Brexit und die Wirtschaft Der Abstieg hat begonnen

Großbritannien spürt die Folgen des anstehenden EU-Ausstiegs. Die Wirtschaft lahmt, die Preise steigen. Lässt sich der Brexit doch noch rückgängig machen?

EU-Flagge vor dem Westminster Palace in London
AFP

EU-Flagge vor dem Westminster Palace in London

Eine Kolumne von


Im Englischen gibt es ein paar deutsche Lehnwörter, die ein nicht eben schmeichelhaftes Licht auf uns werfen. Schadenfreude gehört dazu. Ebenso Katzenjammer. Und natürlich Angst. All diese Worte sind fehl am Platz, wenn es um den Brexit geht.

Der britische Ausstieg aus der EU ist eine Tragödie. Ein politisches Schockereignis, das eigentlich nie hätte stattfinden dürfen. Doch so wird es wohl geschehen: Mit knapper Mehrheit per Volksabstimmung bei geringer Wahlbeteiligung entschieden, ist Britannien auf dem Weg, die EU zu verlassen. Etwa die Hälfte der Verhandlungsfrist ist bereits verstrichen. Was am Ende dabei herauskommt, ist offen.

Nach wie vor ist ein harter Brexit möglich, also ein Ausstieg Britanniens ohne Abkommen mit der EU - womöglich in heftigem Streit, mit offenen Rechnungen und zerbrochenem Porzellan. Aber immerhin: In der abgelaufenen Woche sind die Chancen auf eine freundschaftliche Trennung gestiegen. Der EU-Gipfel hat die Weichen gestellt, sodass die zweite Phase der Brexit-Verhandlungen beginnen kann.

Anderthalb Jahre sind seit dem Brexit-Referendum vergangen. Und allmählich wird sichtbar, dass die Ausstiegsgegner mit ihren Warnungen so falsch nicht lagen. Das wiederum könnte den Fortgang der Verhandlungen beeinflussen. Die Frage ist allerdings, wer in in den Augen der britischen Öffentlichkeit die Schuld zugewiesen bekommt, falls die Sache schiefgehen sollte - die EU-Freunde oder die Brexit-Befürworter.

The long way down

Die Stimmung in der Wirtschaft jedenfalls trübt sich zusehends ein. Kein anderes großes westliches Land leidet unter einer derart flauen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Wachstumsrate wird sich gegenüber dem Vor-Referendum-Jahr 2015 im kommenden Jahr halbieren, prognostiziert die OECD. Lediglich um 1,2 Prozent soll die Wirtschaft 2018 zulegen - einen Prozentpunkt weniger als die Eurozone (achten Sie Dienstag auf den Ifo-Index für Deutschland).

Der Abstieg hat begonnen. Noch spüren die Briten davon wenig. Aber das wird sich bald ändern.

Im Sommer war die Stimmung auf noch äußerst aufgeräumt. 92 Prozent der Briten sagten, sie seien mit ihrem Leben zufrieden. 80 Prozent gaben an, ihre finanzielle Lage sei gut. So zeigt es die letzte Eurobarometer-Umfrage.

Doch nun zieht die Inflation an. Das Pfund schwächelt. Die Kaufkraft der Bürger stagniert; sie schränken sich ein, die Einzelhandelsumsätze sind zuletzt geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit droht zu steigen. Die Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück - wer weiß, ob man künftig noch in die kontinentalen Wirtschaftsstrukturen eingebunden sein wird.

(Etwas Ähnliches geschieht derzeit übrigens in Katalonien, wo Donnerstag gewählt wird und sich der Konflikt um eine mögliche Abspaltung von Spanien - und damit auch von der EU - verschärfen könnte. Seit Oktober haben angeblich bereits rund 3000 Unternehmen ihren Firmensitz aus der Region heraus verlagert.)

Was die Lage besonders wacklig macht: Großbritannien ist hoch verschuldet. Die Privatbürger schieben Verbindlichkeiten in Höhe von schwindelerregenden 140 Prozent ihrer verfügbaren Einkommen vor sich her. Die gesamte britische Wirtschaft lebt davon, dass sie Kapital aus dem Ausland importiert; in der Leistungsbilanz klafft eine stattliche Lücke von viereinhalb Prozent der Wirtschaftsleistung. Das heißt: Der Wohlstand des Vereinigten Königreichs basiert zum großen Teil auf dem Vertrauen ausländischer Investoren.

