Broadcom-Mitgründer Nicholas Das wilde Doppelleben des braven Milliardärs

Er galt als Menschenfreund und Vorbild - doch der kalifornische Selfmade-Milliardär Henry Nicholas hat offenbar auch eine finstere Seite. Dem Mitgründer des Halbleiterkonzerns Broadcom werden Aktienbetrug vorgeworfen - und stürmische Sex- und Drogenpartys.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Schurken und Betrüger sind ja eigentliches nichts Neues an der Wall Street. Schon Michael Milken, der "Junk Bond King" der achtziger Jahre, veruntreute Hunderte Millionen Dollar. Bernie Ebbers, Gründer des Telekom-Riesen WorldCom, betrog seine Investoren um Milliarden. Die gigantische Bilanzfälschung beim Energieriesen Enron, der 2001 endgültig kollabierte, bewegte die ganze Welt. Und auch Skurriles zählt: Dennis Kozlowski, Ex-Vorstandschef von Tyco, ließ sich von der Firma einen 6000-Dollar-Duschvorhang zahlen.

Milliardär Nicholas: Soll sich die Millenniumsparty mit 300 Ecstacy-Tabletten versüßt haben
AP

Milliardär Nicholas: Soll sich die Millenniumsparty mit 300 Ecstacy-Tabletten versüßt haben

Doch Henry T. Nicholas III., ein Selfmade-Milliardär aus Laguna Hills südlich von Los Angeles, ist schon ein neues Kaliber. Angeblicher Aktienschwindel und der vermutete Handel mit Ecstasy, Kokain und Heroin sind dabei gerade mal der Anfang einer Geschichte, die so manchen Mafiaboss wie einen Chorknaben erscheinen lässt.

So massiv und exzentrisch sind die Vorwürfe, dass das Bezirksgericht-Süd für Zentralkalifornien Nicholas vorige Woche nach einer dreistündigen Anhörung nur gegen 3,4 Millionen Dollar Kaution wieder freiließ. Richter Arthur Nakazato verdonnerte Nicholas außerdem zu Hausarrest in einer Entzugsklinik, legte ihm eine elektronische Fußfessel an und kassierte seine zwei Privatflugzeuge - weil sie als potentielle Fluchtmittel gelten.

Ein steiler Sturz für einen, der lange einer der bekanntesten, meistgeachteten Unternehmer Südkaliforniens war.

Aktienbetrug gigantischen Ausmaßes

1991 hatte Nicholas mit seinem Freund Henry Samueli Broadband Telecom gegründet, eine Halbleiter-Company, die Apple und Nintendo zu ihren Kunden zählt. Anfangs befand sich der Firmensitz noch in Nicholas' Wohnzimmer. 1998 ging Broadcom an die Börse. Zwei Jahre später überschritt der Umsatz erstmals eine Milliarde Dollar.

Leute wie Nicholas, 48, haben Orange County, eine Region zwischen Los Angeles und San Diego, zum prominenten Technologie-Standort gemacht. "Henry Nicholas, Superheld", titelte das Wochenblatt "Orange County Weekly" 2004 über einem Porträt, in dem er sich als wohltätiger Philanthrop spreizte.

Die wahren Wohltaten aber gönnte sich Nicholas - geschätztes Privatvermögen rund 2,3 Milliarden Dollar - offenbar selbst. Ein großes Geschworenengericht in Santa Ana hat jetzt jedenfalls gleich zwei Anklagen gegen den Ex-Konzernchef erhoben. In den beiden Schriften - die eine hat 65 Seiten, die andere 18 - finden sich zunächst so gängige Strafbestände wie Betrug, Hinterziehung und Aktienschwindel. Auch da freilich sprengt das Ausmaß den sonst üblichen Rahmen.

Das unerlaubte Rückdatieren von Aktienoptionen etwa soll der Grund gewesen sein, warum Broadcom voriges Jahr gezwungen war, die Bücher um satte 2,2 Milliarden Dollar an bisher unbekannten Ausgaben zu korrigieren. Das wäre die höchste derartige Fehlsumme bei allen rund 200 US-Firmen, gegen die wegen ähnlicher Aktienschwindeleien ermittelt wurde. Nicholas selbst bestreitet die Vorwürfe. "Dr. Nicholas wird diese Vorwürfe vehement anfechten", erklärte sein Anwalt Brendan Sullivan. "Er ist zuversichtlich, dass er voll entlastet wird." Auch Nicholas' damaliger Finanzchef William Ruehle, 66, der bei dem Aktienbetrug mitangeklagt ist, beteuert seine Unschuld.

Sex-Bars in unterirdischen Gewölben

Bilanztechnische Finessen sind aber bei weitem nicht das, was den Fall Nicholas so faszinierend macht. Der Atem stockt bei der Lektüre der zweiten Anklage, die sich allein gegen Nicholas richtet. Nicholas - der bei Broadcom stets auf eine konservative Kleiderordnung pochte und die Konzernführung 2003 aus "persönlichen Gründen" abtrat, nachdem seine Frau Stacey die Scheidung eingereicht hatte - habe ein wildes Doppelleben geführt, heißt es darin. Er habe Drogen gekauft und weiterverkauft, in einem schwunghaften Handel, bei dem seine drei Anwesen in Orange County als Verschiebebahnhöfe fungiert hätten.

