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Brutale Rezession: Japans Firmen-Samurai verzweifeln an der Krise

Von , Tokio

Ein Land rutscht ab: Die technikverliebte Exportnation Japan leidet besonders heftig unter der globalen Wirtschaftskrise. Wer seinen Job verliert, hat oft keine Hoffnung auf Wiedereinstellung. Manche Verzweifelte setzen aus Scham über den Misserfolg ihrem Leben ein Ende.

Tokio - Der Mann lag voll bekleidet auf dem Bett seiner Wohnung in Osaka, friedlich, als schlafe er. Seine Haut war dunkelgrau verfärbt. Etwa einen Monat lang hatte der Tote hier gelegen, ohne dass ihn jemand vermisst hätte. Als die Ärzte ihn später obduzierten, staunten sie: Sein Magen war fast leer, der Mann war verhungert.

Obdachlose in Tokio: Rückkehr des kollektiven Alptraums
AP

Obdachlose in Tokio: Rückkehr des kollektiven Alptraums

Leer war auch der Kühlschrank seiner Wohnung. In einer Blechdose befanden sich nur ein paar Münzen - zu wenig, um damit eine Mahlzeit zu kaufen. Auf dem Fußboden lagen verstreut Magazine für Job-Suchende sowie ein vorgedruckter Bewerbungsbogen, auf dem der Mann noch seinen Lebenslauf eingetragen hatte.

Die Nachricht über den verhungerten Arbeitslosen von Osaka hat die zweitgrößte Industrienation der Welt unlängst aufgeschreckt. Das Extrem-Beispiel führte den Japanern vor Augen, wie schlecht ihr Sozialsystem für die Folgen der globalen Finanzkrise gewappnet ist; die globale Konjunkturflaute trifft das Exportland besonders hart.

Denn bei dem Hungeropfer handelte es sich nicht um einen vereinsamten Greis, sondern um einen offenbar arbeitswilligen 49-jährigen Computerfachmann. Bis Frühjahr 2007 hatte er als Entsendekraft in einer Bank gearbeitet. Doch wegen Krankheit musste er aufhören, und später war es ihm einfach nicht mehr gelungen, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.

Einbruch bei den Exporten

Die Job-Aussichten verdüstern sich zunehmend. Im Februar fielen die Exporte gegenüber dem Vorjahr um fast 50 Prozent. Und weil immer mehr Japaner um ihre Arbeitsplätze bangen, brach der heimische Konsum regelrecht ein. Im vergangenen Fiskaljahr, das am 31. März endete, gingen mehr als 16.000 Firmen pleite - über zwölf Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahrs.

An der Tokioter Börse haben sich die Aktienkurse seit Mitte März zwar erholt - vergangene Woche kletterte der Nikkei-Index Chart zeigen wieder über 9000 Punkte. Doch in Kürze werden Nippons Konzerne ihre Bilanzen vorlegen, neue Horrorzahlen sind zu erwarten, und der Schock darüber könnte die Börse erneut nach unten reißen.

Plötzlich versinkt Japan wieder im kollektiven Alptraum, aus dem es seit 2002 glücklich erwacht zu sein glaubte: Mit dem längsten Aufschwung der Nachkriegszeit schien das Inselland die schwere Krise endlich überwunden zu haben, in die es seit der geplatzten Wirtschaftsblase der späten achtziger und frühen neunziger Jahre geschlittert war.

Erinnerung an das "verlorene Jahrzehnt"

Doch nun erinnert vieles wieder an die lange, zähe "Japan-Krise", an Nippons "verlorenes Jahrzehnt". Anders als damals kam der Anstoß für die Misere diesmal zwar von außen, aus den USA. Und im Vergleich zu westlichen Banken standen Japans Institute zunächst geradezu blendend da. Einige Geldkonzerne kauften sich gar mit ihren stolzen Rücklagen bei den angeschlagenen Wall-Street-Wettbewerbern ein.

Doch die anfängliche japanische Schadenfreude, dass es diesmal die Amerikaner erwischte, ist längst dem eigenem Entsetzen gewichen: Japan spürt nun schmerzhaft, wie gefährlich einseitig seine Industrie von Exporten abhängt.

Denn weil Europäer und Amerikaner kaum noch Autos oder Flachbildschirme "Made in Japan" kaufen, verpuffte der Boom. Und auch China, die benachbarte Weltfabrik, drosselte massiv die Einfuhr japanischen Hightech-Zubehörs, die seine Arbeiterheere sonst billig zu Computern oder Handys montieren.

Die Firma, die zum Symbol der neuen Krise wurde, heißt Toyota Chart zeigen. Vor gut einem Jahr hatte Japans Vorzeigekonzern noch einen Rekordgewinn von 2,27 Billionen Yen verkündet. Mit "Nichts ist unmöglich" warb der Autoriese, doch nun klingt der PR-Spruch auf andere, makabre Weise real: Für das abgelaufene Geschäftsjahr, das am 31. März endete, rechnet Toyota Chart zeigen mit einem Minus von 350 Milliarden Yen, dem ersten Netto-Verlust seit 1950.

