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Börsenkrise: US-Regierung plant, Banken Milliardenschulden abzunehmen

Von , New York

Sensation in der US-Finanzkrise: Washington will den wankenden Banken laut einem TV-Bericht Schulden von rund 500 Milliarden Dollar abnehmen. Die Wall Street reagierte begeistert. Doch wie diese größte Staatsintervention seit den dreißiger Jahren bewältigt werden soll, bleibt vorerst unklar.

New York - US-Präsident George W. Bush hat eine harte Woche hinter sich. Er bewirtete seinen ghanaischen Amtskollegen John Kufuor mit Maine-Lobster, Ingwer-Lamm und einem Medley aus dem "König der Löwen". Er inspizierte den Schaden des Hurrikans "Ike". Er empfing seinen früheren Irak-Kommandeur, General David Petraeus, und den Präsidenten von Panama, Martín Torrijos. Er würdigte den Tag der US-Verfassung und die Legalisierung des Schusswaffenbesitzes in Washington.

Gemeinsamer Auftritt, als die Finanzkrise noch weniger dramatisch war: George W. Bush, Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke im Januar
REUTERS

Gemeinsamer Auftritt, als die Finanzkrise noch weniger dramatisch war: George W. Bush, Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke im Januar

Zur Finanzkrise äußerte sich Bush auch - erst am Dienstag, dann am Donnerstag noch einmal. Exakt zwei Minuten lang las er da im Rosengarten des Weißen Hauses tröstende Allgemeinplätze vom Blatt vor und verschwand dann ohne weiteren Kommentar wieder. Fragen waren nicht erwünscht.

Bushs Zurückhaltung während des jüngsten Wall-Street-Dramas ist bezeichnend. Seine Laisser-faire-Finanzpolitik gilt für viele als eine der komplexen Ursachen, die mit zum Kollaps mehrerer großer, traditionsreicher Investmentbanken geführt und das Ende des dualen US-Bankensystems eingeläutet haben - eine Zuspitzung, die bis vor kurzem undenkbar war und die Börsen im Mark erschüttert hat.

Statt Bush haben längst zwei andere das Ruder übernommen: US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke. Das wissen vor allem die Börsen: Erst neue, massive Interventionen durch Paulson und Bernanke brachten am Donnerstag wieder Ruhe an die Wall Street. Der Dow-Jones-Index, der seit Montag rund 900 Punkte verloren hatte, erholte sich und schaffte kurz vor Feierabend sogar eine tolle Rallye, um mit 410 Punkten im Plus zu schließen: der größte Tagesgewinn in sechs Jahren - nach dem vorhergehenden größten Tagesverlust in sieben Jahren.

Der Auslöser dieser schwindelerregenden Kehrtwende ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich das System derzeit aus eigener Kraft nicht mehr halten kann: Der Kurssprung stützte sich auf Gerüchte über die neueste, beispiellose Rettungsaktion für die US-Finanzbranche - eine staatliche Auffanglösung für Bankenschulden.

Diese Börsengerüchte, die vor allem vom TV-Wirtschaftssender CNBC verbreitet wurden, bestätigten sich am Abend - mit Knalleffekt. Nach einer Krisensitzung mit der US-Kongressführung und beiden Parteien trat Paulson mit Bernanke vor die Kameras und kündigte eine "zügige Lösung" an, um Banken von "illiquiden Aktivposten" zu befreien. Klartext: Washington will der Wall Street alle Giftschulden abnehmen. Der Rettungsplan könnte laut CNBC ein Volumen von 500 Milliarden Dollar haben. Es wäre der umfassendste derartige Staatseingriff seit der Depression - "der größte Umbau des US-Finanzsystems seit den dreißiger Jahren", wie das sonst mit Superlativen eher zurückhaltende "Wall Street Journal" schrieb.

Wie diese exorbitante Auffanglösung genau aussehen soll, ließ Paulson offen: Man werde übers Wochenende "alle Optionen" diskutieren. Damit haben die Protagonisten der Wall Street heute noch mal eine Atempause bekommen, um diese allerneueste Sensation zu verdauen.

Die hochdramatische Maßnahme - die nach weiteren Geldspritzen der Notenbank für die Finanzinstitutionen kommt - zeugt davon, wie brisant die Lage geworden ist. Die historische Auffanglösung solle die "Main Street", also Otto Normalverbraucher, von den windigen Verlustgeschäften der Wall Street abschotten, sagte Nancy Pelosi, die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses.

Denn diese Börsenwoche hat katastrophalen Schaden angerichtet. "Was wir hier erleben", schrieb der Kolumnist Steven Pearlstein in der "Washington Post", "ist die größte Zerstörung finanziellen Vermögens, den die Welt je erlebt hat - Verluste, die auf dem Papier Milliarden Dollar messen."

Der Druck auf Paulson und Co., über die bisherigen Milliardenzusagen hinauszugehen, stieg am Donnerstag fast stündlich. Hier gehe es nicht nur darum, "das Vertrauen in Amerika wiederherzustellen", sagte zum Beispiel Ex-Präsident Bill Clinton in einem CNBC-Interview. Viel Wichtigeres stehe auf dem Spiel: "Amerikas Finanzsystem und die Ersparnisse von Hunderten Millionen Amerikanern."

Die meisten US-Bürger vertrauen auf Aktienfonds, um ihre Renten zu bestreiten, sind von der aktuellen Krise also mit betroffen: "Es gibt keinen Amerikaner", sagte Clinton, "der von dem, was in den letzten zwei Tagen passiert ist, nicht potentiell geschädigt wurde."

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