Brauerei in Pakistan Trinken für die Toleranz

Brauen trotz Alkoholverbots: Die Murree Brewery ist der einzige Hersteller von Bier, Wodka und Whisky in Pakistan. Dem Unternehmen geht es glänzend, obwohl in dem islamischen Land seit 1977 die Prohibition gilt. Nicht-Muslime dürfen trinken - und andere tun's aus Protest.

Aus Rawalpindi berichtet


Der silberne Mercedes 220 S glänzt in der Sonne. Begeistert springt Isphanyar Bhandara um den über vierzig Jahre alten Oldtimer herum, er öffnet die etwas wacklige Tür, setzt sich auf den rotledernen Fahrersitz und tippt auf das Lenkrad. "Das ist Elfenbein", sagt er und lächelt.

Bhandara, 36, ist Sammler alter Autos, die er seinen Gästen gerne vorführt. Zwölf Stück stehen in seiner Garage, darunter ein Jaguar und drei Mercedes-Modelle. Die Autos aus Stuttgart liebt er besonders, sagt er, dreimal war er deshalb schon in der schwäbischen Metropole. Bhandara ist ein wohlhabender, um nicht zu sagen: sagenhaft reicher Mann in Pakistan. Er ist Chef der einzigen Brauerei des Landes, der Murree Brewery in Rawalpindi, 1860 gegründet und damit eines der ältesten Unternehmen auf dem Subkontinent.

Murree ist eine in den Bergen gelegene Hill Station, wohin sich die feinen Damen und Herren in den heißen Sommern zurückzogen. Hier haben die britischen Kolonialherren die Brauerei gegründet, um den Durst der Soldaten nach Gin und Bier zu stillen. Ein Vierteljahrhundert später siedelte man nach Rawalpindi um, weil sich dort die ersten Eishersteller niederließen - die einfachere Beschaffung von Eis war für die kolonialen Brauer ein Standortvorteil. Erst 1947, nach dem Ende von Britisch-Indien und der Gründung des Staates Pakistan, kaufte Bhandaras Großvater die Mehrheitsanteile der Aktiengesellschaft.

"Sie begehen ein Verbrechen"

Immer noch auf das weiße Lenkrad tippend, schiebt der junge Unternehmer nach: "Deswegen könnten mich jetzt Tierschützer verklagen." Er blickt seinem Besucher fest in die Augen, dem ein Laufbursche in blauem Firmen-T-Shirt auf sein Zeichen hin ein Bier in die Hand gedrückt hat, auch wenn es erst 11 Uhr vormittags ist. Das Bierglas beschlägt bei fast 40 Grad sofort. "Und deswegen könnten Sie verklagt werden", sagt er, jetzt mit ernstem Gesichtsausdruck in richterlichem Ton. "Sie halten das Bier nicht nur in der Hand, sie trinken es auch noch. Damit verstoßen Sie, so Sie Muslim sind, gegen das Gesetz. Sie begehen ein Verbrechen."

Die Murree Brewery ist ein Paradoxon in Unternehmensform, ein Spagat zwischen Verbotenem und Gewünschtem: Der Verkauf und Ausschank von Alkohol an Muslime ist in Pakistan seit 1977 verboten. Damit wollte sich der eigentlich als liberal geltende Premier Zulfikar Ali Bhutto die Unterstützung konservativer islamischer Kreise sichern. Kurze Zeit später putschte der fanatisch religiöse General Zia ul-Haq, für die Murree Brewery wurde es nicht einfacher.

Ironischerweise steht die Brauerei nur wenige hundert Meter von jener Stelle entfernt, an der Bhutto zwei Jahre nach Einführung der Prohibition gehenkt wurde. Das Firmengelände ist heute umgeben von Kasernen. Rawalpindi ist Garnisonstadt, Armee und Militärgeheimdienst haben hier ihren Sitz.

Das Alkoholverbot ist geblieben, kein Politiker traut sich, es aufzuheben - obwohl die Nachfrage nach Bier, Wodka, Whisky, Rum in Pakistan groß ist: In vielen Haushalten in Städten wie Islamabad, Lahore oder Karatschi stehen unauffällige Barschränke, gefüllt mit geschmuggelten Flaschen aus den USA, Europa und Australien, auf dem Schwarzmarkt gibt es so gut wie jede Marke. Politiker, Offiziere, Geschäftsleute und Künstler sowieso halten ihren mehr oder weniger kleinen Vorrat. "Wie überall in der Welt", sagt Bhandara. In ärmeren Regionen brennen die Menschen ihren Alkohol selbst; Zeitungsmeldungen über Todesfälle und Erblindungen zeugen davon.

"Alkohol kaufen zu dürfen, ist ein Minderheitenrecht"

Legal dürfen nur Nicht-Muslime in Pakistan Alkohol kaufen und konsumieren - in einem Land, in dem etwa 97 Prozent der Bevölkerung muslimisch ist. Dafür müssen sie aber ihre andere Religionszugehörigkeit amtlich bestätigen lassen. "Alkohol kaufen zu dürfen, ist ein Minderheitenrecht, was wiederum verfassungsrechtlich geschützt ist", sagt Bhandara. Die Brauerei erfüllt also, wenn man so will, einen Verfassungszweck.

