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Britische Auswanderer: Lust auf lovely Deutschland

Von Anna Regeniter, Stockport

Seit den fünfziger Jahren wollten noch nie so viele Deutsche auswandern wie derzeit. Kein Grund zur Panik: Aus Großbritannien ziehen pro Jahr weitaus mehr Menschen weg - und für viele heißt das Wunschziel Deutschland.

London - Chris Allans Heimatstadt Norwich an Englands Ostküste lockt Monat für Monat Tausende Touristen an. Im mittelalterlichen Zentrum mit dem normannischen Schloss ist kaum noch Platz für die ständig eintreffenden Reisebusse. Doch den pensionierten Grundschullehrer Allan hält hier nichts mehr: Er will auswandern, und zwar an den Rhein.

"Norwich ist eine schöne Stadt, aber ich verbringe seit Jahren meinen Urlaub im Rheinland und liebe die Landschaft dort", sagt der 63-Jährige. Außerdem seien im Vergleich zu England die Immobilien billig, und per Auto oder Zug sei die alte Heimat ja nah: "Koblenz ist nur einen Katzensprung entfernt. Für Leute, die nach Spanien oder Italien auswandern, ist es schon etwas schwerer, mit alten Freunden in Kontakt zu bleiben."

Einer BBC-Umfrage zufolge erwägt mittlerweile ein Viertel der Briten, ins Ausland umzuziehen. Immerhin für vier Prozent heißt das Traumziel Deutschland.

"Man fühlt sich viel sicherer hier"

Schon heute leben laut Statistischem Bundesamt 96.000 Briten in Deutschland. Der größte Teil ist viel jünger als Pensionär Allan aus Norwich. Die meisten sind zwischen 25 und 40 und kamen berufsbedingt - auch wenn die britische Arbeitslosenquote bei 5,5 Prozent liegt und damit deutlich unter der deutschen.

Auswanderer-Ziel München: "Während Bayern sich auf die Hightech-Industrie spezialisiert, wird das in England kaum gefördert", sagt ein Brite
DPA

Auswanderer-Ziel München: "Während Bayern sich auf die Hightech-Industrie spezialisiert, wird das in England kaum gefördert", sagt ein Brite

Schon in den frühen achtziger Jahren war Deutschland für britische Arbeiter ein so beliebtes Ziel, dass die BBC eine erfolgreiche Fernsehserie zum Thema erfand: In "Auf Wiedersehen, Pet" geht es um fünf arbeitslose Bauarbeiter, die nach Düsseldorf ziehen, um dort ihr Glück zu suchen.

Damals siedelten hauptsächlich Arbeiter aus dem Baugewerbe über. Heute kommen meist bestens ausgebildete britische Fachkräfte - wie Steve Hastings, ein Laser System Consultant aus London. "Erst kam ich nur für drei Jahre hierher", sagt der 44-Jährige, "aber mir wurde bald klar, dass ich wegen meiner Karrierre ganz nach Deutschland ziehen muss." Sein Arbeitsfeld werde "in England kaum gefördert, während Bayern sich auf die Hightech-Industrie spezialisiert".

Zwar vermisst der Londoner den Humor seiner Landsleute - doch dafür sei die Lebensqualität in München bedeutend höher als in London. "Die Bayern mögen sich über die steigende Kriminalität in ihrem Land beschweren. Aber mit England kann man das noch lange nicht vergleichen."

Ein Grund zur Klage: die Bürokratie

Auch Chris Hawley, ein 45-jähriger Ingenieur aus Portsmouth, führt die geringe Kriminalität als riesigen Vorteil an. "Was ich definitiv nicht vermisse, sind die ständigen Schlägereien von Betrunkenen in England und die vielen Asozialen, die jedes Wochenende die Straßen unsicher machen." In München dagegen, sagt er, "versammeln sich riesige Menschenmassen in den Biergärten, und trotzdem kommt es nicht zu Krawallen. Man fühlt sich viel sicherer hier".

Auch Declan Browne aus Glasgow zog berufsbedingt nach Deutschland, nachdem seine Halbleiter-Firma geschlossen wurde. Mit neun anderen Schotten entschloss er sich, in Brandenburg einen Neubeginn zu wagen: "Wir bekamen finanzielle Unterstützung von der Landesregierung und arbeiteten gemeinsam mit deutschen Wissenschaftlern. Es war erst schwierig, weil unsere Arbeitsmethoden doch sehr unterschiedlich waren, aber wir haben viel voneinander gelernt." Heute lebt er in Dresden. "Ich liebe es hier. Die Leute sind sehr freundlich und offen, das Kulturangebot ist fantastisch und dazu noch sehr günstig. Ausgehen ist billig hier." Nur die kalten Winter und die deutsche Bürokratie machen ihm zu schaffen.

