Buchbesprechung Rettungsplan für die Globalisierung

Globalisierungskritiker Harald Schumann ist zum Optimisten avanciert: Zwölf Jahre nach der "Globalisierungsfalle" haben er und die Journalistin Christiane Grefe einen neuen Lagebericht der Welt vorgelegt. "Der globale Countdown" ist erschreckend und hoffnungsvoll zugleich.

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Ausgerechnet Horst Köhler! Dass ihm der Bundespräsident einmal die Schau stehlen könnte, hätte sich der Globalisierungskritiker Harald Schumann nun wirklich nicht träumen lassen. Doch kurz bevor der Autor des Bestsellers "Die Globalisierungsfalle" sein neues Buch "Der globale Countdown" vorstellte, meldete sich das deutsche Staatsoberhaupt zu Wort - mit einem Beitrag, der ihm einer Ehrenmitgliedschaft bei Attac verdächtig nahe bringt. "Die Finanzmärkte sind Monster", wetterte Köhler. Banker und Börsianer hätten die Weltmärkte an den Rand des Ruins getrieben. Überraschende Sätze eines Mannes, der einst als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Geldströme der Welt beeinflusste.

Nur wenige Tage vorher hatte der Herrgott der Finanzwelt höchstpersönlich mit ähnlich artfremden Äußerungen aufgewartet: US-Notenbankchef Ben Bernanke forderte den Kongress auf, in der Finanzkrise gegenzusteuern. Das Unaussprechliche war ausgesprochen: Der Staat soll den Markt retten! In den USA - und anderswo! Auf der anderen Seite des großen Teichs hatte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann mit der Äußerung für Aufsehen gesorgt, er glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes.

Ein biblisches Wunder: Die Magier der globalen Finanzwelt reden plötzlich wie ihre linken Kritiker.

Für Schumann ist diese Bankrotterklärung der Marktgläubigen eine später Wiedergutmachung. Als er vor zwölf Jahren in der "Globalisierungsfalle" "die Wiederherstellung des Primats der Politik über die Wirtschaft" forderte, stempelten ihn die Neoliberalisten als Verhinderer und politisch Vorgestrigen ab.

Nun hat er mit seinen Analysen weitgehend Recht behalten. Doch statt sich dieser Genugtuung hinzugeben, ist der Reporter des Berliner "Tagesspiegels" und Ex-Politikchef von SPIEGEL ONLINE sowie SPIEGEL-Redakteur längst weiter gezogen. Zusammen mit Christiane Grefe legt er in "Der globale Countdown" einen fulminanten Bericht zur Lage der Welt und ihrer Wirtschaft vor - bissig, brillant recherchiert und so voller Fakten, dass ein Leser danach keine platte Stammtischweisheit im Stil von "der Markt hat immer Recht" mehr unpariert über sich ergehen lassen muss.

Unauflösbar verflochten - im Guten und im Schlechten

Wer weiß schon, dass die fünf größten Wall-Street-Banken ihren Mitarbeitern zu Weihnachten 2006 eine Gratifikation von 50 Milliarden Dollar ausschütteten? Dass eine Millionen Deutsche Ende 2007 staatliche Hilfe in Anspruch nehmen mussten, obwohl sie arbeiten? Dass Microsoft jährlich 500 Millionen Dollar an Steuern spart, weil sie ihre Lizenzeinnahmen über eine irische Tochtergesellschaft leiten? Und dass die chinesische Zentralbank über 1,5 Billionen Dollar an Anlagevermögen im Ausland hat - und damit eine potentielle Dollarbombe besitzt?

Spannend, verständlich und mit viel Liebe zum Detail sezieren Schumann und Grefe die drängenden Weltprobleme. Wie in einem Wirtschaftskrimi liest sich, wie die Finanzmärkte ganz allmählich in die Anarchie abdrifteten. Die Autoren analysieren den Ressourcenkrieg in der Welt, belegen das globale Verteilungsproblem am Beispiel der Verarmung der Mittelschichten. Aufsehenerregend ist die Beschreibung des Aufstieg Chinas als "Machtbeben". Vor allem, weil sich die Autoren dem populistischen Angstreflex widersetzen, protektionistische Forderungen zu stellen - wie etwa, sich durch die Schaffung von Freihandelszonen vor der Konkurrenz abzuschotten.

Denn nach Jahrzehnten der Globalisierung ist die Welt unauflösbar verflochten, im Guten und im Schlechten.

