Boombranche Minen Gold schürfen vier Kilometer unter der Erde

Die Rekordfahrt der Preise bringt weltweit Bewegung in die früher träge Branche der Goldförder-Konzerne. Eine beispiellose Fusionswelle hat begonnen. Bestehende Werke werden mit Multimillionen-Programmen auf Vordermann gebracht - und immer tiefer in die Erde getrieben.


Hamburg - Ausgerechnet Südafrika: In der "Krüger Rand"-Nation wird das Gold knapp. Schon im Jahr 2004 war die Goldproduktion des Staates mit 342 Tonnen auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 1931 gesunken. Im zweiten Quartal des laufenden Jahres fiel die Förderung erneut um 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 2,21 Millionen Feinunzen.

Das Timing ist mehr als ärgerlich. Denn die traditionelle Bergbau-Nation kann so nur bedingt am weltweiten Boom der Goldpreise teilhaben. "So teuer wie zuletzt waren einige Rohstoffe noch nie", sagt Rohstoff-Experte Klaus Matthies vom Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg (HWWA). "Der Goldpreis hat sich in fünf Jahren verdreifacht, Silber war so teuer wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr." Zuletzt kostete die Feinunze Gold gut 640 Dollar.

Der drittgrößte Goldproduzent der Welt – die südafrikanische Gold Fields-Gruppe – zieht nun die Konsequenz und startet ein Multimillionen-Investitionsprogramm, um ihre in die Jahre gekommenen Minen produktiver zu machen. Der Konzern will zwei seiner Bergwerke für insgesamt 4,7 Milliarden Rand (520 Millionen Euro) erweitern. Die Stollen sollen ab Oktober 2007 mit modernster Technik um mehrere hundert Meter tiefer getrieben werden - bis auf maximal 3,8 Kilometer.

Dadurch soll in der Driefontein- und der Kloof-Goldmine der Zugang zu 10,8 Millionen Feinunzen gesichert werden. "Diese Investitionen werden unser südafrikanisches Produktionsprofil bis mindestens 2035 ausdehnen", erklärte Gold Fields-Geschäftsführer Ian Cockerill. Die Erweiterungsarbeiten sollen Ende 2011 abgeschlossen sein. Gold Fields betreibt neben seinen Standorten in Südafrika auch Minen in Ghana, Australien und Venezuela und kommt derzeit auf eine Jahresproduktion von 4,2 Millionen Feinunzen Gold. Auch in Peru wird investiert – dort entwickelt das Unternehmen die Verro Corona-Mine.

Viele Konzerne wollen nicht so lange warten: Die Erschließung neuer Vorkommen durch Investitionen dauert ihnen einfach zu lange. "Wer derzeit schnell seine Kapazitäten ausbauen will, kommt an Zukäufen kaum vorbei", erläutert Rohstoff-Experte Klaus Matthies vom Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg (HWWA) der Nachrichtenagentur Reuters. "Neue Bergwerke erschließt man nicht in ein oder zwei Jahren", sagt er. "Sieben Jahre ist der Horizont."

Politische Risiken

Aber gerade jetzt ist wegen der riesigen Nachfrage viel zu verdienen. Auch Jaap van der Geest von ABN Amro sieht deshalb Vorteile bei einem Zukauf: "Du bekommst den Gewinn schon fast am nächsten Tag und musst nicht lange warten. Wenn Du eine Mine erschließt, dauert das vielleicht fünf Jahre. Dann könnte die Hochpreis-Phase wieder vorbei sein."

Erst am Donnerstag gab der kanadische Konzern Goldcorp bekannt, seinen Rivalen Glamis zu schlucken und so zum Weltmarktführer aufzusteigen. Jüngst tauchte sogar das Gerücht auf, der Minenbetreibers Anglo American könnte für 80 Milliarden Dollar übernommen werden – er baut außer Gold auch Platin, Diamanten und Industriemetalle ab.

Eine Übernahme bringt weitere Vorteile: Die Firmen holen sich dringend benötigte Fachleute an Bord, die auf dem freien Markt kaum mehr zu haben sind. Auch haben Käufer nicht nur Förder- und Produktionsanlagen im Blick. "Man kauft auch Lagerbestände", sagt HWWA-Experte Matthies. Geld für Zukäufe ist dank der Rekordgewinne in der Branche reichlich vorhanden. "2005 war ein weiteres spektakuläres Jahr für die Minen-Branche", heißt es in einer Studie von PriceWaterhouseCoopers (PWC) mit dem Titel "let the good times roll" - etwa "lass' die guten Zeiten weitergehen". Demnach stieg der Gewinn bei den 40 größten Firmen der Branche 2005 zusammen um 59 Prozent auf 45 Milliarden Dollar - rund achtmal mehr als 2002.

Bis wann reicht das Gold?

Neue Projekte werden aber oft durch politische Risiken erschwert: Das rohstoffreiche Lateinamerika etwa ist für Investoren unsicherer geworden. PWC nennt hier vor allem Bolivien, Peru und Venezuela. "Das politische Klima in diesen Ländern hat dazu geführt, dass Investoren die Dauerhaftigkeit der Politik in den Ländern in Frage stellen, das Vertrauen verlieren und letztlich weniger Geld in dortige Minen stecken."

Bei dem Preisanstieg vieler Metalle spielen neben höherer Nachfrage auch schwindende Vorkommen eine Rolle. So wird im Internet darüber diskutiert, ob die Gold- und Silbervorkommen bereits 2026 erschöpft sind. Auch wenn viele Experten dies in Frage stellen, die Unsicherheit über ist hoch. Niemand weiß genau, wo wie viele Rohstoffe verborgen sind.

Inmitten des Fusionsfiebers gibt es aber auch mahnende Stimmen. "Die Goldgräberstimmung täuscht", sagt etwa Heiko Leschhorn, Rohstoffhändler bei der LBBW. "Die Firmen müssen etwas tun, um nicht selbst geschluckt zu werden. Der Handlungsdruck ist hoch." Damit wachse auch die Bereitschaft zum Risiko, zumal die Rohstoffpreise sehr schwankungsanfällig seien.

Dass die Minen-Arbeiter oft nichts oder doch nur sehr wenig von der Rekordfahrt der Preise haben, zeigt ein aktuelles Unglück in Russland: Nach einem Feuer in einer sibirischen Goldmine bemühten sich Einsatzkräfte am Donnerstag um die Rettung von bis zu 19 eingeschlossenen Bergarbeitern. Die Kumpel säßen in einer Grube nahe der Grenze zu China fest, erklärte das Katastrophenschutzministerium in Moskau. Der Kontakt zu ihnen sei abgebrochen.

Die betroffene Anlage hatte im ersten Halbjahr rund 11.800 Feinunzen Gold produziert. Die Mine mit dem Namen Darassun befindet sich in der Region Tschita und wird von dem an der Londoner Börse notierten Bergbaukonzern Highland Gold Mining betrieben. Einem Unternehmenssprechers zufolge ist "die Situation kompliziert".

itz/dpa/Reuters



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