Von Marc Pitzke, New York
New York - Irgendwann wird es Edward Liddy zu viel. "Ich will ihnen mal was zeigen", murmelt er an die Adresse der Abgeordneten, die wie auf einer Richterbank über ihm thronen. Er kramt einen Zettel aus seinen Akten. "Alle Manager und ihre Familien", liest er ruhig daraus vor, "sollten hingerichtet werden, mit Klaviersaitendraht um den Hals."

AIG-Edward Liddy beim Verlassen des Kongresses: Boni "geschmacklos"
Liddys Präsentation ist der dramatische Höhepunkt einer Sitzung im US-Repräsentantenhaus am Mittwoch, die eigentlich als Routinetermin angesetzt war, dann aber unerwartet an Brisanz gewann. Der Unterausschuss für Kapitalmärkte, sonst kaum ein schlagzeilenträchtiges Gremium, hatte bereits vor Wochen ein Thema auf die Tagesordnung gesetzt - das Schicksal des Versicherungskonzerns AIG. Hauptzeuge: Vorstandschef Edward Liddy.
Doch dann explodierte am Wochenende der Bonus-Skandal bei dem Versicherer - es wurde bekannt, dass der angeschlagene Konzern plant, trotz der staatlichen Milliardenhilfe Boni auszuzahlen. Liddy wird dadurch vom Zeugen zum Angeklagten, und im Sitzungssaal 2128 des Rayburn-Kongressflügels spielen sich Jagdszenen ab, beobachtet von Fotografenhorden und Zuschauermassen, wie sie dieser Ausschuss noch nie erlebt hat.
Fast sieben Stunden nehmen die Abgeordneten Liddy in die Mangel. Die geballte Wut der Volksvertreter wird durch die vorausgeschickten Höflichkeitsfloskeln kaum kaschiert. AIG, sagt der Demokrat Paul Hodes Liddy ins Gesicht, stehe für "Arroganz, Inkompetenz und Gier". Der Manager erträgt die Kritik mit stoischer Miene, bis er am Abend mit einem betont beiläufigen "Thank you, Mr. Libby" wieder freigelassen wird.
Bonus-Affäre erschüttert Amerika
Die Bonus-Affäre hat sich seit Samstag zum Reizthema Nummer eins in den Vereinigten Staaten hochgeschaukelt - und das, obwohl AIG die Leistungen bereits 2008 vertraglich verankert und verkündet hatte. Doch das Fälligkeitsdatum hatte ein miserables Timing: Mitten in der schlimmsten Krise bekamen jetzt 418 AIG-Manager insgesamt 165 Millionen Dollar ausgezahlt. Dabei hatte die US-Regierung den Konzern mit Milliardenzahlungen aus der Steuerkasse vor dem Zusammenbruch gerettet.
Mit den Boni sollte ursprünglich verhindert werden, dass Spitzenkräfte das wankende Unternehmen verlassen. Die meisten dieser "Talente" arbeiten allerdings bei der AIG- Finanztochter, die für die gigantischen Verluste direkt verantwortlich war und damit beinahe für den Kollaps des gesamten globalen Finanzsystems. 52 Mitarbeiter verließen AIG trotzdem - doch erst, nachdem sie insgesamt 33,6 Millionen Dollar "Treueprämie" unter sich aufgeteilt hatten.
Für Aufregung sorgt zudem die Enthüllung, dass AIG 94 Milliarden Dollar aus der US-Staatskasse direkt an seine Geschäftspartner weitergereicht hat, zum Beispiel an internationale Banken - darunter auch die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, die DZ Bank und die Landesbank Baden-Württemberg.
Der Bonus-Deal war eingefädelt worden, bevor Liddy sein Amt im September antrat, freiwillig und unter Verzicht auf Gehalt. "Mr. Liddy ist in keiner Weise für diese Boni verantwortlich", sagt der Demokrat Barney Frank, Chef des Finanzausschusses - und traktiert ihn dann trotzdem ohne Erbarmen.
Liddy hat in der Tat die undankbarste Aufgabe: Er muss eine Entscheidung seiner Vorgänger verteidigen, die er "geschmacklos" findet und selbst "nie gebilligt hätte". Er habe die Manager mit Boni von mehr als 100.000 Dollar aufgefordert, mindestens die Hälfte des Geldes zurückzuzahlen, berichtet er. Einige hätten daraufhin sogar auf die gesamte Summe verzichtet.
AIG wird aufgelöst
Liddy kündigte im Kongress zudem an, dass der Konzern umbenannt und zerlegt werde: "Was wir vorhaben, ist die Auflösung von AIG". Insbesondere werde die Sparte für Finanzprodukte, die im Zentrum der Krise steht, innerhalb von vier Jahren von Grund auf saniert.
Doch die Prämien seien vertraglich wie gesetzlich unantastbar. Eine Annullierung könnte Klagen nach sich ziehen, die letzten Mitarbeiter vergraulen und AIG vollends in den Untergang treiben. Und dann drohe "ein Systemschock für die ganze Wirtschaft", eine Kernschmelze sondergleichen.
Doch die meisten Anwesenden im Kongress hören ihm da schon gar nicht mehr zu. Längst gilt AIG als Paradebeispiel für die nimmersatte Finanzer-Kaste, die selbst in der finstersten Krise noch abkassiert. "Nicht so schnell, ihr raffgierigen Schweinehunde", schreit die Schlagzeile der "New York Post" an den Kiosken, wo AIG in einem Art-déco-Wolkenkratzer unweit der Wall Street residiert - ein Wahrzeichen, das AIG jetzt notgedrungen auf den komatösen Immobilienmarkt wirft.
"Endlich", kommentiert das "Wall Street Journal" lakonisch, "haben die Steuerzahler eine Zielscheibe für ihre Wut über die Finanzkrise gefunden." An AIG entlädt sich der aufgestaute Finanzfrust einer ganzen Nation.
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