Boom der Billig-Muckibuden: Fitness-Discounter stemmen die Krise

Von Esther Wiemann

Die Fitnessbranche boomt gerade in der Konsumkrise. Mehr Menschen als je zuvor melden sich zum Training an, Gewichte stemmen hilft auch gegen berufliche Sorgen - besonders gefragt: Muckibuden mit Discountpreisen.

Hamburg - Eine Woche ohne Hanteln und Ruderzugmaschine kann sich Margret Hoss nicht mehr vorstellen. Mit schmerzverzerrtem, aber glücklichem Gesicht versucht sie, ihre Beine zu strecken. Gar nicht so leicht - auf ihren Turnschuhen lasten ein paar Kilogramm Eisen.

Die 61-Jährige mit kurzen roten Haaren sitzt mit angewinkelten Beinen in einem Fitnessgerät namens Beinpresse. Sie setzt ab, reduziert das Gewicht und stemmt es nun mühelos nach oben - das stärkt die Oberschenkelmuskulatur. Zweimal die Woche geht sie ins Fitnessstudio. Eine halbe Stunde Fahrradergometer, etwas Gerätetraining und zwischendurch mit Freundin Gudrun Hüttenhoff quatschen. "Hier ist es einfach schön", schwärmt sie.

Dabei gibt es auf den drei Etagen der Fitnesskette McFit in Hamburg-Steilshoop nicht viel: Nur eng gestellte Fitnessgeräte wie Rückenstrecker oder Gesäßpresse - Namen, die eher nach Folterwerkzeugen klingen. Keine Sauna, kein Solarium, keine Kurse, keine Saftbar, kein Schnickschnack. Alles für 16,90 Euro im Monat, 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr. Duschen kostet 50 Cent extra. Etwa zehn Trainer kümmern sich um 7000 Mitglieder, keine gute Quote. Fragen werden per E-Mail an gelben Service-Terminals beantwortet. Doch obwohl das große Wellness-Erlebnis ausbleibt, boomt der Fitness-Discounter.

Fitnessketten in Deutschland (Stand Dezember 2008)
Mitglieder 2008 2007 Studios
McFit Fitness 700.000 550.000 101
Fitness First Germany 286.000 285.000 108
Kieser Training 250.770 248.260 119
INJOY 179.040 156.000 160
Elixia Health & Wellness Group 76.000 74.800 22
HealthCity International 51.201 44.438 22
Unternehmensgruppe Pfitzenmeier 44.220 41.500 17
easy Sports 38.500 25.500 32
clever fit 40.000 23.500 22
WOF - World of Fitness 29.763 31.450 17
Eisenhauer Training 29.650 29.000 10
Day-Night-Sports 28.554 19.500 7
MeridianSpa 27.150 27.200 5
Holmes Place 25.000 25.000 7
American Fitness 20.000 20.973 8
Killer Sports 18.500 17.000 6
Just Fit 17.800 15.800 8
body + soul 17.650 10.968 5
Selection Fitness 15.000 16.000 7
Aspria 15.380 11.129 3
Quelle: Deloitte

Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte ist die gesamte Branche mit einem geschätzten Umsatz von drei Milliarden Euro 2008 deutlich gewachsen. Auch die Prognosen für 2009 sind gut. Rund sechs Millionen Deutsche trainieren in Fitnessstudios. Die Zahl der Mitglieder stieg im Jahr 2008 um etwa neun Prozent, der höchste Anstieg innerhalb der vergangenen fünf Jahre. Trotz Wirtschaftsflaute. Oder gerade deswegen?

"Viele Menschen haben zurzeit Sorge, im Berufsleben bestehen zu können. Beim Sport kann man sich davon entspannen", sagt Niels Gronau, Deloitte-Freizeitsportexperte. Außerdem sei der deutsche Fitness-Markt nicht besonders alt, es bestehe noch Wachstumspotential. "Das Bewusstsein, für die Gesundheit aktiv vorzubeugen, steigt in der Gesellschaft. Mittlerweile gehen Menschen aus jeder Bevölkerungsschicht ins Fitnessstudio", sagt er.

Nicht nur die Discounter boomen. Großen Zuwachs haben auch Luxusstudios für mehr als 60 Euro im Monat - wie der Münchner Anbieter body + soul. 2008 konnte er seine Mitgliederzahl um rund 60 Prozent auf 17.650 erhöhen. Im mittleren Segment mit Preisen zwischen 30 und 60 Euro gingen die Zahlen dagegen zurück oder stagnierten. "Viele Unternehmen haben es versäumt, sich konsequent am Markt zu positionieren", sagt Gronau.

Besonders auffällig ist der Wachstumstrend aber bei den Discountern: Sie konnten ihren Marktanteil in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppeln und vereinen bereits ein Viertel aller Mitglieder auf sich. Der mit Abstand größte Anbieter in Deutschland ist McFit mit derzeit 760.000 Mitgliedern und einem Bruttoumsatz von 125 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Der Erfolg lässt sich einfach erklären: "Das entscheidende Kriterium ist das Preis-Leistungs-Verhältnis", sagt Gronau.

"Nicht so der Wellness-Typ"

Auch für Margret Hoss war der Monatsbeitrag von 16,90 Euro das Hauptargument. Seit Herbst 2008 besucht sie das Studio in Steilshoop, eine Freundin hatte sie überredet. Vor allem für ihren Rücken will sie etwas tun. Davor war sie noch nie in einem Fitnesscenter.

Ganz im Gegensatz zu Mike Hussain. Der 30-Jährige trainiert ein Stockwerk tiefer. Dort stehen Geräte für Fortgeschrittene - Männer wie Bäume mit keinem Gramm Fett zu viel und beachtlichem Oberarmumfang. Dass mal eben das Gewicht runtergestellt wird, passiert hier nicht. Hussain ist seit vier Jahren bei McFit. Vorher war er Mitglied in einem teureren Studio. "Ich bin nicht so der Wellness-Typ und habe vorher das Fünffache gezahlt, für Sachen, die ich nicht nutze", erklärt der IT-Systemkaufmann.

1997 eröffnete McFit-Chef Rainer Schaller in Würzburg sein erstes Studio und krempelt seitdem den deutschen Markt um. Eine Traumkarriere - vom Einzelhandelskaufmann zum Betreiber von mittlerweile mehr als hundert Studios. Nebenbei ist Schaller noch Geschäftsführer der Love-Parade. Weil das Konzept funktioniert, gibt es Nachahmer: "Discount ist weiterhin auf dem aufsteigenden Ast. Sehr erfolgreich sind auch die Ketten Clever Fit oder Easy Sports", sagt Freizeitsportexperte Gronau.

Studios auf Mallorca

Durch gezieltes, teilweise schrilles Sponsoring gelingt es McFit, sich abzuheben: zum Beispiel bei Stefan Raabs Wok-WM oder Box-Events mit den Klitschko-Brüdern. Demnächst spielt eine McFit-Auswahl gegen den FC Bayern. Für eine Million Euro hat das Unternehmen den Verein auf einer Spendengala ersteigert. Oliver Pocher kündigt das Ereignis auf gelben Plakaten an, die im Steilshooper Studio von der Decke hängen.

Auch sonst will McFit hoch hinaus: "Wir wollen die Nummer eins in Europa werden", kündigt Sprecher Björn Köllen an. In Wien und auf Mallorca werden demnächst Studios eröffnet. Margret Hoss kann dann auch im Urlaub Gewichte stemmen - wenn sie will.

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