Lithium in Bolivien Der Fluch des grünen Goldes

Der Boom der Elektroautos erhöht die Nachfrage nach Lithium. Eine deutsche Firma will den Rohstoff nun am bolivianischen Salar de Uyuni fördern. Anwohner fürchten um die größte Salzwüste der Welt.

Matthias Lauerer

Von , Salar de Uyuni


Immer wenn Nestors gelbe Flipflops auftreten, knirscht es. Unter ihm glitzert Salz. Viel Salz. Ein Salzsee von 10.500 Quadratkilometern Fläche auf 3650 Metern Höhe. "Ich bin gespannt, wie es hier in ein paar Jahren aussieht", sagt der junge Mann.

Nestor arbeitet als Fahrer und bringt zwei Mal wöchentlich Touristen in die größte Salzwüste der Erde, den Salar de Uyuni in Bolivien. Drei Tage und zwei Nächte tummeln die sich dort und genießen die Schönheit der Natur. Doch damit könnte es bald vorbei sein.

Denn unter Nestors Füßen liegt ein Schatz. Unter der etwa vierzig Zentimeter dicken Salzschicht schlummert ein Rohstoff, den immer mehr Unternehmen begehren: Lithium, oder genauer, Lithiumkarbonat.

Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur nennt das Leichtmetall einen "Schlüsselrohstoff der kommenden Jahrzehnte". Denn aus Lithiumkarbonat lassen sich besonders leistungsstarke Batterien herstellen. Sie eignen sich für den Einsatz in Elektroautos. Markttreiber ist die kalifornische Firma Tesla, der 2017 ein massentaugliches E-Auto auf den Markt bringen will.

Auch für die Speicherung erneuerbarer Energien werden massig Batterien gebraucht. Nur so kann man dafür sorgen, dass unstete Wind-, oder Sonnenenergie rund um die Uhr verfügbar ist. Lithium werde eine Schlüsselrolle bei der Reduzierung der CO2-Emissionen und somit beim Erreichen der weltweiten Klimaschutzziele spielen, schreibt das United States Geological Survey, eine Forschungsagentur der US-Regierung für Rohstoffe.

2014 lag die weltweite Nachfrage nach Lithium bei knapp 183.000 Tonnen; allein 65.000 Tonnen davon entfielen auf den Bereich Batterietechnik. Doch der Rohstoff ist bislang rar - und entsprechend teuer. Nach Angaben des Branchendienstes Benchmark Mineral Intelligence liegt der Preis für eine Tonne Lithium aktuell bei mehr als 6000 Dollar. Nun soll die Förderung steigen - auch mithilfe einer deutschen Firma.

Im Sommer 2015 erhielt das Thüringer Unternehmen K-UTEC AG Salt Technologies einen Großauftrag. Für 4,5 Millionen Euro soll sie eine Aufbereitungsanlage zur Lithiumgewinnung in Bolivien planen. Die Anlage bald 30.000 Tonnen Lithiumkarbonat pro Jahr produzieren.

Sorgen um die Umwelt

Schon 2018 will K-UTEC mit dem Lithiumabbau starten. Der Aufbau der Produktion beginnt im Frühsommer 2017, Ende des Jahres 2018 soll die Fabrik den Betrieb aufnehmen. Die Förderung funktioniert vereinfacht gesagt so: Einige Millionen Kubikmeter Lösung werden aus dem Salzsee in riesigen Becken geleitet. Dort verdunstet das Wasser. Aus der konzentrierten Lösung wird dann in mehreren weiteren Arbeitsschritten Lithium gewonnen.

Die Regierung von Präsident Evo Morales will mindestens 526 Millionen Euro investieren. Sie hofft auf Milliardenprofite. Die Lithiumvorkommen in dem armen lateinamerikanischen Land werden auf bis zu neun Millionen Tonnen geschätzt. Insgesamt werden 70 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen in Bolivien und seinen Nachbarländern Argentinien und Chile vermutet.

Für die Regierung und die Industrie dürfte der Abbau des Leichtmetalls hochprofitabel sein. Für die Umwelt und die einmalige Landschaft der Salzsees ist das gefährlich. Heiner Marx, Chef von K-UTEC, verspricht zwar, "alle Arbeits- und Umweltauflagen nach deutschem Recht" einhalten zu wollen. Doch was ist ein solches Versprechen in einem Land wie Bolivien wert?

