Büro-Alltag Mein Chef brüllt mich an - was soll ich tun?

Miese Stimmung im Büro: Der Chef rastet bei jeder Kleinigkeit aus, brüllt Mitarbeiter wahllos an. Wie geht man mit dieser Situation um? Darf man zurückschreien - oder sollte man den Raum verlassen? Managementberater Rüdiger Klepsch gibt praktische Tipps.

Gestresster Chef: Zurückbrüllen ist riskant
Corbis

Gestresster Chef: Zurückbrüllen ist riskant


Manche Chefs sind Naturtalente und füllen ihre Rolle vom ersten Tag an aus. Andere sind befördert worden, weil sie gute Fachleute sind - doch von Mitarbeiterführung haben sie keine Ahnung. Mit Menschen und Emotionen können sie oft nicht umgehen.

Einige solcher Chefs vertiefen sich in fachliche Details, denn da sind sie sicher. Andere, leicht "aufregbare" Menschen jedoch fangen schnell an zu brüllen, um die Situation im Büro - scheinbar - in den Griff zu bekommen. Es handelt sich in der Regel um Menschen, die sich leicht gestresst fühlen.

Unter Stress geschieht sehr viel im Körper: Blut verdickt sich, um bei Verletzungen schneller zu verschorfen. Das Blut wird aus dem Großhirnbereich "abgesaugt" und sammelt sich in den Muskeln. Zwar sind diese dann kampfbereit, nur werden sie gar nicht gebraucht. Aber der größte Nachteil ist: Es kann nicht mehr vernünftig gedacht werden. Entsprechend engstirnig ist die Argumentation.

Die Frage ist nun: Wie sollen Mitarbeiter reagieren?

Was Sie auf keinen Fall tun sollten:

  • Zeigen Sie nicht, dass Sie ins Schwitzen kommen: Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird (Laotse).
  • Lautstark mitstreiten ist genauso hilflos. Einer muss den Überblick behalten.
  • Zurückbrüllen ist riskant, insbesondere wenn die Machtverhältnisse eindeutig sind.

Was Sie tun können:

  • In keinem Arbeitsvertrag steht, dass man sich anbrüllen lassen muss!
  • Aber: In den meisten Fällen hilft Ruhe bewahren, Blickkontakt halten.
  • Lassen Sie Ihren Chef explodieren. In der Regel verpufft die Aufregung nach einigen Minuten.
  • Wenn jedoch Ihre persönliche Schmerzgrenze überschritten wird: Stehen Sie auf. Informationen fließen in einem Gespräch zu 80 Prozent über nonverbale Signale.
  • Sagen Sie zum Beispiel: "Es tut mir leid, wenn Sie sich über diese Sache aufregen. Aber wir müssen damit rational umgehen. Vielleicht sollten wir uns eine Stunde Pause gönnen und dann noch einmal darauf zurückkommen."
  • Oder noch kürzer: "Über die Inhalte jederzeit, auch jederzeit kritisch, aber nicht in diesem Ton."
  • Oder: "Inhaltlich höre ich mir alles an, aber nur, wenn der Ton stimmt!"

Für beide Beteiligten gilt:

Einmal aus der Situation raus, gehen Sie in eine ruhige Ecke und beginnen Sie langsam von 20 rückwärts zu zählen. Klingt komisch, funktioniert aber. So fahren Sie das Stresslevel herunter. Nach einer gewissen Zeit können Sie wieder vernünftig denken.

Mitarbeiter sollten bedenken: Auch die "Brüllaffen" leiden. Schließlich untergräbt jeder Ausraster die Autorität. Und sich hinterher immer wieder entschuldigen zu müssen, macht nicht wirklich Freude.

Chefs sollten bedenken, dass sie durch das Verbreiten von Angst keine Autorität aufbauen können. Angst ist ein Kreativitätskiller, und ein prima Klima rückt in weite Ferne.