"Unser Kundenkreis ist relativ klein", sagt Sabih ur-Rehman, ein pensionierter Major der pakistanischen Armee und Assistent von Brauereichef Bhandara. "Wir verkaufen ausschließlich an sogenannte Wine Shops in den Provinzen Balutschistan und Sindh, die allerdings keinen Wein führen, und an Hotels in der Provinz Punjab. Dazu kommen noch die Botschaften hier in Islamabad, die wir beliefern." Auch die deutsche Botschaft gehört zum Kundenkreis, sagt er, was er als Gütezeichen verstanden wissen will.

Der Nordwesten des Landes ist dagegen per Gesetz trocken - offiziell gibt es hier keinen Alkohol. Das Geschäft boomt trotzdem im ganzen Land: Auf umgerechnet rund eine Million Dollar beziffert Bhandara die Steuern, die das Unternehmen zahlt - monatlich. "Drei Prozent der Bevölkerung, die potentiell in Frage kommen, klingt wenig. Aber in absoluten Zahlen sind das ja immerhin fast fünf Millionen Menschen", sagt Bhandara.

Und auch die Muslime trinken - sie müssen eben einen Christen, Hindu, Sikh oder Buddhisten kennen, der ihnen das Zeug aus einem der Spezialläden oder aus einem Hotel besorgt. Mancherorts verzichten die Verkäufer aber auch darauf zu überprüfen, wem sie die Flaschen eigentlich verkaufen. Außerdem blüht überall der Schwarzmarkthandel - da allerdings kostet ein Karton mit zwanzig Flaschen Bier schon mal ein Vielfaches der sechs Euro, die ein Nicht-Muslim dafür im legalen Erwerb bezahlt. Für manchen Muslim ist der Konsum von Alkohol sogar ein politisches Statement: gegen Radikalismus und Religionsherrschaft, für einen säkularen Staat, Toleranz und Liberalismus. Die Verbannung von Alkohol in die Illegalität, sieht man in Pakistan, funktioniert selbst in einer islamischen Gesellschaft nicht.

Überdurchschnittliches Gehalt und Ausbildung

Bhandara selbst ist Zoroastrier, von denen in Pakistan nur wenige Tausend leben. Sein Vater Minoo, Oxford-Absolvent und viele Jahre Abgeordneter im Parlament in der wenige Kilometer entfernten Hauptstadt Islamabad, hat das Unternehmen fast ein halbes Jahrhundert lang geleitet. Im vergangenen Jahr starb er im Alter von 70 Jahren nach einem Autounfall in China. Ein Foto des Patriarchen hängt in den Büros von Bhandara junior und seinem Assistenten.

"In unserer langen Firmengeschichte hatten wir immer wieder Probleme", sagt Bhandara. So seien 1947 ein paar Gebäude niedergebrannt worden. Heute sorge man sich gelegentlich vor den Taliban, aber die Regierung habe die Lage ja gut im Griff. Die Gegend gilt als sicher: Gegenüber wohnt der Armeechef, auch der gestürzte Militärregent Pervez Musharraf, ein Whisky-Liebhaber, hat hier noch eine gut geschützte Bleibe. Trotzdem stehen am Firmeneingang bewaffnete Wachleute, wie vor vielen Geschäften in Pakistan.

Die Wachleute sind, wie auch die Mehrheit der rund 700 Mitarbeiter des Unternehmens, Muslime. Ali Sher, 43, beispielsweise arbeitet seit drei Jahren in der Qualitätskontrolle. Er prüft vor einer Leuchtwand die Füllhöhe und den Zustand der Flaschen. Getrunken hat er das Bier noch nie, hat aber kein Problem damit, für eine Brauerei zu arbeiten. Schließlich zahlt sie ihm nicht nur ein überdurchschnittliches Gehalt, sondern sorgt auch für die medizinische Versorgung seiner Familie und die Ausbildung seiner Kinder.

"Unsere Mitarbeiter sind unsere tragende Säule", sagt Sabih ur-Rehman. Das Problem seien nicht die Beschäftigten, ergänzt Bhandara, das Problem seien die Politiker und die Bürokraten. So sei erst kürzlich der Verkauf von Alkohol in einem Hotel in Rawalpindi untersagt worden. Auch der Export sei nicht erlaubt. Bis vor kurzem war "Murree Lager", eines der fünf Biere im Sortiment, das Bier der Londoner Partyszene. "Die Lizenzproduktion in Österreich ist nun beendet, wir sind in Gesprächen mit anderen europäischen Brauereien." Am liebsten würde er das Bier, hergestellt aus australischer Gerste, deutschem Hopfen und pakistanischem Wasser, selbst exportieren.

Als nächstes jedoch will das Unternehmen, das neben alkoholischen Getränken auch Säfte, Limonaden, Essig und Ketchup herstellt, einen neuen Whisky auf den Markt bringen: einen 21 Jahre alten Single-Malt. Erste Proben werden schon an Gäste ausgeschenkt, die Genehmigung von den staatlichen Stellen liegt vor. Nur der Druck des Kartons für die Flaschen lässt noch auf sich warten. Sobald der da sei, könne es losgehen.



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