Nestor stoppt den Wagen. Am Salzsee, bildet sich gerade ein kleiner Stau, Dutzende Toyota Landcruiser voller Touristen stehen still. Bevor sie zu einem ruhigen Gebiet auf dem Salzsee weiterfahren dürfen, müssen sie erst einen Polizisten passieren. Der lehnt lässig an seinem Motorrad und kassiert Schmiergeld von den Fahrern. Korruption ist in Bolivien in so gut wie allen Wirtschaftssektoren verbreitet. Regeln, insbesondere Umweltstandards, zählen nur wenig.

Und so blicken die Bolivianer ihrer rohstoffreichen Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Simon zum Beispiel, ein Lehrer, der in seiner Freizeit als Touristenfahrer aushilft und junge Menschen per Jeep in die Salzwüste bringt, um etwas Geld nebenher zu verdienen, um die Familie durchzubringen.

"Ich kenne mein Land", sagt Simon. "Auch wenn Lithium viel Geld in die Kassen spülen wird, so zerstören wir damit unsere Umwelt." Das gefällt ihm nicht. Denn wenn die Landschaft verschandelt wird, dürften die Touristen fernbleiben. "Dann verliere ich meinen Zweitjob."

Simon steigt in seinen Landcruiser und fährt davon. Die Reifen hinterlassen dunkle Spuren auf der Salzkruste. Die enthält einen Stoff, um den sich weltweit bald noch viel mehr Unternehmen reißen werden.

Zum Autor
  • Lichtblick
    Matthias Lauerer, Jahrgang 1975, freier Journalist. Hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.


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Seite 1
Crom 08.05.2016
1.
Man sollte vielleicht mal im Hinterkopf behalten, dass es sich hier um eine Wüste handelt. Wenn man selbst dort nicht Rohstoffe abbauen soll, wo dann?
ichsagwas 08.05.2016
2. Sehr schwacher Artikel
Der Salar de Uyuni ist riesengroß, 10.000 km2. Es wird auch künftig unberührte Teile geben, zu denen man Touristen bringen kann, dann muss man halt ein bischen weiter fahren. Und man zeigt den touristen, wie Lithium gewonnen wird, damit man mal sieht, wo der Stoff herkommt, der unsere Elektroautos antreiben soll. Im Verhältnis zu den Einnahmen aus dem Lithiumabbau sind die Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft geradezu lächerlich. Der bolivianische Staat kann seine Gesellschaft nur weiterbringen und soziale Hilfe für die armen Landesteile leisten, wenn Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft da sind. Der Bergbau ist weitgehend ausgelutscht. Es gibt keine Alternative zur Lithiumgewinnung. Die Schäden für die Natur werden sich in engen Grenzen halten. Wo so viel Salz ist, gibt es praktisch kein Leben und damit auch keine schützenswerten Organismen. Einzig die hochangepassten Bakterien... und die werden durch den Lithiumabbau gewiss nicht aussterben.
El pato clavado 08.05.2016
3. Lithium
Absolut sichere Geschäft, nicht nur Batterien ,auch in der Psychatrie benötigt. Umweltschäden beim Abbau ? Hat das schon mal ein Project wirklich verhindert? Leute , es geht um money, viel money
Mehrleser 08.05.2016
4.
Schade, dass Herr Lauerer die Rolle von K-UTEC nicht genauer erläutert hat. Ist K-UTEC nur als Planungsbüro beauftragt, bauen sie auch die Anlage oder sind sie gar der spätere Betreiber und Lithiumförderer?
mailo 08.05.2016
5.
A: Die Zukunft des Autos auf Lithium zu bauen, erscheint mir schon ein bisschen abenteuerlich. B: Ich wünsche den Staaten, dass die Förderung vorwiegend staatlich organisiert werden wird. Wenn da schon durch die Natur gepflügt wird, dann sollten wenigstens die Bürger des Landes was davon haben. C: Sollte nicht doch besser aif Wasserstoff gesetzt werden?
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