Börsenpoker: NYSE plant Expansion nach London

Die New Yorker Börse erwägt, nach der geplanter Fusion mit Euronext auch in London zu expandieren. Deshalb droht nun Ärger mit Euronext - profitieren könnte davon die Deutsche Börse.

London - Falls es der Vierländerbörse Euronext im Verbund mit der NYSE nicht gelinge, ein ausreichend attraktiver internationaler Börsenplatz zu werden, sei die Neugründung einer Börse in London möglich, sagte der NYSE-Chef John Thain der "Financial Times". Als Alternative schloss er auch eine Übernahme der London Stock Exchange (LSE) nicht aus.

NYSE-Chef Thain: Nimmt durch seinen Vorstoß Ärger mit Euronext in Kauf
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NYSE-Chef Thain: Nimmt durch seinen Vorstoß Ärger mit Euronext in Kauf

Damit steigt nicht nur der Konkurrenzdruck auf die traditionsreiche LSE. Zudem bahnt sich ein Streit zwischen NYSE und Euronext an. Anfang Juni hatten sich NYSE und Euronext auf eine Fusion zur größten Börse der Welt geeinigt und damit die Deutsche Börse ausgestochen - die Frankfurter wollten auch mit Euronext ins Geschäft kommen.

Bisher hieß es stets, dass die Euronext-Betreiber in Paris ihre einflussreiche Position in Europa behalten. Ein Deal zwischen Euronext und Deutsche Börse soll auch deshalb gescheitert sein, weil die Franzosen befürchteten, dass sie zu viel Einfluss nach Frankfurt hätten abgeben müssen.

Eine Börsen-Neugründung in London dürfte Euronext nicht gefallen. Bei Euronext ist neben den vier europäischen Börsen in London der Derivate-Handel angesiedelt. NYSE-Chef Thain umwirbt Euronext auch mit dem Argument, eine Fusion würde Geschäfte mit Aktien aus Schwellenländern nach Paris ziehen.

Einige Analysten gehen davon aus, dass die NYSE für die LSE bieten könnte, nachdem ihre Rivalin - die US-Technologiebörse Nasdaq - mit ihrer Offerte für den britischen Handelsplatz im März abgeblitzt ist. Inzwischen hält die Nasdaq einen 25-Prozent-Anteil an der LSE.

Verbessertes Angebot

Die Deutsche Börse könnte von einem Streit zwischen NYSE und Euronext profitieren und erwägt einem Bericht der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zufolge eine Verbesserung des Angebots an die Euronext-Aktionäre. Zwar soll es bei dem Gesamtbetrag von 8,6 Milliarden Euro bleiben, doch werde möglicherweise die Barkomponente von zehn Prozent ausgeweitet.

"Die Frankfurter werden ihre Bar-Komponente wohl anpassen, eigentlich müssen sie sogar über den Bar-Anteil der New Yorker Börse gehen", sagte ein Analyst. Derzeit liegt das Angebot der NYSE für die Euronext mit insgesamt acht Milliarden Euro deutlich niedriger, die Bar-Komponente beträgt allerdings 30 Prozent, bei dem Angebot der Frankfurter 10 Prozent.

"Das Management kann nicht mehr überzeugt werden, daher muss die Deutsche Börse die Aktionäre mit einem lukrativen Angebot ködern", erklärt der Experte weiter. Daher sei auch keine Änderung der strategischen Ausrichtung zu erwarten, weitere Zugeständnisse an das Euronext-Management würden wohl nicht gemacht. Man müsse aber abwarten, welche Entscheidung auf der Aufsichtsratssitzung am heutigen Montag falle.

Für die Aktionäre der Euronext sei diese Entwicklung eigentlich nur positiv zu werten, sagte ein anderer Experte. "Falls die Deutsche Börse nachbessert, könnte sich doch noch ein Bieterstreit ergeben", hieß es. Dass das Management der Fünf-Länder-Börse sich noch anders entscheidet, hält der Analyst allerdings für unwahrscheinlich. "Dafür müssten dann sehr gute Gründe gefunden werden, um diese 180-Grad-Wende zu rechtfertigen."

Mittlerweile wächst auch in Frankreich der politische Druck für eine Fusion der Euronext mit der Deutschen Börse. "Ich kann mich nicht damit abfinden, dass die französische Börse, genauer die von Amsterdam, Brüssel, Lissabon und Paris gebildete paneuropäische Börse, unter die Kontrolle der New York Stock Exchange fallen könnte", sagte der Präsident des Finanzausschusses des Senats, Jean Arthuis, am Montag in Paris. "Ich rufe deshalb die öffentliche Hand auf, ihr Vorrecht auszuüben", um "über die Annäherung der Deutschen Börse an Euronext eine paneuropäische Börse zu schaffen".

tim/dpa-AFX/Reuters

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