Dieses Vertrauen aber dürfte massiv leiden, wenn ein harter Brexit - ohne offenen Zugang zum EU-Binnenmarkt - Realität würde. Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank, hatte vor dem Referendum auf das Risiko einer britischen Finanzkrise hingewiesen - und wurde vom Brexiteer-Lager wüst beschimpft. Von Scaremongering (Bangemachen) war die Rede.

Wenn sich nun herausstellt, dass die Bangemacher recht hatten, ändert sich dann der politische Kurs in London womöglich? Macht Großbritannien sogar einen Rückzieher vom Rückzug - und stoppt das ganze Manöver? Bislang sieht es nicht danach aus.

Wir müssen leider draußen bleiben

Im Prinzip gibt es zwei Optionen für ein geordnetes künftiges Verhältnis zwischen Britannien und dem Kontinent. Entweder ein Freihandelsabkommen nach dem Vorbild des europäischen Abkommens mit Kanada (Ceta). Oder ein enges Assoziierungsabkommen, wie es Norwegen mit der EU geschlossen hat.

Im ersten Fall ginge es vor allem um Industrieprodukte; der Finanzsektor wäre ausgespart, wodurch Europas Finanzplatz Nummer eins, die Londoner City, von der Rest-EU abgeschnitten würde. Im zweiten Fall hätte auch der Finanzsektor quasi ungehinderten Zugang zum Binnenmarkt. Dafür aber müsste das Königreich weiterhin den Zuzug von EU-Bürgern akzeptieren - was die Brexit-Befürworter auf die Palme bringen würde, denen es ja besonders am Herzen liegt, Zuwanderer draußen zu halten.

Kurz gesagt: Die Kanada-Option ist wirtschaftlich risikoreich, weil sie einen der wichtigsten Sektoren Britanniens von seinem Heimatmarkt abschnitte. Die Norwegen-Option wiederum ist politisch widersinnig: Faktisch EU-Mitglied zu bleiben, nun aber nicht mehr in Brüssel mitbestimmen zu dürfen - das mag, wie die Dinge liegen, ökonomisch richtig sein, aber es ist bei Licht betrachtet natürlich nonsense.

Wetten Sie nicht auf den britischen Common Sense

Rational betrachtet hätte die Brexit-Entscheidung nie stattfinden dürfen. Sich auf ein Mega-Experiment mit derart existenzgefährdenden Unwägbarkeiten einzulassen, ist nicht das Resultat einer vernünftigen Abwägung, sondern eher eine gefühls- und affektgeladene Trotzreaktion.

Die eingetrübte Wirtschaftslage könnte die Stimmung in den kommenden Jahren in Richtung eines EU-freundlichen Abkommens drehen. Ein Irrtum würde korrigiert, weil man zwischenzeitlich neue Informationen gewonnen hat. Das wäre vernünftig. Aber es ist keineswegs sicher.

Möglich, dass eine heftige Wirtschaftskrise in Großbritannien das Klima derart vergiften würde, dass eine sachliche Diskussion gar nicht mehr möglich ist. Die Schuld würde dann wohl der EU zugeschoben. Etwa so: Mit ihrer harten Verhandlungsführung missachte Brüssel das Selbstbestimmungsrecht des britischen Volks (oder wie auch immer es aus dem Brexiteer-Lager tönen würde). Weitere Eskalation nicht ausgeschlossen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Berlin - GroKo, KoKo, MinRe? - Deutschland ohne Regierung. Präsidium und Bundesvorstand der CDU tagen. Kommt es doch noch zur Großen Koalition? Oder zu einer irgendwie gearteten Tolerierung einer Unions-Minderheitsregierung?

Brüssel - Zwischen Klimaschutz, Sonne und Atom - Treffen der EU-Energieminister. Themen unter anderen: Regeln für einen gemeinsamen EU-Energiemarkt und die Förderung erneuerbarer Energien.

DIENSTAG München - Stimmungshoch - Neue Daten vom Ifo-Geschäftsklimaindex, dem wichtigsten Frühindikator für die deutsche Konjunktur.

Düsseldorf - Wurst Case - Verhandlungen vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Preisabsprachen unter Wurstherstellern. Einige Unternehmen wehren sich juristisch gegen die vom Kartellamt verhängten Strafen.

MITTWOCH

Stockholm - Weiter auf Billiggeldkurs - Zinsentscheid der Schwedischen Reichsbank. Im boomenden Schweden ist der Leitzins negativ. Als kleine, offene Volkswirtschaft kann sich das Land kaum von den Entscheidungen in Frankfurt oder Washington abkoppeln.

