Boomfaktor Optimismus "Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie"

Die Verbraucher in Deutschland wollen wieder mehr Geld ausgeben. Dabei hat sich die wirtschaftliche Lage in den vergangenen Wochen kaum verändert - sie ist durchgehend gut. Der Hamburger Wirtschaftspsychologe Erich H. Witte erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass Fakten nicht alles sind.


SPIEGEL ONLINE: Die Mehrwertsteuererhöhung wurde von Wissenschaftlern und vielen Politikern verteufelt. Sie kam - und trotzdem hellt sich die Konsumlaune in Deutschland auf, wie der heute veröffentlichte GfK-Konsumklimaindex zeigt. Was ist geschehen?

Einkaufszentrum (in Karlsruhe): Konsumklima und Wirtschaftsdaten passen zusammen
DPA

Einkaufszentrum (in Karlsruhe): Konsumklima und Wirtschaftsdaten passen zusammen

Witte: Den Mehrwertsteuerschock hat es nie gegeben. Wir haben bereits im vergangenen Jahr vorausgesagt, dass der Binnenmarkt wachsen wird, auch wenn die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent steigt. Wenn die Arbeitslosigkeit abnimmt und die Inflation niedrig bleibt, dann wird das Konsumklima verbessert. Daran ändert die Steuerpolitik nichts, zumal abzusehen war, dass die Erhöhung nicht an die Konsumenten weitergegeben wird. Preiserhöhungen hat es sicher gegeben, aber in viel geringerem Ausmaß. Subjektiv haben die Konsumenten das auch so wahrgenommen. Daher jetzt das gute Klima.

SPIEGEL ONLINE: Also alles eine Frage der Psychologie?

Witte: Die Psychologie ändert sich stärker als die wirtschaftlichen Fakten. Wirtschaftsdaten müssen ja immer interpretiert werden. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, liegt weder am Glas noch an der Füllmenge, sondern einzig am Betrachter. Zurzeit ist das Glas eher halb voll. Dass Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist, soll ja schon der Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard gesagt haben. Alles, was in der Wirtschaft passiert, ob Investitionen oder Konsum, wird immer von psychischen Faktoren beeinflusst.

SPIEGEL ONLINE: Warum blicken die Menschen in Deutschland dann trotzdem oft pessimistisch in die Zukunft, obwohl sie keinen Grund dazu haben?

Witte: Das sagen Sie. Aber woher wissen Sie, dass sich die Menschen eigentlich gut fühlen müssten? Welche Fakten müssten sie zu Optimismus veranlassen? Die Fakten und das subjektive Empfinden sind leider zwei voneinander unabhängige Größen. Wenn die Differenz zu groß wird zwischen dem Gutfühlen und den Fakten, dann kann es zu einer Blase kommen. In der Börse kennt man das Phänomen. Dasselbe kann man sich auch auf dem Binnenmarkt im Bereich des Konsums vorstellen: Wenn jemand zu viel konsumiert und Kredite aufnimmt, aber es kommt kein Geld rein, dann sieht's irgendwann schlecht aus. Wir können die Faktenlage nicht ignorieren, sondern müssen immer ein gewisses Verhältnis zwischen Daten und Gefühl herstellen.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer Meinung nach stimmen gute Laune und Wirtschaftsdaten überein?

Witte: Zumindest liegen Stimmung und wirtschaftliche Fakten in Deutschland nicht sehr weit auseinander. Man kann also nicht sagen, die Menschen wären zu euphorisch. Derzeit wird die Lage insgesamt positiv gedeutet, und zwar weil mehrere Fakten in dieselbe Richtung weisen: Die Inflationsrate ist niedrig, die Arbeitslosenquote nimmt ab, die Exportwirtschaft boomt, die Parteien streiten sich nicht übermäßig und wir haben keine allzu großen Weltkonflikte. Folglich ist die Verunsicherung des Bürgers gering.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Stimmungen könnten sich viel schneller ändern als Wirtschaftsdaten. Folglich ist die jetzige gute Stimmung keine Garantie für anhaltend gute Laune.

Witte: Natürlich nicht. Sie brauchen nur einen Iran-Krieg, und schon wird es schwierig. Dann geben die Leute ihr Geld nicht mehr aus, sondern sparen wieder.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fordern die Gewerkschaften angesichts der guten Ertragslage für die Unternehmen satte Lohnerhöhungen.

Witte: Höhere Löhne wird es definitiv geben. Da die Gewinne der Unternehmen gewachsen sind, werden die Gewerkschaften versuchen, daran zu partizipieren. Das wird dazu führen, dass die Lohnerhöhungen oberhalb der Effektivitätserhöhungen liegen werden. Entsprechend wird die Inflationsrate 2008 wieder zunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also sagen, Lohnerhöhungen wären jetzt der falsche Schritt?

Witte: Nein, Lohnerhöhungen muss es geben. Ein Arbeitnehmer muss an der guten wirtschaftlichen Stimmung teilhaben können. Die Frage ist nur: wie hoch? Wichtig ist, dass auch Gewinne reinvestiert werden können. Je höher also die Forderungen der Arbeitnehmer, desto kleiner die Investitionen der Unternehmen. Daraus folgt: weniger Arbeitsplätze und am Ende wieder schlechtere Stimmung.

Entwicklung des Konsumklimas
DDP

Entwicklung des Konsumklimas

SPIEGEL ONLINE: Was müssen Politik und Unternehmen tun, um die gute Stimmung mal etwas länger zu halten?

Witte: Die Politiker sollten sich insgesamt weniger streiten. In der Großen Koalition ist das ja naturgemäß der Fall, was eher zu einer guten Stimmung in der Bevölkerung führt. Geplänkel gibt es immer, aber die sind nicht der Rede wert. Außerdem müssen Finanzpolitiker dafür sorgen, dass die Inflationsrate nicht steigt. Und schließlich müssen die politischen Rahmenbedingungen Raum für Investitionen und damit für neue Arbeitsplätze schaffen. Mit der Unternehmensteuerreform ist ein Schritt in diese Richtung getan. Mehr kann die Politik nicht tun. Die Unternehmen sind in Zeiten der Globalisierung abhängig von der Weltmarktlage. Sie können nichts weiter tun als vernünftige Produkte auf den Markt zu bringen. Letztlich hat es der Konsument in der Hand, wie die Stimmung ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist Konsum nicht so oder so ein Gruppenphänomen? Nach dem Muster: Wenn der Nachbar ein Auto kauft, brauche ich auch eins?

Witte: Ganz klar. Und zwar nicht nur im Nachbarschaftsbereich, sondern gesamtgesellschaftlich. Es ist doch heute so, dass jeder ein Handy haben muss. Wer keins hat, muss sich inzwischen dafür rechtfertigen.

Das Interview führte Hasnain Kazim



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