Buch "Die Weisheit der Vielen" Pöbel schlägt Einstein

Ein neues Buch des US-Autors James Surowiecki kratzt am Mythos, dass begabte Einzelne klügere Entscheidungen treffen als Gruppen. Oft, so zeigt er, handeln Menschen im Kollektiv bemerkenswert schlau - und lösen auch schwierige Fragen wie etwa das Auffinden der Position eines gesunkenen U-Boots.

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Hamburg - In den späten fünfziger Jahren stellte der amerikanische Professor Thomas C. Schelling einer Gruppe von Jura-Studenten eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Jeder von ihnen sollte sich vorstellen, er sei in New York mit einer zweiten Person zu einem Treffen verabredet. Dummerweise war den Probanden allein das Datum des Stelldicheins bekannt - die genaue Uhrzeit und der Ort jedoch nicht.

Wo also würden sich die Hochschüler einfinden und zu welcher Zeit? Man sollte meinen, dass sie in der Millionenmetropole mit abertausenden Möglichkeiten hoffnungslos aneinander vorbeiirren müssten.

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Das Gegenteil ist richtig. Das Gros der Juristen in spe löste das Problem exakt auf dieselbe Weise: Sie beschlossen, am ausgemachten Tag um Punkt 12 Uhr mittags am Infostand des Hauptbahnhofs Grand Central zu erscheinen. Mit anderen Worten: Wenn man zwei Studenten an entlegenen Ecken Manhattans aussetzen und beauftragen würde, einander ohne weitere Absprache zu finden - dann stünden die Chancen gut, dass sie bald zusammen in einem Bahnhofsrestaurant lunchen.

Absage an den Geniekult

Schellings Studien über die oft verblüffenden Formen - und die Grenzen - zwischenmenschlicher Zusammenarbeit haben dem inzwischen 84-jährigen Emeritus vergangene Woche den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften eingebracht. Neben mehreren Generationen von Spieltheoretikern in aller Welt haben sie auch den US-Autor Surowiecki geprägt, dessen Buch "Die Weisheit der Vielen" soeben erstmals auf Deutsch erschienen ist.

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Der in Brooklyn lebende Finanzjournalist nutzt die Grand-Central-Anekdote und ähnliche Gedankenexperimente Schellings als Beleg für seine These, dass "Gruppen klüger sind als Einzelne". Viele von uns nähmen instinktiv an, schreibt Surowiecki, dass Experten und wenige Hochbegabte nicht nur über mehr Spezialwissen verfügen - sondern auch zuverlässig bessere Entscheidungen treffen als Gruppen von Durchschnittsbegabten.

Tatsächlich seien aber Teams von wahllos zusammengewürfelten Menschen dank ihrer "kollektiven Intelligenz" in der Lage, erstaunlich komplexe Probleme zu lösen - und meist sogar besser als selbst die gescheitesten Einzelpersonen in ihrer Mitte. Anhänger des Genie-Kults werden "Die Weisheit der Vielen" nicht mögen. Fans möglichst weitgehender Demokratieauslegungen bekommen dadurch neue Argumentationshilfen.

Das Publikum weiß es

Surowiecki hat in seinem Buch nicht nur Erkenntnisse der Spieltheorie, sondern auch Ideen aus Disziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie und Behavioral Finance eingearbeitet. Gleichwohl bleibt die Lektüre des 350-Seiten-Wälzers kurzweilig, weil der Autor vielerlei Histörchen, Anekdoten und Alltagsbeobachtungen ausbreitet, um seine Ideen zu untermauern.

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Da weist er darauf hin, dass das Saalpublikum in "Wer wird Millionär?" noch so abwegige Wissensfragen per Mehrheitsvotum durchgängig zuverlässiger beantwortet als die "Experten", die von den Quiz-Kandidaten per Telefon um Rat ersucht werden. Oder er erinnert daran, dass angeblich geniale CEOs, die am liebsten alles allein regelten, einige der spektakulärsten Fehleinschätzungen der Wirtschaftsgeschichte zu verantworten haben - wie zum Beispiel "Wer zum Teufel will schon Schauspieler sprechen hören?" (Harry Warner von Warner Brothers).

Besonders eindrucksvoll lesen sich die Beispiele, in denen die "Wisdom of Crowds" (so der US-Originaltitel) fast schon mysteriöse, schwer fassbare Züge annimmt. So schildert Surowiecki die Suche nach dem amerikanischen U-Boot "Scorpion", das 1968 aus ungeklärter Ursache im Atlantik verunglückte.

Weil sie nur eine vage Ahnung von der Position des havarierten Bootes hatte, suchte die Marine zunächst in einem Umkreis von 20 Seemeilen in großer Tiefe - eine fast hoffnungslose Aufgabe. Da trommelte der Marineoffizier John Craven verschiedene Experten - Mathematiker, Bergungsspezialisten - zusammen und bat sie, je einen Tipp abzugeben und so auf die richtige Position zu "wetten".



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