Protestschreiben Wirtschaft bläst zur Revolte gegen den Brexit

Lange hat die Wirtschaft zum Brexit wenig gesagt. Doch jetzt preschen immer mehr Konzerne vor und verlangen von der Regierung Antworten. Außenminister Boris Johnson hatte eine parat.

Boris Johnson
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Boris Johnson

Von Sascha Zastiral, London


Bislang hat sich die Wirtschaft meist nur zurückhaltend zum Brexit geäußert. Denn der ist in Großbritannien weiter ein Reizthema. Wer möchte schon auf den Titelseiten der rechtslastigen Boulevardpresse zerrissen werden. Also haben sich die meisten Firmen zu dem Thema bislang, zumindest in der Öffentlichkeit, ausgeschwiegen.

Doch nun scheint vielen Wirtschaftsvertretern der Geduldsfaden gerissen zu sein. Aus gutem Grund: Die Brexit-Verhandlungen kommen nur schleppend voran. In den wichtigsten Fragen herrscht nicht einmal innerhalb der Regierung von Premierministerin Theresa May Einigkeit. Damit es wie geplant im kommenden März zu einem geordneten EU-Austritt kommen kann, müsste eigentlich bis Oktober der Scheidungsdeal zwischen London und Brüssel stehen.

Doch ein Durchbruch ist nicht in Sicht. Daher preschen nun immer mehr Unternehmen und Verbände vor und machen ihre Bedenken öffentlich.

In der Zollunion bleiben!

Den bislang weitesten Sprung nach vorne hat der Automobilindustrie-Verband SMMT gemacht. Der forderte in einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung nichts Geringeres, als dass die Regierung von Premierministerin Theresa May davon ablässt, das Land aus der Europäischen Zollunion zu führen. Der Verband rief die Regierung zu einem Abkommen auf, "das zumindest die Mitgliedschaft in der Zollunion bewahrt und die Vorzüge des Binnenmarktes sichert".

Mike Hawes
DPA

Mike Hawes

SMMT-Geschäftsführer Mike Hawes wird in der Erklärung mit den Worten zitiert: "Die gegenwärtige Verhandlungsposition geht (…...) direkt gegen die Interessen des Automobilsektors in Großbritannien, der im Binnenmarkt und in der Zollunion floriert hat." Es gebe weder "glaubwürdige Ausweichlösungen für Zollverfahren", noch sei es realistisch, dass neue Handelsabkommen mit Ländern weltweit ausgehandelt werden könnten, die "den immensen Wert des Handels mit der EU kopieren" könnten.

Die Nervosität innerhalb der Automobilindustrie ist groß. Der Sektor beschäftigt in Großbritannien mehr als 850.000 Menschen, 186.000 von ihnen in der Produktion. In den britischen Produktionsstätten wird dabei, wie praktisch überall in der Industrie, just in time produziert. Dabei werden Teile erst kurz vor dem Einbau geliefert. Mehr als 1000 Lkw mit Komponenten überqueren den Kanal dafür jeden Tag. Ein harter Brexit, mit Zollkontrollen an den Grenzen, wäre für den Sektor ein logistischer Albtraum.

Auch BMW mosert

Und so hat in den vergangenen Tagen auch ein Automobilkonzern seine Ansichten zum Brexit publik gemacht: BMW. "Wenn am Ende die Lieferketten an der Grenze haltmachen müssen, dann können wir nicht in Großbritannien produzieren", sagte BMW-Manager Stephan Freismuth, der in dem Konzern für Zollfragen zuständig ist. BMW beschäftigt in Großbritannien an vier Produktionsstandorten 8000 Arbeiter. Zählt man Zulieferer und Händler hinzu, dann hängen etwa 55.000 Arbeitsplätze an dem Automobil-Konzern. Dem gehören heute auch die Marken Mini und Rolls-Royce.

Ian Robertson
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Ian Robertson

Es ist nicht das erste Mal, dass sich BMW kritisch zum Brexit geäußert hat. Wenige Wochen vor dem Referendum vor zwei Jahren erhielten BMW-Angestellte in Großbritannien unerwartet E-Mails von Vorständen, in denen diese vor den möglichen Folgen eines EU-Austritts warnten.

Es folgte ein Shitstorm. Ein konservativer Abgeordneter bezeichnete BMWs Stellungnahmen als "erbärmliche Angstmacherei". Ein anderer mutmaßte, der Konzern habe sich "dem Establishment" angeschlossen und wolle den Brexit verhindern. Dem Konzern ging die Aufregung offenbar zu weit. Und so kamen von BMW seitdem eher verhaltene Kommentare zum EU-Austritt - bis jetzt.

