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18. September 2008, 17:48 Uhr

Börsenparkett in Frankfurt

"Das ist hier wie im Spielcasino"

Von , Frankfurt

Banken und Börsen taumeln, Gerüchte drücken die Kurse - doch an der Frankfurter Börse retten sich Händler angesichts der Finanzkrise in stoische Gelassenheit. Viele Banker zeigen aber auch offen ihre Angst - weil niemand weiß, wie stark die Krise die deutsche Branche mitreißen wird.

Gut, ein bisschen blass ist Joachim Llambi schon um die Nase. Ansonsten aber sprüht der Makler vor guter Laune. Dabei rast über die elektronischen Nachrichtenbänder im Sitzungssaal der Frankfurter Börse auch an diesem Tag wieder eine Horrornachricht nach der anderen: Der Dow Jones ist am Vortag um 449 Punkte gefallen. Das Schlimmste der Krise stehe noch bevor, sagt der Internationale Währungsfonds. Die Ratingagentur S&P sieht die Bankenbranche vor ihrer bislang schwersten Belastungsprobe. Immerhin: Der Leitindex Dax hält sich wacker.

Bösianerin in Frankfurt: "Irrsinn" und "Wahnsinn"
DDP

Bösianerin in Frankfurt: "Irrsinn" und "Wahnsinn"

Llambi lehnt sich entspannt in seinem rosa-lila karierten Hemd zurück. Niemand könne derzeit sagen, wie etwa die Deutsche-Bank-Aktien, für die er zuständig ist, sich in den kommenden Stunden entwickeln. Seit Tagen geht es an der Börse wild auf und ab. Jede News wird mit heftigen Kursaufschlägen quittiert. "Das ist wie Spielcasino hier", witzelt er.

Llambi, der nicht nur Makler, sondern auch Tänzer ist, hat schon bei der RTL-Sendung "Let's Dance" als Juror die Zuschauer regelmäßig mit seinem blanken Zynismus entsetzt. Doch an der Frankfurter Börse ist er längst nicht der einzige, der das jüngste Beben auf den Welt-Finanzmärkten mit stoischem Gleichmut aussitzt.

Ein dickes Fell kann man dieser Tage gut gebrauchen. Beobachter sprechen von "Irrsinn" und "Wahnsinn". Merrill Lynch , Lehman Brothers , AIG und zuletzt Morgan Stanley - die Institutionen der globalen Hochfinanz strauchelten zuletzt gleich reihenweise. Notenbanken auf der ganzen Welt überschwemmen den Markt mit Hunderten Milliarden Euro, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. "Die helfen jetzt", sagt Llambi trocken. "Irgendwann wird denen auch die Kohle ausgehen." Und dann?

Es scheint fast wie eine stille Übereinkunft in Frankfurt, dass niemand Horrorszenarien malen will. In den USA werde es vielleicht zu Verhältnissen wie bei der großen Depression 1929 kommen, sagt Llambi: "Hier sicher nicht". Das Bankensystem sei stabil. "Blanker Unsinn" seien die Untergangsszenarien dieser Tage, erklärt auch Oliver Roth von der Close Brothers Seydler AG lächelnd.

Dabei jagt auch in Frankfurt ein Gerücht das nächste, entsprechend wild sind die Ausschläge bei den Aktienkursen. Der Deal zwischen Commerzbank und Allianz zur Übernahme der Dresdner Bank werde platzen, heißt es am Morgen - binnen Minuten verlieren die Papiere beider Akteure um über sechs Prozent. Dann werden die Meldung dementiert und die Kurse schwenken in die andere Richtung.

Einige Händler erklären solch wilde Kursbewegungen als sei es ein Mantra: "Das hat es alles schon mal gegeben". Michael Foeller, der institutionelle Anleger bei ihren Investments berät, würde die Börse dagegen am liebsten für drei Tage zumachen: "Damit sich das alles mal setzt. Das ist schon alles sehr überdreht hier."

Gang zum Goldhändler

Draußen auf der Straße haben indes selbst viele gestandene Banker jegliche Coolness abgelegt. Es ist Mittagspausenzeit auf der Kälbacher Gasse, der sogenannten "Fressgass" der Finanzmetropole - und die Stimmung ist gedrückt. Der Inhaber einer Werbefirma, ein unauffälliger Typ mit lichten Haaren, sagt: "Das wird hier alles kollabieren, das geht nur in die Köpfe der Leute einfach noch nicht rein." Er hat sein Geld schon "in Sicherheit" gebracht - gerade war er wieder beim Goldhändler.

Daneben, mitten zwischen den Passanten, steht die Frankfurter Finanz-Society an den Imbissen, wie immer zum Großteil in dunklen Anzügen und Kostümen, und zeigt ein Mischung aus Galgenhumor und angespannter Niedergeschlagenheit.

"Wir haben mal in einer Bank zusammengearbeitet, die ebenfalls schon die Flügel gestreckt hat", stellt der Mitarbeiter einer Private-Equity-Firma fröhlich seine Bekannten vor. Er meint die private Weserbank, die die Bafin im Frühjahr wegen Überschuldung dichtmachte. Eine Ausnahme auf dem deutschen Privatbankenmarkt - und laut Bafin war nicht die Finanzkrise an der Schieflage des Geldinstituts schuld, sondern das unfähige Management. Aber trotzdem - zumindest die drei Männer wollen genau das nicht ausschließen, was Makler Llambi für schlicht unmöglich hält: Das auch eine deutsche Privatbank eines nahen oder fernen Tages im Zuge der Krise pleitegehen kann.

"Ich kann meine Miete noch zahlen"

Schlimm sei das Ganze - "auch für den Arbeitsmarkt bei uns", sagt einer. Und sein Kollege erzählt von einem Freund bei Lehman Deutschland, der fast den gesamten Bonus der vergangenen Jahre in Aktien des Unternehmens ausbezahlt bekam. Ob ihm selbst ein ähnliches Schicksal drohe? "Ich kann meine Miete noch zahlen", sagt er darauf nur.

Die Zeiten, als an den Stehtischen in der Fressgasse noch begeisterte Reden über die hohen Renditen von Derivaten und Kreditpaketen geschwungen wurden, sind offensichtlich vorbei. Kaum jemand verteidigt die globale Schacherei mit den undurchsichtigen Investments noch, die die ganze Misere überhaupt erst auslösten. "Wir stehen vor einem kompletten Strukturumbruch", sagt der Private-Equity-Profi.

Die Summen, um die es an den globalen Finanzmärkten nun einfach zu verpuffen scheinen, schocken selbst die Profis. "Lehman hat angeblich allein 600 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten offen. Unglaublich", sagt einer mit offener Entgeisterung. Der deutsche Haushalt für 2009 betrage gerade einmal 288 Milliarden Euro.

Wie viel von den riskanten Lehman-Assets noch in den Büchern deutscher Geldinstitute steht - wer wisse das schon? Die Münchener Rück beziffert das maximale Ausfallrisiko auf 350 Millionen Euro, die Allianz spricht von höchstens 400 Millionen Euro. "Das glaube ich erst, wenn ich es sehe", sagt einer der Banker. Und vor allem: Wer weiß, was da in den kommenden Wochen noch zu erwarten ist.

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