Rechtsextreme Bauern: Welche Farbe hat Bio?

Von Lena Müssigmann

Fälle von rechtsextremen Biobauern häufen sich - und verunsichern die Öko-Szene. Erzeugerverbände wollen die Braunen jetzt ausschließen. Doch Experten räumen auch ein: Zwischen völkischer und grüner Ideologie gibt es mehr Berührungspunkte als manchen Ökologen lieb ist.

Rechtsextreme: Bitte keine Autobahnen! Fotos
DPA

Bio ist salatgrün, karottenorange, kirschrot. Aber manchmal auch braun. Derzeit häufen sich die Berichte politischer Organisationen und Wissenschaftler über rechtsextreme Biobauern. Der böse Verdacht: Diese Landwirte verkaufen ihre Produkte zum Teil unter anerkannten Bio-Zertifikaten. Verbraucher könnten also beim Griff ins Bio-Sortiment das Produkt eines rechtsextremen Erzeugers in die Finger bekommen.

Die braunen Ökologen erfüllen alle Bio-Kriterien der Zertifizierer. "Aber was der Verbraucher mit Bio verbindet, nämlich Menschenrechte, Toleranz und Weltoffenheit, das halten die rechtsextremen Bauern nicht", sagt Gudrun Heinrich von der Arbeitsstelle Politische Bildung an der Universität Rostock. Sie ist Mitherausgeberin des Berichts "Braune Ökologen" der Heinrich-Böll-Stiftung und der Evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern. Anlass für den Bericht war eine Beobachtung des Regionalzentrums für demokratische Kultur Mecklenburg-Vorpommern: Die rechte Szene versuche dort vehement, sich einen Platz in der Gesellschaft zu sichern - auch mithilfe der grünen Tarnkappe.

Die Verbindung von rechter Ideologie mit Bio-Landbau findet Gudrun Heinrich nicht überraschend. "Der Naturschutzgedanke hat zum Teil Wurzeln in der nationalen und völkischen Tradition", sagt sie. Da gilt zum Beispiel die Gleichung Umweltschutz ist gleich Heimatschutz und Schutz des Bodens, auf dem das deutsche Volk existiert - und nur das deutsche Volk. Es greife zu kurz, die braunen Ökos als Trittbrettfahrer zu bezeichnen.

"Naturschutz gegen Rechtsextremismus"

Rechtsextreme Biobauern gibt es nach Informationen der Heinrich-Böll-Stiftung insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Bayern und Sachsen sind Fälle bekannt. In Bayern gruppiert sich die Szene um die Zeitschrift "Umwelt & aktiv", in Mecklenburg-Vorpommern stammen die braunen Ökologen meist aus dem Kreis radikal-völkischer Siedler. Die Grünen sitzen erst seit vergangenem Jahr im Schweriner Landtag. Öko-Themen waren bis dahin weitestgehend unbesetzt und wurden dankbar von der Rechts-Fraktion in die politische Arena gezerrt. Wie viele rechte Biobauern es heute gibt, wurde noch nie erfasst. Ob ihre Zahl steigt, ist schwer zu sagen.

Das Thema ist trotzdem brisant. Zeitgleich zum Bericht "Braune Ökologen" sah die Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz Bedarf für eine Broschüre unter dem Titel "Naturschutz gegen Rechtsextremismus". Darin wird das extremistische Gedankengut in der Argumentation rechter Umweltschützer freigelegt.

Sind die Rechtsextremisten erst einmal in der Position der anerkannten und beliebten Naturschützer, verbreiteten sie subtil ihre Gesinnung. "Die völkischen Siedler loten in Gesprächen aus, wie viel an Inhalten ihr Gegenüber ohne Widerstand schluckt", sagt eine Expertin eines mecklenburgischen Zentrums für demokratische Kultur. Sie will namentlich nicht genannt werden, weil sie die Bedrohung durch rechte Kameradschaften fürchtet.

Für die Bio-Branche ist es bitter, dass Bauern aus der rechten Szene zu ihren Verbänden gehören und vom Markenwert der Bio-Siegel profitieren. In einer Resolution distanzierte sich der Branchen-Verband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) kürzlich deutlich von rechtsradikaler Ideologie. Der Vorstandsvorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein sagt: "Die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Biolandbau-Bewegung sind diametral zu denen, die Nazis vertreten."

Wie kann der Bio-Käufer einen Bogen um braune Ökologen machen?

Bei all dem stellt sich die Frage: Wie schafft es der gewillte Bio-Käufer, einen Bogen um braune Ökologen zu machen, um sie finanziell nicht zu unterstützen? Gudrun Heinrich empfiehlt, im Bioladen nachzufragen: "Wisst ihr mehr über den Produzenten?" So könne die Kette der Nachforschungen angeschoben werden. Einen Index geben weder Wissenschaftler noch Öko-Verbände und -Zertifizierer heraus. "Wir wollen keinen Boykott nahelegen. Es ist auch okay, wenn jemand sagt: Mir ist wichtig, dass die Möhre bio ist, ob sie braun ist, ist mir egal", sagt die Expertin, die anonym bleiben möchte. "Wir wollen, dass der Verbraucher seine Entscheidung verantwortet."

Es ist schwierig, den braunen Biobauern beizukommen, die schon zu anerkannten Verbänden gehören. "Ich muss satzungsgemäße Gründe haben, um einen Bauern auszuschließen", sagt zu Löwenstein vom BÖLW. Der Verband arbeitet zurzeit einen Passus für seine Satzung aus, der den Ausschluss rechter Landwirte ermöglicht. Das könne zum Beispiel eine Präambel sein, in der es heißt, dass sich der BÖLW für Menschenwürde und gegen Diskriminierung einsetzt, erklärt zu Löwenstein: "Eine Missachtung dieser Grundsätze könnte dann als vereinsschädigend gewertet werden." Auch der Ökologische Anbauverband Biopark will eine Satzungsänderung zu diesem Zweck verabschieden. Zwei zertifizierte Biopark-Bauern gehören zu den völkischen Siedlern im mecklenburgischen Koppelow.

Trotz der Eindringlinge von rechtsaußen wollen die Akteure der Bio-Branche gegenüber neuen Mitgliedern unvoreingenommen bleiben. "Zu den Werten, zu denen wir stehen, gehört auch das Recht auf eine freie Meinung", erklärt zu Löwenstein. Eine Kontrolle des Parteibuchs findet Gudrun Heinrich sinnlos: "Bei braunen Ökologen muss es nicht immer einen Parteikontext geben."

Der Nutztier-Verband Neuland e.V. hatte bereits vor vier Jahren ein Mitglied aus den Reihen der völkischen Siedler. Man habe beschlossen, ihn rauszuschmeißen. Doch der Landwirt kündigte plötzlich selbst. "Er ist uns zuvorgekommen", sagt Geschäftsführer Jochen Dettmer. Sollte noch mal ein brauner Bauer bei Neuland entdeckt werden, würde Dettmer wieder eine Kündigung aufsetzen. "Solche Leute haben bei uns nichts zu suchen", sagt er. "Wenn man mit der Natur ordentlich umgeht, muss man auch mit den Menschen ordentlich umgehen."


Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".

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