Börsenkrise Dow Jones sackt um mehr als 500 Punkte ab

Horrornachrichten von der Wall Street: Der Dow Jones unter der 11.000-Punkte-Marke, Investmentbank Lehman Brothers pleite, Merrill Lynch notverkauft und Versicherungsriese AIG in Not. US-Finanzminister Paulson wirbt dennoch um Vertrauen. "Unser Bankensystem ist sicher und gesund."


Washington/New York - Einen so dramatischen Tagesverlust hat es an der Wall Street seit Jahren nicht mehr gegeben, nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters war es der stärkste Einbruch seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001: Der Dow Jones Chart zeigenschloss am Montag bei 10.917 Punkten. Das entspricht einem Verlust von mehr als 500 Punkten oder 4,42 Prozent - und ist der tiefste Stand seit Juli 2006. Der breiter gefasste S&P-500 verlor 4,6 Prozent auf 1.193 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq sank um 3,6 Prozent auf 2179 Punkte.

Aktienhändlerin an der Wall Street: Ausverkauf an der Börse
AP

Aktienhändlerin an der Wall Street: Ausverkauf an der Börse

Mit dem "schwarzen Montag" hat die Finanzkrise einen neuen Höhepunkt erreicht: Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Notverkauf des Rivalen Merrill Lynch verunsicherten die Anleger an der Wall Street zutiefst.Die Hiobsbotschaften lösten weltweit Schocks an den Börsen aus. "Die Vertrauenskrise ist wieder da", hieß es. Vor allem Finanztitel verbuchten im Sog der Krise dramatische Verluste.

Die Vorgaben aus den USA belasteten auch den deutschen Aktienmarkt. Der deutsche Leitindex Dax Chart zeigenkonnte seine Verluste eingrenzen und schloss mit einem Minus von 2,7 Prozent bei 6064 Punkten.

Finanzriese AIG in Not

Die Turbulenzen an den US-Finanzmärkten weiten sich aus. Auch der weltgrößte Versicherer American International Group (AIG) Chart zeigenbraucht dringend Hilfe: Das Unternehmen war in der Finanzkrise dramatisch unter Druck geraten. Die AIG-Aktie brach am Montag um zeitweise mehr als 60 Prozent ein.

Dank staatlicher Erlaubnis darf der Konzern seine Kapitaldecke nun um 20 Milliarden Dollar stärken. Der Versicherer hat in diesem Jahr bereits 20 Milliarden Dollar frisches Kapital aufgenommen.

Der Konzern dürfe ab sofort Vermögenswerte seiner Töchter als Sicherheiten bei der Aufnahme neuer Darlehen verwenden, sagte der für die behördliche Aufsicht zuständige Gouverneur des Bundesstaates New York, David Paterson. Auf diese Weise könne sich AIG kurzfristig Überbrückungskredite in dieser Höhe verschaffen.

Unterdessen deute US-Finanzminister Henry Paulson an, dass Bundeshilfen für AIG eher unwahrscheinlich seien. Die Suche des Versicherers nach Kapital sei "ein Bemühen des privaten Sektors", sagte er.

Paulson verteidigte zugleich seine Entscheidung gegen eine Stützung der Investbank Lehman Brothers, die am Montag Insolvenz anmelden musste. Er habe "niemals auch nur in Betracht gezogen, dass es angemessen sein könne, Steuergelder (für Lehman) zu riskieren". Die Lage sei ganz anders als die im März, als die Notenbank die Übernahme von Bear Stearns durch JPMorgan Chase abgesichert hatte. Die Bürger könnten sich trotz allem auf die Widerstandsfähigkeit des amerikanischen Finanzsystems verlassen, sagte der Minister vor Journalisten im Weißen Haus: "Unser Bankensystem ist sicher und gesund".

Milliardenspritze soll US-Wirtschaft stützen

Das US-Repräsentantenhaus will mit einem weiteren milliardenschweren Programm die schwächelnde US-Konjunktur ankurbeln, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Kreise der US-Demokraten. Ziel des 50-Milliarden-Dollar-Pakets sei, die schwächelnde Konjunktur der Vereinigten Staaten wieder ankurbeln - und vor allem die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Ein Großteil des Geldes solle in Infrastrukturprojekte investiert werden. Sozial schwachen Familien könnte mit dem Programm aber auch bei der Bezahlung ihrer winterlichen Heizkostenrechnung geholfen werden. Auch Sonderzuwendungen für Arbeitslose seien vorgesehen. Die Beratungen über das Vorhaben sollen den Angaben zufolge noch im September aufgenommen werden.

Die US-Regierung hatte bereits im Februar ein 168 Milliarden schweres Konjunkturprogramm beschlossen, um ein Abgleiten der weltgrößten Volkswirtschaft in die Rezession zu verhindern.

Verzweifelte Rettungsversuche gescheitert

Die Rettungsversuche für die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers waren am Wochenende gescheitert. Das 158 Jahre alte Traditionshaus erklärte sich am Montag für zahlungsunfähig. Die Aktien des Instituts büßten vorbörslich noch einmal vier Fünftel ihres Wertes ein, zunächst fand an der New Yorker Börse noch kein Handel mit den Papieren statt.

Notenbanken und Finanzbehörden griffen zur Stabilisierung der Märkte ein. Zehn internationale Bankkonzerne, darunter die Deutsche Bank, legten einen 70 Milliarden Dollar schweren Unterstützungsfonds auf, um sich gegenseitig auszuhelfen.

Verbraucherschützer in Deutschland, Bundesregierung und die hiesige Finanzaufsicht beruhigten die Bankkunden. Es gebe "keinen Grund zur Panik". US-Präsident George W. Bush sagte zu den Auswirkungen auf die Finanzmärkte: "Kurzfristig mögen diese Anpassungen schmerzhaft sein." Mit Blick auf die langfristige Zukunft sei er jedoch optimistisch, dass die Kapitalmärkte ausreichend flexibel seien, um diese Anpassungen meistern zu können.

cvk/Reuters/dpa-AFX/AP/dpa



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