Die Auswanderungswelle wird kaum als Problem empfunden

Während es in im vergangenen Jahr 145.000 Deutsche ins Ausland zog, verließen im selben Jahr 350.000 Briten ihr Heimatland, um sich in Spanien, Australien, Frankreich oder eben Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Die meisten gaben an, wegen der teuren Lebenshaltung, des miesen Wetters und der insgesamt "schlechten Lebensqualität" auszuwandern.

Anders als in Deutschland wird die Emigrationswelle jedoch kaum als Problem empfunden. "Die Welt rückt halt enger zusammen. Die Menschen haben eine größere Wahl, wo sie leben können - das kann doch nur gut sein", sagt Musikproduzent Gary Alderson, der seit zwei Jahren in Hamburg wohnt.

Der 32-Jährige weiß, dass viele seiner Landsleute noch immer ein negatives Bild von Deutschland haben. Auch seine Freunde wunderten sich, als er ihnen von seinen Umzugsplänen erzählte. "Die englische Boulevardpresse stellt die Deutschen noch immer als humorlose, arrogante Besserwisser dar, die im Urlaub um sechs Uhr morgens aufstehen, um den armen Briten die besten Plätze am Swimmingpool zu stehlen." Die Wirklichkeit überzeugte aber auch die Kritiker, erzählt Alderson: "Alle, die bisher zu Besuch gekommen sind, haben sich sofort in Hamburg verliebt."

Dass immer mehr Deutsche von ihrem eigenen Land genug haben und auswandern, findet er erstaunlich: "Das Gras ist auf der anderen Seite immer grüner, aber die Deutschen sollten sich der vielen Vorteile ihres Landes besinnen. Vielleicht mag es in China oder Indien bessere Jobchancen geben, aber in einer so fremden Kultur zu leben kann doch verdammt schwer sein."

Unter den britischen Neu-Deutschen findet sich auch eine auffallend große Zahl an Künstlern und Musikern. Ganz gelassen nehmen es zum Beispiel die Einwohner von Münster hin, wenn plötzlich Howard Donald von Take That, der erfolgreichsten Britband seit den Beatles, in der Supermarkt-Schlange vor ihnen ein paar Eier kauft. Der 38-Jährige wohnt schon seit Jahren in der Stadt.

"Jetzt traut euch doch endlich!"

Lisa Glazebrook, 29, eine Fotografin aus Bradford, führt Deutschlands Anziehungskraft auf Künstler auf die reiche Geschichte des Landes zurück: "Deutschland hat eine einzigartige Kulturgeschichte, sowohl in der Malerei als auch der Musik und Literatur." Schon in den siebziger Jahren zogen ja Musiker wie David Bowie nach Deutschland - "um dort neue Inspiration zu finden", sagt Glazebrook, "und das setzt sich bis heute fort. Dazu kommt, dass Deutschland für Engländer exotisch genug ist, um uns neue Anstöße zu geben, aber doch vertraut genug, um sich schnell zu Hause zu fühlen".

Natürlich gibt es auch Reibungspunkte. "Was mich immer an Deutschland gestört hat und auch der Hauptgrund für meine Rückkehr nach England war, ist der Pessimismus der Leute", sagt Paul Greco, früherer Bassist der britischen Band Chumbawamba. Acht Jahre lang lebte er in Köln und stellte dabei fest: "Niemand geht Risiken ein, niemand glaubt genug an sich, um wirklich etwas auf die Beine zu stellen. In England haben die Leute weniger zu verlieren und wagen deshalb auch mehr. Wie oft wollte ich meine deutschen Freunde aufrütteln und ihnen sagen: 'Jetzt traut euch doch endlich!'"

Sogar das Wetter ist besser

Auch Unhöflichkeit fällt vielen Briten in Deutschland negativ auf. Steve Hastings, der seit 13 Jahren in München wohnt, entsetzt sich immer noch über "unglaublich rüdes" Verhalten: "Anders als in England hält niemand mal einer Frau mit Kinderwagen die Tür auf. In der U-Bahn drängeln sich die Leute in das Abteil, ohne erst die Aussteigenden herauszulassen. Vom Schlangestehen haben die Deutschen wirklich keine Ahnung."

Einige wollen in den kommenden Jahren nach Großbritannien zurückkehren - allerdings weniger wegen solcher Probleme, sondern wegen bürokratischen Ärgers. Hastings zum Beispiel bangt um seine Rentenabgaben: "Momentan zahle ich noch in meine englische Kasse, aber wenn ich in Deutschland bleiben würde, würde ich im Alter davon keinen Pfennig sehen." Andersrum ist es nicht weniger problematisch: "Wenn ich jetzt in eine deutsche Kasse zahlen und dann nach England zurückgehen würde, würde ich genauso leer ausgehen. Die EU muss unbedingt eine Regelung für die Angleichung von Sozialabgaben schaffen."

Sollte es dazu nicht kommen, wird der 43-Jährige München wieder verlassen. "Schade", sagt er. "Denn selbst das Wetter hier in Deutschland ist besser als bei uns."

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