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Briefgewerbe: Ein paar Cent für einen Brief

Von Anne Huschka, Amsterdam

Sie laufen für einen Hungerlohn, ihre Arbeit gilt als Schundjob: Mit rauen Methoden beutet die Deutsche Post die Zusteller bei ihrer niederländischen Tochter Selekt Mail aus. Der Bericht einer Mitarbeiterin offenbart eine Strategie, die den Bekundungen der Post in Deutschland komplett zuwiderläuft.

Amsterdam - "Wenn ich selbst wichtige Post verschicken muss? Das würde ich immer mit TNT machen", sagt Femke Gerritsen* und lässt sich in einen zerschlissenen Ledersessel fallen. "Bei uns tragen einige seltsame Menschen die Post aus." Gerritsen arbeitet für Selekt Mail, ein Unternehmen in den Niederlanden, an dem die Deutsche Post mehrheitlich beteiligt ist und das unter dem Logo der Post-Pakettochter DHL firmiert. Zweimal pro Woche holt sie kistenweise Briefe im Briefdepot ab, sortiert sie und trägt sie aus. Doch am Monatsende hat sie wenig davon.

Website der Post-Tochter Selekt Mail: Mitarbeiter schätzen die Arbeit trotz schlechter Bezahlung

Website der Post-Tochter Selekt Mail: Mitarbeiter schätzen die Arbeit trotz schlechter Bezahlung

Nur wenige Buchstaben machen den großen Unterschied aus. Wer "postbode" (Postbote) ist, verdient bis zu 15 Euro pro Stunde, inklusive der Sozialleistungen sind es bis zu 23 Euro. Wer hingegen "postbezorger" (Postzusteller) ist, muss sich mit einem Stücklohn von fünf bis sechs Cent zufrieden geben. "Im Schnitt 20 Prozent günstiger als TNT" seien seine Dienste, wirbt Selekt Mail auf der Unternehmenshomepage. Das ehemalige Staatsunternehmen TNT beschäftigt viele Postboten. Selekt Mail arbeitet ebenso wie Wettbewerber Sandd mit Postzustellern.

Postzustellerin Gerritsen hat ihre letzten Vergütungsabrechnungen auf den Tisch gelegt. "Das ist so ein kompliziertes Berechnungssystem, ich kann das nie genau nachvollziehen", sagt sie. Selekt Mail hat drei Vergütungsgruppen: innerstädtisch, Randgebiete und Land. In der Stadt liegen die Briefkästen dicht beieinander, auf dem Land sind die Wege länger. Wer in der Stadt arbeitet, bekommt weniger als ein Landzusteller.

Gerritsen ist für zwei Zustellbezirke mit insgesamt etwa 2000 Briefkästen zuständig. Es gibt eine "Startvergütung" von drei bis fünf Euro pro Gebiet. Wenn aber mehr als 20 Prozent der Briefkästen im eigenen Bezirk Post bekommen, entfällt diese Vergütung. Pro Brief bis 500 Gramm gibt es zwischen sechs und neun Cent. Wenn zwei oder mehr Briefe an eine Adresse zugestellt werden, wird der Betrag gekürzt. Wer die unsortierte Post selbst am Depot abholt, bekommt zwischen zwei und vier Euro extra. Verschiedene Gewichtseinteilungen komplizieren das System. Doch der Lohnzettel zeigt: Netto hat Gerritsen pro Brief 5,1 Cent bekommen, weniger als 250 Euro insgesamt - im Monat. Selbst für vier, fünf Stunden Arbeit am Tag wäre das wenig.

Bezahlung unterm niederländischen Mindestlohn

Montags und mittwochs holt sie die Post vom Depot ab, die Briefe müssen sortiert und innerhalb von zwei Tagen zugestellt werden. Samstags wird keine Selekt Mail-Post zugestellt. Ihre Arbeitsstunden zählt die über 60-Jährige nicht genau nach, aber sie ist jeden Tag für Selekt Mail auf den Beinen. "Ich bin halt so ein Ehrenamtsmensch", sagt sie und deutet auf ihren Wohnzimmerteppich: "Wenn ich da sitze und die Briefe sortiere, kann ich ja nebenher noch fernsehen". Das Sortieren und Zuordnen zu ihrer Route werden gar nicht bezahlt. "Dabei dauert das manchmal länger als das Austragen", ist ihre Erfahrung. Viele ihrer Kollegen würden gleichzeitig für Sandd und Selekt Mail arbeiten. "Das ist ja auch das schöne an der Arbeit: Man ist frei wie ein Vogel."

Gerritsen ist frei in ihrer Arbeitseinteilung, aber auch frei von vielen Rechten. Agnes Jongerius, Vorsitzende der Gewerkschaftszentrale FNV Bondgenoten, drückt es so aus: "Pulpbaantjes" (Schundjobs) seien die Stellen, die die neuen Wettbewerber auf dem niederländischen Postmarkt anbieten.

Eigentlich haben die Niederlande einen der höchsten Mindestlöhne Europas. 1317 Euro brutto stehen jedem über 23 Jahre für eine Vollzeitstelle zu, 8,70 Euro pro Stunde. 40 Prozent der Zusteller bekommen aber nur einen Stundenlohn zwischen drei und fünf Euro. FNV Bondgenoten hat deshalb diesen Monat ein "Schwarzbuch über die Wirklichkeit der niederländischen Postzusteller" herausgegeben. Das Fazit: Die Zusteller arbeiten ohne jede soziale Absicherung für einen Hungerlohn. Sie fühlen sich unterbezahlt und trotzdem arbeiten die meisten gerne.

*Name geändert

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