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Boxgate: George Bushs peinliche Pappkarton-Affäre

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Es sollte ein kraftvolles Statement für die Stärke der US-Wirtschaft werden: Der Präsident vor einer Wand aus Pappkartons mit dem Aufdruck "Made in USA". Doch die Wand war eine Fälschung, die echten Kartons kamen aus einem ganz anderen Land - aus welchem wohl?

Made in USA: Der amerikanische, nicht der chinesische Präsident
AP

Made in USA: Der amerikanische, nicht der chinesische Präsident

St. Louis/Washington - Dass George W. Bush bei seinen Kritikern als Marionette der Großindustrie und der Ölkonzerne gilt, ist den PR-Strategen des Präsidenten schon lange ein Dorn im Auge. Seit Monaten bemühen sie sich verzweifelt, ihren Mann von diesem negativen Image zu befreien. Ihre Aktion am vergangenen Mittwoch zeigte, wie groß die Not sein muss.

Im Prinzip war alles schön ausgedacht. Bush sollte in einer Rede die neuen Maßnahmen in Sachen Wirtschaftspolitik vorstellen. So etwas kann man zwar auch in irgendeiner Presselounge in Washington machen. Aber nicht, wenn es um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika geht. Und schon gar nicht, wenn der ein Imageproblem hat. Folglich verkündete Bush seine guten Nachrichten - Steuersenkungen für kleine und mittlere Unternehmen - in einer Lagerhalle des Unternehmens JS Logistics.

Vor dem Rednerpult des Präsidenten stand ein Stapel Pappkartons, hinter ihm eine ganze Wand von Kisten, alle mit dem Aufdruck "Made in U.S.A." Das roch nach Bodenhaftung, nach harter, ehrlicher Arbeit und nicht nach Lobbydeals für Enron oder Halliburton. Hinter dem Präsidenten hatten die PR-Choreographen ein großes Schild mit dem Aufdruck "Strengthening America's Economy" befestigt. Einige US-Flaggen rundeten die Inszenierung "Der Präsident im Epizentrum des amerikanischen Mittelstands" ab.

In der Mitte des Geschehens: Bush mit 2-D-Kisten (hinten) und 3-D-Kisten (vorne, überklebt)
AP

In der Mitte des Geschehens: Bush mit 2-D-Kisten (hinten) und 3-D-Kisten (vorne, überklebt)

Leider hatte die Bush-Show einige Schönheitsfehler. Der Präsident stand zwar in einer richtigen Lagerhalle, mit einer richtigen Wand aus richtigen Pappkisten. Zu sehen sind die allerdings nicht, weil irgendjemand vor den echten Kartons ein großes Poster mit echt aussehenden Kartons aufgehängt hatte. Grund für dieses Manöver war offenbar die Tatsache, dass die Originale samt und sonders die Aufschrift "Made in China" trugen.

Das passte natürlich nicht, schließlich ging es um amerikanische Steuersenkungen, nicht um chinesische. Und schon gar nicht um eine Globalisierungsdebatte. Dafür wäre der mittlere Westen wohl auch kaum der geeignete Veranstaltungsort gewesen - also musste die "Made in U.S.A."-Kulisse her.

Ein weiteres Problem waren die China-Kisten vor dem Rednerpult des Präsidenten. Die ließen sich nicht verhängen. Folglich klebte man sie ab. Wer genau der Karton-Zensor war, ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Eine konzertierte Aktion der präsidialen PR-Crew sei es auf jeden Fall nicht gewesen, versichert Bushs Sprecherin Claire Buchan. Vielmehr habe ein "übereifriger Freiwilliger" die Schriftzüge überklebt - unbemerkt und ohne Rücksprache mit den Verantwortlichen zu halten. Möglicherweise war es der gleiche übereifrige Geselle, der auch das großformatige Wandplakat heimlich hinter dem Präsidenten angebracht hat.

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