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Brutale Investoren: Wie KKR ein Unternehmen skelettiert

Von Nils Klawitter

Die US-Beteiligungsgesellschaft KKR macht sich in Deutschland breit: Nach Wincor Nixdorf übernahmen die Firmenhändler gerade den Turbinenhersteller MTU. Sie sehen sich als Reparaturbetrieb des Kapitalismus. Mitunter geht dabei einiges zu Bruch - wie im Fall Tenovis.

Tenovis-Chef Winn: Zustand mit schwerwiegenden Problemen
Tim Wegner

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Frankfurt am Main - Die selbst ernannten Retter von Telenorma kamen im Februar 2000. Sie hatten Blumen dabei und kleine Fähnchen, auf denen "We create a common future" stand. Sie trugen teure Hemden, deren Manschetten mit den Initialen ihrer Namen bestickt waren.

Wenn sie auf Betriebsversammlungen des Frankfurter Telefonanlagenbauers auftraten, sprachen sie so überzeugend von einem Neuanfang, dass Betriebsräte, die eine Zwischenfrage wagten, ausgebuht wurden. Die Retter waren Söldner der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR), eine der mächtigsten und berüchtigsten ihrer Art. Ihr Geschäft heißt Private Equity. Mit dem Geld ihrer Anleger kaufen sie Firmen, stutzen sie zurecht und verkaufen sie anschließend mit deftigem Gewinn. Meist funktioniert das. Mitunter geht dabei jedoch vieles zu Bruch.

"From brick to click"

Vor vier Jahren geriet die Bosch-Tochter Telenorma ins Fadenkreuz der Firmenhändler. Der Zündkerzenbauer war damals gerade aus dem Traum erwacht, groß ins Telekomgeschäft einzusteigen. Telenorma ging für 400 Millionen Dollar an KKR, die das Unternehmen in Tenovis umbenannten. Auch Namen sind Nachrichten. Der Mann, der damals die Fähnchen verteilte, war Peter Záboji, 60, ein früherer Siemens-Manager. KKR setzte Záboji nach der Übernahme als neuen Tenovis-Chef ein - als "einen 007 mit der gewissen Lizenz", wie Záboji sagt. Es war die Lizenz zum Kahlschlag. Unter Záboji verloren 2400 der 9000 Mitarbeiter ihren Job.

Manager Záboji: "Konfuse und ratlose Mitarbeiter"

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Wenn der gebürtige Ungar von Tenovis redet, hört es sich an, als erzähle er ein Märchen. Seine Lieblingsgeschichte heißt "From brick to click". Sie handelt von einem Prinzen, der eine schlafende Schönheit wachküsst - die alte Telefonfabrik Telenorma, die Záboji in seinem Märchen "brick" nennt. Der Prinz ist er selber und "click" die Zauberformel dafür, wie man fast alles, was in der Fabrik war, wegwerfen und trotzdem Geld verdienen kann. Záboji hat über dieses Wunder ein Buch geschrieben. Es heißt "Change!" und beschreibt, wie viel "Fun" Záboji bei seiner Arbeit hatte. Wie er "konfusen und ratlosen" Mitarbeitern zeigte, dass ihre Fabrik durch einen schlauen Investor in einen weltweit operierenden "service- und dienstleistungsorientierten Kundenmanager" in Sachen Telefonie verwandelt werden kann". Kurz: "Wie ein dahinsiechendes Unternehmen gerettet wird."

Legenden dieser Art wurden Záboji kurz vor seinem Antritt in London in Erinnerung gerufen. Im dortigen Regierungsviertel befindet sich das europäische Hauptquartier von KKR. Um auf dem Weg in die gediegenen Büros im fünften Stock keine Zeit zu verlieren, wurde in die Wand des Fahrstuhls ein Bildschirm eingelassen, auf dem Börsenfernsehen läuft. Záboji sollte verinnerlichen, mit wem er es zu tun hatte: Nicht mit einer Besatzungsmacht, sondern mit dem Reparaturbetrieb des Kapitalismus. Mit Rettern. Sie kümmerten sich schließlich um "Waisen" und waren "im Grunde Psychiater", hatte Firmengründer Jerome Kohlberg einmal ausgegeben.

Inventar der Republik im Visier

Kohlberg hatte das Unternehmen 1976 mit den beiden anderen Namensgebern gegründet. In den vergangenen 27 Jahren investierte die Firma über 114 Milliarden Dollar in 110 Unternehmen - Geld, das KKR vorher bei reichen Privatpersonen oder Pensionsfonds einsammelt. Dann wird häufig entlassen, umgebaut und ein bisschen zerlegt, bis das, was übrig ist, so schlank scheint, dass es mit fettem Gewinn verkauft werden kann. Die Investoren übernehmen nur Firmen, die in ihrem Segment zu den Branchenführern gehören und so gut verdienen, dass KKR selbst bei Engpässen Geld aus dem Unternehmen abziehen kann. Bis vor einigen Jahren operierten die Firmenhändler fast nur in den USA und Großbritannien, dann geriet Europa ins Fadenkreuz.

Kaufobjekt Wincor Nixdorf: KKR hat bisher 4,6 Milliarden Dollar in Deutschland investiert
DPA

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Seit die rot-grüne Bundesregierung die Unternehmen von Steuerzahlungen für Veräußerungsgewinne befreit und so die Schleusen für Übernahmen und Fusionen geöffnet hat, schielt KKR auch hier auf das Inventar der Republik: Die Amerikaner schnappten sich bereits Wincor Nixdorf sowie sieben Siemens-Töchter. Vor kurzem war der Turbinenhersteller MTU dran - 4,6 Milliarden Dollar hat KKR bislang in Deutschland investiert. Telenorma prüften die Amerikaner monatelang, ehe sie zugriffen.

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