Unter den Substanzen, die Nicholas demzufolge nach Bedarf als "Erfrischungen", "Nachschub" oder "Partybedarf" en masse bewegt haben soll: Kokain, Heroin, Ecstasy. Sowie Vicoprofen und Diazepam, zwei als Lifestyle-Drogen szenebeliebte Betäubungsmittel.

Die Ankläger untermauern die Vorwürfe mit zahllosen, pikanten Details. So habe sich der dreifache Vater die Silvesterparty zum Millennium 1999/2000 mit rund 300 Ecstasy-Tabletten veredelt - was aus der Rechnung eines Drogenhändlers hervorgehe. "E" sei auch Nicholas' bevorzugtes Party-Doping bei öffentlichen Anlässen wie dem Woodstock-Revivalkonzert im Juli 1999 gewesen.

Als ein Drehkreuz der illegalen Aktivitäten habe Nicholas' Gestüt in Laguna Hills gedient. Das sitzt, wie er selbst einmal stolz einem Reporter vorführte, auf einem Labyrinth aus Tunneln und Geheimräumen, das er bauen ließ, während er mit seiner ahnungslosen Frau den 10. Hochzeitstag auf Hawaii feierte.

Sexpartys im "Ponderosa"-Lagerhaus

Es handele sich dabei um ein "Pumpenhaus", so Nicholas damals. Die Anklage enthüllt aber den wahren Zweck der Kavernen, samt Grotte, Geheimtüren, Weinkeller und Kellerbar ("Nick's Café"): Es sei eine Lasterhöhle gewesen, in der Nicholas seiner "manischen Besessenheit mit Prostituierten" gefrönt habe. Ähnliche Lustbarkeiten hätten sich in einem Lagerhaus zugetragen, genannt "Ponderosa", nach der Cowboyranch aus der TV-Serie "Bonanza".

Dort habe er auch diverse Geschäftsfreunde bewirtet, mit Drogen wie mit Frauen. Dem einen oder anderen, fügt die Anklage hinzu, habe Nicholas unbemerkt Ecstasy in den Drink gerührt, um ihn gefügig zu machen - darunter auch "Technologie-Manager und Repräsentanten, die für Broadcoms Abnehmer arbeiteten".

An Bord von Nicholas' Privatjets soll ebenfalls fleißig gekifft worden sein. Einmal, bei einem Flug von Orange County ins Zockerparadies Las Vegas, sei der Marihuana-Rauch in der Kabine so intensiv gewesen, dass der Pilot eine Sauerstoffmaske habe aufziehen müssen.

Das Schweigen seiner Mitwisser soll Nicholas sich erkauft haben. So habe er einem Ingenieur rund sieben Millionen Dollar zukommen lassen. Andere habe er mit Androhung von Gewalt und sogar Mord zum Stillschweigen gebracht.

Das feine Orange County steht angesichts dieser Lawine an Unappetitlichkeiten unter Schock. Nicholas war für seine Verdienste um den Bezirk und seine Spenden an Kliniken mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem "Orange County Titan Award". Wahre Lobeshymnen sangen der Buchführungskonzern Ernst & Young auf Nicholas - der einmal auch zum "Unternehmer des Jahres" gekürt wurde - und das "Time"-Magazin, das ihn 1997 in die "Top-50-Cyber-Elite der Welt" einreihte. Der schönste Preis aber war einer, den er 2005 erhielt - der "Ronald Reagan Award for Pioneering Achievement in Criminal Justice" für sein Engagement für Verbrechensopfer. Nicholas' Schwester war 1983 brutal ermordet worden.

An Nicholas' gutem Ruf hatte auch sein Großkotz-Gerede über seine Trinkfestigkeit nie kratzen können. Auch nicht der protzige Lamborghini Diablo Roadster, mit dem er herumraste. Oder sein Privattrainer, der sich rund um die Uhr in Bereitschaft halten musste.

Doch im Mai 2006 - Nicholas genoss längst das Leben des reichen Frühpensionärs - begann die Fassade abzublättern. Interne Buchprüfungen bei Broadcom ergaben Unstimmigkeiten bei den Aktienoptionen. Die Börsenaufsicht SEC schaltete sich ein. Im April dieses Jahres willigte Broadcom ein, zwölf Millionen Dollar zu zahlen, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. Die SEC legte dennoch Zivilklage gegen Nicholas, Samueli und Ruehle ein. Die Kriminalanklage des Geschworenengerichts war danach nur noch eine Frage der Zeit.

Nicholas begab sich schon kurz vor der Anklageerhebung zur Entziehungskur ins Betty Ford Center. Seine Scheidung ist weiter anhängig, Gattin Stacey hat das Sorgerecht für die Kinder beansprucht. Sollte er schuldig gesprochen werden, drohen ihm bis zu 360 Jahre Haft. Die Kaution brachte seine Mutter Marcella auf, indem sie ihr Haus verpfändete.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.