Botox in der Krise Rezession macht Runzeln

Die Wirtschaftskrise erfasst das Geschäft mit der ewigen Jugend: Der Umsatz von Botox, dem US-Schönheitsmittel Nummer eins, ist dramatisch eingebrochen. Hersteller Allergan muss Mitarbeiter entlassen. Werden jetzt Krähenfüße Mode?

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Donald Altman geht mit der Zeit. Der Schönheitschirurg aus Irvine südlich von Los Angeles weiß, dass die Rezession auch seinen Patienten zu schaffen macht. Also bietet er in seiner Praxis, dem Irvine Plastic Surgery Center, ein einmaliges Krisen-Sonderangebot an: Der Preis für Botox-Injektionen - nicht nur für Kalifornierinnen das Verjüngungsmittel Nummer eins - steigt und fällt mit dem Dow-Jones-Index.

Botox-Injektion: Experten erwarten einen Absatzrückgang um 25 Prozent
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Botox-Injektion: Experten erwarten einen Absatzrückgang um 25 Prozent

Und das geht so: Jede Einheit Botox kostet bei ihm einen Dollar pro 1000 Dow-Jones-Punkte. Am Montag waren das also 7,85 Dollar, da der Leitindex bei 7850 Punkten schloss. Steigt er, wird Botox teurer, sinkt er, wird es billiger. "Wir machen das, bis sich der Markt erholt hat", verspricht Altman auf seiner Website. Schließlich sollen die Geldsorgen niemandem zusätzliche Sorgenfalten ins Gesicht graben.

So weit ist es gekommen: Die US-Rezession erreicht nun auch die, denen bisher kein Krähenfuß zu teuer war. Nicht nur Dr. Altman ("Zeit genug für jeden Patienten") muss sich wegen der Finanzkrise um das Geschäft mit der Schönheit sorgen. Anbieter schrieben Facelifts zum Ramschpreis aus. Praxen, Spas und "Drive-Through"-Schnellkliniken locken mit Discount-Coupons und Schnäppchen wie im Billig-Supermarkt: Gratis-Botox im Wert von 50 Dollar, 100 Dollar Rabatt aufs Füllgel Juverdem, "Laser Light" statt vollem Facelift (750 statt 5000 Dollar).

Hinter den meisten Rabatten stecken aber nicht die Ärzte selbst - sondern die Marketing-Manager eines Milliardenkonzerns, der wie Dr. Altman in Irvine ansässig ist. Allergan heißt das Unternehmen und ist der weltweite Exklusiv-Hersteller von Botox, jenem niedrig dosierten Lähmungsgift (Botulinumtoxin), dessen kosmetische Nebenwirkung - es lähmt eben auch runzlige Gesichtsmuskeln - seit Jahren der Hit ist, in Hollywood und überall.

"Wir reagieren auf die Marktkonditionen", sagt Allergan-Vorstandschef David Pyott lakonisch. Der 54-Jährige - dem Botox nicht nur ein Jahressalär von 1,3 Millionen Dollar beschert, sondern auch eine faltenfreie Haut - verteidigte in einer Konferenzschaltung mit Börsenanalysten die Entscheidung, Billig-Botox unters Volk zu werfen. "Es ist eine gute Art, die Kunden zur Rückkehr zu bewegen."

Im November war die Branche noch zuversichtlich

In der Tat haben sich die Kunden in den vergangenen Monaten verkrümelt: Wen die Rezession kneift, der verzichtet als erstes auf den Luxus gespritzter Schönheit. Im letzten Bilanzquartal brach Allergans Botox-Umsatz um elf Prozent ein, auf 329 Millionen Dollar. Der Ertragsschwund erfasste das gesamte Jugend-auf-Rezept-Repertoire der Firma, darunter auch Juvederm (minus neun Prozent) und Brustimplantate (minus zwölf Prozent).

