Von Rüdiger Klepsch
In Deutschland gelten fünf Prozent der lohnabhängig Beschäftigten als alkoholkrank oder zumindest alkoholabhängig. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dazu eigentlich alles gesagt: Alkohol schädigt die Organe, die Seele leidet, soziale Kontakte können nicht mehr gepflegt werden. Jedes Jahr sterben 42.000 Menschen direkt und 74.000 Menschen indirekt durch Alkoholgenuss. Aber was heißt das für das Berufsleben?
Studien zeigen: Ein alkoholkranker Mitarbeiter erbringt nur drei Viertel seiner Leistung, ist vier Mal so häufig in Unfälle verwickelt wie andere und fast drei Mal so häufig krank. Generell sind Suchtprobleme durch alle Hierarchieebenen präsent. Aber was soll man tun, wenn ein Kollege offensichtlich gefährdet ist?
Wenn jemand permanent mit Fahne über den Flur geht, eventuell sogar torkelt oder mit Restalkohol vom Vortag einen Unfall baut, dann ist für die meisten klar: Jetzt muss gehandelt werden. In solchen drastischen Fällen wird das Aktivwerden der Vorgesetzten oder der Kollegen fast schon erzwungen. Entgiftung, psychotherapeutische Behandlung oder/und Selbsthilfegruppe sind quasi Pflicht.
Viel schwieriger ist der Umgang mit dem Kollegen X, der seinen Job macht, aber häufig mal eine Fahne hat, unkonzentriert wirkt, bei Betriebsfeiern aus dem Rahmen fällt, eventuell häufiger einmal fehlt. Er ist auffällig, aber keiner sagt etwas. Oder wenn etwas gesagt wird, dann hinter seinem Rücken.
Man möchte nicht zum Moralapostel werden oder zum Cognac-Sheriff des Betriebs. Andererseits möchte man auch nicht die Schuld auf sich nehmen, mitverantwortlich zu sein für einen Wegeunfall oder den kontinuierlichen Abstieg der Familie des betreffenden Kollegen.
Falsch verstandenes Mitleid
Die Frage ist also: Was kann ich als Kollege tun? Auf keinen Fall darf man zum Co-Alkoholiker werden. Aus Mitleid und falsch verstandenem Teamgefühl versuchen manche, die Fehler, die aus dem Verhalten des alkoholkranken Kollegen entstanden sind, aufzufangen. Sie meinen es gut. Doch der Effekt für den Betroffenen ist in der Regel negativ.
Stattdessen muss man das Problem ansprechen - so schwer das fällt. Natürlich möchte man sich nicht in private Angelegenheiten einmischen. Aber die eigenen Beobachtungen zurückzumelden, kann ein Aufwachen auslösen. Sicher wird das einmalige Ansprechen keine plötzliche Wende erzwingen, aber wenn besorgte oder kritische Rückmeldungen sich häufen und diese von allen Seiten kommen, wächst der Druck.
Damit der Druck nicht zu noch mehr Alkoholmissbrauch führt, müssen Hilfen aufgezeigt werden. Beratungsstellen oder auch Hausärzte können den entscheidenden Sprung zur angemessenen Behandlung bahnen.
Mitarbeiter und Vorgesetzte müssen zusammenarbeiten. Für alle gilt: Die Beobachtungen ansprechen ist der erste Schritt. Hier geht es um konkrete Verhaltensbeobachtungen, also keine Vorwürfe, Diagnosen oder Interpretationen. Die Kollegen sollten nichts weiter tun, als ihre Eindrücke vertraulich unter vier Augen anzusprechen und ihre Beobachtungen direkt zurückzumelden. Kollegen-Freunde können dies tun und darüber hinaus ihre große Besorgnis zum Ausdruck bringen.
Vorgesetzte können mit Entlassung drohen
Vorgesetzte sollten in einem ersten Vier-Augen-Gespräch ihre konkreten Beobachtungen darstellen und organisierte Hilfe anbieten, aber auch - je nach Tragweite der Ereignisse - mit Abmahnung oder Entlassung drohen (konstruktiver Druck), wenn in der Zukunft bestimmte Verhaltensvereinbarungen nicht eingehalten werden. Der Betroffene diagnostiziert sich danach selbst: Gelingt es ihm, die Vereinbarungen einzuhalten, kann er sich noch selbst lenken. Ist das nicht der Fall, versteht auch der Mitarbeiter selbst, dass er Hilfe von außen braucht.
Zwei Dinge sind auf jeden Fall klar:
Im Umgang mit Suchtproblemen lassen sich viele größere Unternehmen coachen. Meist haben sie über Betriebsvereinbarungen einen Maßnahmenkatalog für Mitarbeiter mit Alkoholproblemen vereinbart. Das schafft Sicherheit und Klarheit für alle Beteiligten. So kann schnell reagiert werden, ohne dass der Eindruck entsteht, man wolle sich von einem Mitarbeiter trennen. Der Unterstützungs- und Hilfeaspekt steht im Vordergrund. Wenn der Betreffende nicht bereit ist, sich behandeln zu lassen, hat der Arbeitgeber als Hebel immer noch die Drohung mit der Kündigung.
Was nur wenige wissen: Wer sich seiner Sucht stellt, hat gute Aussicht auf Erfolg: Mehr als die Hälfte derjeigen, die sich in Behandlung begeben, schaffen es. Der Aufwand lohnt also.

Jeder kennt sie, die kleinen Ärgernisse des Büroalltags. Die Kollegen tratschen statt zu arbeiten, der Chef hat von Tuten und Blasen keine Ahnung - und für Sauberkeit in der Kaffeeküche fühlt sich keiner zuständig.
Wenn es Ihnen ähnlich geht, dann schildern Sie uns Ihre Bürosorgen per Mail , gern auch anonym. Managementberater Dr. Rüdiger Klepsch nimmt sich des Problems an - und gibt Tipps, wie Sie die Situation am besten meistern.
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