Airbus hat angefangen

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Den Auftakt für den Proteststurm der Industrie machte Airbus. Der Luftfahrtkonzern drohte in einer Risikobewertung gar damit, im schlimmsten Fall Produktionsstandorte zu verlegen. Sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen, bei dem Großbritannien auf einen Schlag aus dem Binnenmarkt und aus der Zollunion fliegen würde, "dann würde das Airbus dazu zwingen, seine Investitionen in Großbritannien zu überdenken", heißt es in dem Bericht. Der Konzern kritisierte die Übergangszeit, die Ende 2020 enden soll, als zu kurz, um Änderungen in seiner Lieferkette vorzunehmen.

Airbus-Geschäftsführer Tom Williams wird in dem Bericht mit den Worten zitiert, der Konzern habe "in den vergangenen zwölf Monaten ohne Erfolg" versucht, mit seinen Bedenken Gehör zu finden. "Einfach ausgedrückt: Ein No-Deal-Szenario gefährdet direkt die Zukunft von Airbus in Großbritannien." Airbus beschäftigt in dem Land 14.000 Menschen direkt und 110.000 Menschen über Zulieferunternehmen.

Am Wochenende beklagten sich fünf führende Industrieverbände in einem offenen Schreiben an die Regierung und an die EU über den Stand der Dinge. Sie forderten Theresa May dazu auf, klarer Stellung zu den zukünftigen Beziehungen des Landes zur EU zu beziehen. "Unsere Mitglieder in der Wirtschaft und ihre europäischen Handelspartner brauchen schnellere, entscheidendere Maßnahmen von beiden Seiten", heißt es darin.

Johnson hat eine Meinung dazu

Jeremy Hunt
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Jeremy Hunt

Die Regierung reagierte auf die Kritik verärgert. "Es ist absolut unangebracht für die Wirtschaft, diese Art von Drohungen auszusprechen", sagte Gesundheitsminister Jeremy Hunt in einem BBC-Interview. Das Land befinde sich gerade "in einem absolut entscheidenden Moment" bei den Brexit-Verhandlungen. "Wir müssen uns hinter Theresa May stellen, damit sie den bestmöglichen Brexit liefern kann, einen sauberen Brexit", fügte Hunt hinzu. Wenn man die Autorität der Premierministerin untergrabe, erhöhe man damit nur das Risiko, dass am Ende nur "Pfusch" herauskomme.

Brexit-Vorkämpfer und Außenminister Boris Johnson hat zu der aktuellen Debatte ebenfalls beigetragen. Allerdings nicht ganz freiwillig: Ein EU-Diplomat ließ den "Telegraph" wissen, was Johnson bei einem Empfang im Außenministerium vor wenigen Tagen gesagt hat, als er gefragt wurde, was er von den Sorgen der Wirtschaft halte. Johnsons Antwort: "Fuck business."



insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
fotos 27.06.2018
1. Boris Johnson
wird in wenigen Jahren in der EU um politisches Asyl bitten. Was für eine Witzfigur.
erzengel1987 27.06.2018
2. Antwort auf Abwanderung/Schließung/Jobkündigung?
Fuck Business? Also... ja die britische Regierung hat den Laden im Griff. Was tut die Regierung wenn die ersten Betriebe schließen? Es dürfte mittlerweile die bittere Realität werden. Allerdings die Wirtschaft braucht nur die Briten unter druck zu setzen, die EU verhandelt derzeit sehr offen und mit fairen Karten, die Briten müssen endlich einen akzeptablen Weg vorschlagen. Sonst folgt halt ein harter Brexit, so wie scheinbar eh gewünscht. Die EU kam bereits Großzügig entgegen, mit der Übergangszeit
sven17 27.06.2018
3.
Verständlich. Das bis zum Stichtag irgend etwas rauskommt, wird bei der Chaostruppe in der britischen Regierung nicht wahrscheinlicher. Und das Johnson sich da wie der Elephant im Porzelanladen aufführt, ist jetzt auch keine Überraschung. Hat der Mann eigentlich seit der Abstimmung irgend etwas sinnvolles von sich gegeben. Sein Kompagnion war so schlau sich gleich zu verdrücken und nur noch die EU-Abgeordneten Vergütung mitzunehmen.
mkummer 27.06.2018
4. Irgendwann kapierts auch der letzte
- der Brexit ist halt nichts anderes als eine gigantische Schnapsidee. Allerdings war der Grundfehler schon seinerzeit, als man die Erkenntnis von de Gaulle und Adenauer in den Wind stricht, dass die Insulaner besser nicht in die damalige EWG kommen sollten. Beide waren sich einig, dass man sich dadurch nur langfristigen Ärger einhandeln würde. Welch weitsichtige Erkenntnis.
Grummelchen321 27.06.2018
5. Wir
Festlandeuropär können den Insulanern später Asyl anbieten.Sie werden dann die Arbeiten verrichten die wir nicht mehr machen wollen.Natürlich zu Hungerlöhnen.Sie haben es ja so gewollt.
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