So lautet denn die zentrale These der Autoren: "Die Menschheit steht am Scheideweg. Entweder die Welt findet den Weg zur globalen Kooperation, oder sie wird in gewalttätigen Konflikten versinken." Das System könne nur stabil bleiben, wenn es gelingt, die drei großen Zukunftsaufgaben gleichzeitig zu bewältigen: die Bändigung der globalen Finanzindustrie, die Überwindung der Massenarmut in den armen und der sozialen Spaltung in den reichen Ländern, und die Ersetzung der fossilen und nuklearen Ressourcen durch erneuerbare Energiequellen.

Die Autoren des "Globalen Countdown" sind guter Dinge, dass das gelingt. Tatsächlich ist der neoliberale Konsens vom Glauben an die Allmacht des Marktes zerbrochen, tatsächlich hat ein globales Umdenken begonnen, das weit über Attac, Greenpeace oder WWF hinausgeht. Nun sei "der Weg frei zur Re-Regulierung der Weltwirtschaft im Interesse aller".



insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Albedo4k8, 23.07.2007
1.
Nicht viel! Solange die Globalisierung sich auf rein wirtschaftliche Weise vollzieht und nicht auf Problemloesungen fuer die globalen Probleme die wir haben. Den dort wird leider immer noch hauptsaechlich lokal gedacht.
Kapaun 23.07.2007
2.
Zitat von sysopÖkonomen und Politiker verweisen auf fallende Zollschranken und die Vorzüge internationaler Handelsströme hin - Globalisierungsgegner auf die wachsenden Unterschiede zwischen arm und reich. Was glauben Sie - überwiegen bei der Globalisierung die Vor- oder Nachteile?
Eine sinnlose Frage. Ebenso könnte man sich über die Vor- und Nachteile von Regenwetter oder Sonnenschein unterhalten. Zudem kommt es drauf an, für wen. Für die Zweite und Dritte Welt überwiegen freilich ganz klar die Vorteile - was sich die Herren Globalisierungskritiker mal hinters Ohr schreiben sollten.
DJ Doena 23.07.2007
3.
Der Haken ist doch, dass die Industrie die Globalisierung ganz toll findet. Wenn der Verbraucher das aber machen will (DVDs aus Amerika; Musik aus Russland), dann ist das ganz furchtbar böse und muss mittels Handelsrestriktionen (á la Regioncodes) unterdrückt werden, weil kann ja nicht angehen, dass der Kunde seine Produkte billiger bei Paramount USA erwirbt und nicht bei Paramount Deutschland.
Perleberger, 23.07.2007
4.
Zitat von KapaunEine sinnlose Frage. Ebenso könnte man sich über die Vor- und Nachteile von Regenwetter oder Sonnenschein unterhalten. Zudem kommt es drauf an, für wen. Für die Zweite und Dritte Welt überwiegen freilich ganz klar die Vorteile - was sich die Herren Globalisierungskritiker mal hinters Ohr schreiben sollten.
"Die Globalisierung" wird von Menschen gemacht und gesteuert - ganz im Gegensatz zum Wetter. Zollschranken fallen seit 150 Jahren, die Insdutrialisierung nimmt exponential zu und internationale Handelsströme gibt es seit Jahrtausenden - nur die Geschwindigkeit der Transportmittel wächst. Alles in allem ein Kunstwort, um Verantwortung zu verschleiern und das Nachdenken über geordnetere Formen zu vernebeln.
vorsteuerzahler 23.07.2007
5. Globalisierung bitte ohne Subventionierung
Zitat von KapaunEine sinnlose Frage. Ebenso könnte man sich über die Vor- und Nachteile von Regenwetter oder Sonnenschein unterhalten. Zudem kommt es drauf an, für wen. Für die Zweite und Dritte Welt überwiegen freilich ganz klar die Vorteile - was sich die Herren Globalisierungskritiker mal hinters Ohr schreiben sollten.
Zustimmung - die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Aber ebenso wenig lässt sich sagen, dass die G. für die zweite und dritte Welt von Vorteil sei. In den gemeinten Ländern gibt es klar auch Verlierer der G. Ob es jetzt mehr Verlierer als Gewinner sind, auch das lässt sich nicht eindeutig sagen. Ich erinnere mich an Bilder von Märkten afrikanischer Länder, wo dank Globalisierung holländische Zwiebeln und andere europäische Agrarprodukte zu Preisen angeboten wurden, mit denen die einheimischen Bauern nicht mithalten konnten - dank der großzügigen Subventionierung der EU-Landwirte. Das ist für mich dann Globalisierung verkehrt.
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