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Forum - Wie meistert Japan die Krise?
insgesamt 83 Beiträge
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1.
capu65, 09.03.2009
Zitat von sysopDie Exportnation Japan ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wie schlimm wird die Krise für das Industrieland?
Ein Land, welches wie Deutschland, von Autokonzernen abhängig ist, wird es sehr schwer haben. Aber die Frage an sich verstehe ich schon nicht mehr. SPON, wir haben eine Weltwirtschaftskrise, die schlimmste Rezession seit 80 Jahren. Was ist es da besonderes, wenn der Nikkei-Index auf den Stand von vor 26 Jahren abstürzt.
2.
Hartmut Dresia, 09.03.2009
Zitat von sysopDie Exportnation Japan ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wie schlimm wird die Krise für das Industrieland?
Japan ist mit seiner verlorenen Dekade und seiner aktuellen Situation eine Warnung und Mahnung für Deutschland, die ganz offensichtlich von Regierung und Parlament ignoriert wird. Studiert man die Entwicklung Japans, dann wird umso klarer: Wir brauchen dringend ein Soziales Konjunkturprogramm (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/).
3. Armes Japan.
mooksberlin, 09.03.2009
Zitat von sysopDie Exportnation Japan ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wie schlimm wird die Krise für das Industrieland?
Ich denke mal sehr schlimm. Ich habe insgesamt 8 Jahre in Japan gelebt und gearbeitet und mich immer gefragt wieso die Nation so wohlhabend und erfolgreich ist. Man hat jahrelang die Infrastruktur vernachlässigt, hat seine Märkte noch immer nicht geöffnet und die Managementstrukturen sind total veraltet. All das rächt sich jetzt, da man sich auf wenige Branchen ( Automobil/Unterhaltungselektronik/Maschinen) konzentriert hat und diese extrem vom Export abhängen. Zudem hat man der jungen Generation durch niedrige Löhne und Zeitvertäge keine Zukunft geboten und diese halten sich dementsprechend mit Ausgaben und Investitionen zurück. Die ältere Generation hat meist gute Ersparnisse, da man durch sparsames Leben und guten Verdienst ordentlich etwas zurücklegen konnte, doch auch sie konsumieren in Krisenzeiten weniger. Ein weiteres Handicap ist der erstarkte Yen, der japanische Waren im Ausland verteuert, wodurch Exporte nicht mehr konkurrenzfähig sind. Fazit, für Japan sehe ich sehr, sehr schwarz !
4. Japan = Deutschland
Erwartungswert 09.03.2009
Japan befindet sich auf direktem Weg in die Depression, und das wissen die Japaner auch - während sich in Deutschland immer noch eine Mehrheit in Verweigerungshaltung zu der bitteren Wahrheit befindet. Es ist nicht mehr die Zeit, Geld für sinnlose Konsumgüter aus dem Fenster zu werfen, sondern sich schleunigst auf Versorgungsengpässe einzustellen. Japan hat im Januar bereits fast 13% Rückgang der Wirtschaftsleistung auf Jahresbasis verzeichnet, und minus 46% bei Exporten die fast die Hälfte der Wirtschaft ausmachen. Nun, in Deutschland werden ähnliche Produkte hergestellt wie in Japan (Autos, Maschinen, Chemie - nur die Unterhaltungselektronik fehlt zum Glück), und man MUSS sich hier auf ähnlich verheerende Rückgänge in den nächsten Monaten einstellen, und das bedeutet Massenarbeitslosigkeit. Die Meldung von dem dramatischen 46% Prozent-Rückgang wurde ja von den deutschen Medien (Tagesschau etc) nur am Rande erwähnt, damit ja keine Sorge in der heiteren Karnevalszeit aufkommt... und die überraschung dann bald umso grösser ist (?!).
5. Japans fragile Wirtschaft
normalino 09.03.2009
Zitat von sysopDie Exportnation Japan ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wie schlimm wird die Krise für das Industrieland?
Die Wirtschaftskrise fördert weltweit nur zu Tage, was sich schon seit Jahren eingeschlichen hat. Viele Unternehmen habe eine viel zu dünne Kapitaldecke, so dass schon ein kleiner Umsatzeinbruch ausreicht, um das Unternehmen in die Insolvenz zu reiten. Börsenkurse sind immer nur nach oben getrieben worden, um Anleger glücklich zu machen und haben keinen wirklichen Gegenwert der jeweiligen Unternehmen dargestellt. Das alles hätte noch Jahre lang gut gehen können, aber die Wirtschaftskrise offenbart nun die Schwächen der Systeme und der einzelnen Unternehmen. Japan wird noch recht hart die Auswirkungen zu spüren bekommen, weil das Land und die Gesellschaft sich langsamer entwickelt haben als die Aktienkurse, vielleicht könnte dieses Land von allen Industrienationen sogar am fatalsten betroffen werden.
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