00.html
..... Das ist einfach Unsinn, weil es bei jeder Finanzmarkttransaktion vor allem auf das richtige timing ankommt, den möglichst günstigen Zeitpunkt für An- und Verkauf. Natürlich konnten in den Schwellenländern besonders hohe Gewinne gemacht werden, aber auch besonders hohe Verluste. Und nur die wenigsten sind am profitträchtigen Anfang dieser Entwicklung eingestiegen, in was auch, die wenigstens Papiere waren hierzulande ja gänzlich unbekannt. Dafür stiegen nur zu viele ein, als alles schon vorbei war: Der crash war am chinesischen Markt besonders ausgeprägt. rabenkrähe
4. da kann also noch viel passieren...
RogerT 01.01.2010
Noch ist die 1. Dekade des neuen Jahrhunderts nicht vorbei; das ist erst am 31.12.2010... da kann also noch viel passieren.
5. .
pek 01.01.2010
Die Wahrheit: Ein Investor hat in den letzten zehn Jahren an der Börse nichts verdienen können, ausser er hätte das richtige Timing verwendet. Also: Schade um die Zeit!
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