DONNERSTAG Barcelona - Abschied von Spanien? - Neuwahlen in Katalonien. Die Zentralregierung in Madrid hatte den Urnengang angesetzt, nachdem sie die separatistische Regierung in Barcelona abgesetzt hatte.

FREITAG Nürnberg - Nach dem Weihnachtsgeschäft - Die GfK veröffentlicht ihre aktuelle Untersuchung zum Konsumklima in Deutschland.

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insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
skeptiker97 17.12.2017
1. Zu früh
Es ist zu früh, um die Wirkung des Brexit auf GB wirklich einschätzen zu können. Es wird sicher einige Anpssungsprobleme geben. Erst die Entwicklung danach wird zeigen, ob der Schritt GB etwas gebracht hat. Auf jeden Fall tun sich dann, nach dem Wegfall der EU-Zwänge, auch neue Chancen auf. Es wir darauf ankommen, sie richtig zu nutzen. Diese Möglichkeiten werden nätürlich von den EU-Propagandisten ausgeblendet.
hevopi 17.12.2017
2. Der Brexit wird nicht kommen,
weil inzwischen mehr als 50 % der Briten gegen den Brexit sind und sich ja langsam sogar in Europa rumgesprochen hat, dass viele Menschen begriffen haben, welch ein Irrsinn die Flüchtlingskrise nach sich gezogen hat. Ich hoffe, GB bleibt Mitglied und die sogenannten "Bürgerparteien" Deutschlands werden langsam wach und sehen, was sie so angerichtet haben.
die-metapha 17.12.2017
3. Um Himmels Willen nein....
GB hat mit dem BREXIT und danach ganz unmissverständlich klar gemacht, was es von seinen bisherigen "Partnern" denn wirklich hält. Wenn nun für GB - aus wirtschaftlichen Gründen - plötzlich die Realität in das bisher rein emotional betrachtete Einzug erhält wirft das ein noch schlechteres Licht auf die Bevölkerung und deren Regierung dort. Für die EU ist eine Mitgliedschaft eines "Partner" von solchem Format absolut nicht erstrebenswert. GB sollte aus eigenem Interesse einen geordneten BREXIT vollziehen und seine eigenen Wege gehen - so war es gewollt, so wurde es unmissverständlich artikuliert.
Neandiausdemtal 17.12.2017
4. Der Abstieg! Na und?
Lasst sie meinethalben ins Bodenlose fallen. Sie leben den anglo-amerikanischen Kapitalextremismus mit Inbrunst. Es ist das Känguru-Motto: leerer Beutel, große Sprünge Dabei fällt man irgendwann voll auf die Schnauze, besonders wenn noch deutlich weniger Sozialstaat als bei uns dahinter steht.
peterpahn 17.12.2017
5. Die Briten haben für den Austritt aus der EU gestimmt, ...
Die Briten haben für den Austritt aus der EU gestimmt, als von den Plänen eines Emmanuel Macron noch nichts bekannt war; ich fürchte, heute wäre die Ablehnung noch größer, denn die Briten standen immer für eine EU des Wettbewerbs und der Subsidiarität, was ja auch speziell für Deutschland jetzt zum Problem wird, wenn die Briten weg sind, weil Deutschland jetzt mit ausnahmslos viel kleineren EU-Mitgliedern allein auf weiter Flur sich kaum noch wehren kann, z.B. wenn sich südeuropäische Länder im Verbund mit Frankreich einig sind, dass Schulden in der Euro-Zone zu vergemeinschaften sind. Aber zurück zu Großbritannien: Der ehemalige BDI-Chef und EU-Abgeordnete der LKR, Hans-Olaf Henkel macht sich derzeit stark für den Verbleib der Briten in der EU, aber er argumentiert nicht wie viele andere, indem er sagt, die Briten sollten sich bewegen, sondern die EU. Er hat der Basler-Zeitung gestern ein Interview gegeben, wo er auf die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen nicht für die Briten allein, sondern Deutschland hinweist. Wir tun immer so, als ob die EU in den Verhandlungen am längeren Hebel säße, was m.E. aber eine verzerrte Wahrnehmung ist. Nein, die EU sollte sich insgesamt, ob mit oder ohne die Briten künftig wieder auf die Prinzipien von Wettbewerb, Subsidiarität und Freiwilligkeit setzen.
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