Botox, mit dem Allergan 30 Prozent seines Gesamtumsatzes bestreitet, drückt das Ergebnis des ganzen Konzerns: Der letzte Quartalsgewinn fiel um 3,2 Prozent auf rund eine Milliarde Dollar. Unternehmenschef Pyott kündigte an, dass er notgedrungen 460 Mitarbeiter entlassen müsse, gut fünf Prozent seiner Belegschaft.

"Das war wahrscheinlich der schlimmste Tag, den ich in zehn Jahren bei Allergan erlebt habe", sagte Pyott, der anschließend eine PR-Runde durch die Kabel-Talkshows machte, über die Massenentlassungen. "Leuten zu kündigen ist sehr unangenehm, sehr schmerzhaft." Gegen diesen Schmerz hilft auch ein Schuss Botulinum nur wenig.

Noch im Dezember 2008 hatte sich die amerikanische Kosmetik-Industrie - ein Zwölf-Milliarden-Dollar-Business - als rezessionssicher gebrüstet. In einer Umfrage unter Schönheitschirurgen vermeldeten zwei Drittel der Befragten ein unverändert festes Geschäft.

"Die Wirtschaftskrise hat die Kosmetikwelt erschüttert"

Für den Rest des Jahres 2009 sieht es nun sogar noch schlechter aus, als es das Winterquartal in diesen Tagen andeutet: Branchenkenner prophezeien einen Rückgang der Botox-Behandlungen in den USA um 25 Prozent. Ihre Furcht: Der gesamte Markt für ästhetische Medizin wird erschlaffen.

Die Researchfirma MEDACorp befragte 103 Dermatologen und plastische Chirurgen, wie sie die nähere Zukunft sehen. Die meisten waren auf einmal pessimistisch, vor allem bei Botox.

"Die Wirtschaftskrise hat die Kosmetikwelt erschüttert", sagt auch Fernando Villalobos, kalifornischer Regionalmanager der Kosmetikmarke Dr. Brandt Skincare, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Vor allem Kunden im Alter von 20 bis 40 Jahren achteten immer mehr aufs Portemonnaie und griffen lieber zu Billig-Alternativen wie Cremes und andere "Prozeduren", die man anstelle eines Praxistermins selbst daheim anwenden könne.

Selfmade-Verjüngung im Hausgebrauch: Nach Amerikas siebenjähriger Hassliebe mit Botox lässt da der Spott nicht lange auf sich warten. "Hässliche Zeiten für Schönheitskonzerne", kalauerte das Magazin "Forbes", und die "New York Times" wagte eine ihrer beliebten Trend-Prognosen: "Falten werden das jüngste Beispiel für Rezessions-Schick sein. Nennen wir es den Botox-Index."

Auch in der Branche selbst regt sich Schadenfreude. "Was für eine Tragödie!", lästerte ein Insider anonym auf einem Pharma-Blog über Allergans Krisen-Probleme. "Weniger kurzberockte, hirnlose Allergan-Vertreterinnen, die uns überreden wollen, noch mehr Botox zu kaufen? Wie werde ich das nur überleben???"

Derlei Missgunst kommt nicht von ungefähr. Allergans Monopol auf Botox ärgert die Konkurrenz, die mit ihrem Versuch, auf den Markt zu dringen, bisher gescheitert ist. So hängt die Genehmigung der Botox-Alternative Reloxin, produziert vom US-Pharmakonzern Medicis und der französischen Ipsen SA, zurzeit bei der Medikamentenbehörde FDA fest.

Allerdings hat die jüngste Sonderangebotswelle bei den Botox-Händlern auch ihre Grenzen. Schon warnt die Physicians Coalition for Injectable Safety - eine kalifornische Ärzte-Lobbygruppe, die in den USA pro Werktag 20.026 kosmetische Injektionen gezählt hat - vor Bauernfängern. Der durchschnittliche Preis für eine Botox-Behandlung solle 400 bis 850 Dollar pro Injektion betragen. "Alles darunter unterliegt dem Verdacht der Fälschung."



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