Britische Lobeshymne "Germany is coming back!"

Es geht wieder aufwärts in Deutschland! Zu diesem Schluss kommt ausgerechnet eine britische Tageszeitung. Dank WM-Euphorie, Wirtschaftsaufschwung und "Merkel miracle" finde unser Land endlich wieder raus aus dem Jammertal, schreibt "The Times".


London – Es ist eine wahre Lobeshymne, die Berlin-Korrespondent Roger Boyes auf das Land singt, aus dem er für die renommierte britische Tageszeitung "The Times" berichtet. "Whisper it softly … Germany is coming back" – unter diesem Titel beschreibt der Journalist auf einer Doppelseite in der aktuellen Ausgabe des konservativen Blattes den unverkennbaren Aufwärtstrend, den er hierzulande festzustellen glaubt.

Deutschland habe in der vergangenen Woche den zweifelhaften Titel des "Sick Man of Europe", des alten kranken Mannes in Europa, endgültig an Italien abgegeben, und die Erleichterung, schreibt Boyes, sei in Berlin greifbar gewesen. "Angesichts des Chaos in Rom, einer Nervenkrise in Paris und einer Ära Blair, die sich dem Ende neigt, entwickelt sich Deutschland zum neuen aufstrebenden Stern."

Vergessen sei die Zeit, in der das Land "in einen Abgrund" zu schauen schien, als die Regierung durch einen wenig eindeutigen Wahlausgang gelähmt war, die Wirtschaft mit fünf Millionen Arbeitslosen in der Rezession darbte und die Beziehungen mit den USA unterkühlt waren. Dieses Deutschland, der Inbegriff des "alten Europa", es ist Geschichte – findet die "Times".

Die Deutschen ließen vom traditionellen Pessimismus ab und versprühten endlich Euphorie, wenn es um ihre Heimat geht, diagnostiziert der Korrespondent. Im Mittelpunkt der neuen Jugendlichkeit stehe die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer. Die Vorbereitung auf das Sportereignis sei zu einer nationalen Metapher geworden: Der "mürrische Veteran" Oliver Kahn werde von Bundestrainer Jürgen Klinsmann ausgemustert, Michael Ballack, hochbegabter Mittelfeldspieler "mit dem Aussehen eines Filmstars" zum Kapitän gemacht.

Als weitere Musterbeispiele, wie "cool" die Deutschen inzwischen wieder seien, führt die Zeitung Papst Benedikt XVI., Bundeskanzlerin Angela Merkel, Modeschöpfer Karl Lagerfeld und Top-Model Heidi Klum auf. Im Leitartikel, der sich ebenfalls mit Deutschland befasst, ist vom "Merkel miracle", dem Merkel-Wunder die Rede.

"Man sollte die Deutschen niemals abschreiben"

Das Vertrauen der Wirtschaft in die Politik sei gewachsen, weil nun Politiker an der Macht seien, "die fähig sind, Entscheidungen zu treffen", schreibt die "Times". Alle Daten deuteten auf einen Aufschwung hin: Deutschland ist nach wie vor Export-Weltmeister, das Wirtschaftswachstum könnte wieder die Zwei-Prozent-Marke erreichen, die Inflation liege unter zwei Prozent und der Geschäftsklima-Index ist so hoch wie seit der deutschen Einheit nicht mehr.

Die wahre Alchemie der Merkel-Ära liege jedoch im Einsatz der negativen Zahlen. Habe die hohe Arbeitslosigkeit der siechen Regierung von Altbundeskanzler Gerhard Schröder noch das Blut entzogen, sei diese jetzt der "Knüppel", mit dem seine Nachfolgerin die Gewerkschaften bändigen könne. Unternehmen bräuchten nur noch damit zu drohen, ihren Standort nach Polen zu verlagern, um Diskussionen über Lohnerhöhungen zu ersticken. "Die Gewerkschaften sind zu Schmusekätzchen geworden."

Es geht wieder aufwärts in Deutschland. Sogar die Schokoladenverkaufszahlen erreichen Rekordhöhen und die Deutschen machen Urlaub in der Heimat – nicht weil sie sich nichts anderes leisten könnten, sondern weil ihnen Italien weniger attraktiv erscheint. Ja, man sollte die Deutschen niemals abschreiben, weiß der "Times"-Korrespondent. Denn: "Wie jeder englische Fußball-Fan weiß, sie wissen nicht, wann sie verloren haben."

phw/dpa/The Times



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