Wenn Sie zu Schreianfällen neigen und ein echtes Interesse haben, Ihr Verhalten zu ändern, gilt es sich zu entschleunigen. Das gelingt durch genaue Selbstbeobachtung: Was für Gedanken, Körpergefühle gehen einem Wutausbruch voraus? Diese werden dann zu Ihren persönlichen Helfern. Immer, wenn Sie die Signale wahrnehmen, heißt es, die Situation von sich aus zu unterbrechen oder zumindest sich zu zwingen, mehrere Male tief auszuatmen, um den Fluss des bisherigen Verhaltensmusters zu durchbrechen. Das gilt es, möglichst häufig zu üben. Dieses Umlernen entlastet aber nicht davon, alternative Führungstechniken zu erlernen, damit das Schreien erst gar nicht mehr benötigt wird.

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Jeder kennt sie, die kleinen Ärgernisse des Büroalltags. Die Kollegen tratschen statt zu arbeiten, der Chef hat von Tuten und Blasen keine Ahnung - und für Sauberkeit in der Kaffeeküche fühlt sich keiner zuständig.

Wenn es Ihnen ähnlich geht, dann schildern Sie uns Ihre Bürosorgen per Mail , gern auch anonym. Managementberater Dr. Rüdiger Klepsch nimmt sich des Problems an - und gibt Tipps, wie Sie die Situation am besten meistern.

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
autocrator 16.07.2010
1. treuherzig
was für treuherzige tipps! in der wirtschaft herrscht ein klima der angst: jeder angestellte weiss: jeglicher widerstand gegen den vorgesetzten hat zur folge, dass man auf die unsichtbare schwarze liste landet, auf der diejenigen mitarbeiter draufstehen, die bei der nächsten entlassungswelle rausgekickt werden. (und wenn das nicht hilft: irgend ein bagatell-grund lässt sich immer konstruieren. allerschlimmstenfalls zahlen die arbeitgeber sogar freiwillig die abfindung, unter'm strich hat sich die ausbeutung trotzdem gelohnt.) die jungen sind (i.d.R.) als persönlichkeit noch nicht reif genug, und die älteren haben schlicht angst vor hartz4. Dass über 60% der angestellten die innere kündigung vollzogen haben, ist da folgerichtig logisch -und merkt man auch daran, welch qualität an arbeit und service-leistungen in unserer bananenrepublik inzwischen (noch) erbracht werden.
dotd, 16.07.2010
2. ...
Was für ein Einstieg in den Artikel: "Es gibt Menschen die sind zum Chef sein geboren und es gibt gute fachlich qualifizierte Leute, die sowas einfach nicht können". Darum gibt es so viele Leute in Führungspostionen die vom Business keine Ahnung haben und in niedrigener Positionen nur wenig getaugt haben. Natürlich ist ein Chef in erster Linie dazu da Chef zu sein, aber leider habe ich mich in meinem Leben oft mit Chefs konfrontiert gesehen, die auf Grund ihrer Position dem Fachmann vorschreiben wollten wie etwas funktioniert / zu tun ist, an statt ihrer koordinierende Rolle wahrzunehmen und sich bei Entscheidungen auf Fachleute zu stützen. Für Chefs die Mitarbeiter anschreien, beleidigend werden, ein Klima der Angst schaffen oder aktiv an Mobbing beteiligen gibt es nur eine Lösung. Der Arbeitnehmer muss kündigen und sich etwas Neues suchen.
Maclane, 16.07.2010
3. Re
Brüllende Chefs hatte ich schon so einige in meiner Zeit als Arbeitnehmer. Da hilft nur cool bleiben. Je lauter der Chef wird umso ruhiger muss man selber werden. Sich allein darauf konzentrieren, aus dem ganzen Geschrei die wichtigen Informationen rauszuziehen. Das muss das einizige sein, was man in so einer Situation im Kopf hat. Und immer wieder Fragen stellen, wenn was unklar geblieben ist (und das ist bei Brüllaffen fast immer so). Zeigen, dass man sich NUR für die Sache interessiert, aber das Gebrülle einen nicht tangiert. ;-) So kriegt man sie alle wieder runter und verschafft sich Respekt. Wenn dagegen ein cholerischer Chef merkt, dass der MA Angst hat, dann beflügelt es seinen Jagdtrieb erst so richtig. Ich hab meinen Chefs damals immer geantwortet: "Sie können hier schreien wie sie wollen, sogar mit der Faust auf den Tisch schlagen... solange irgendwo da drin eine Information steckt, die mich weiterbringt, hab ich kein Problem damit." oder auch: "Wie Sie Informationen verpacken, spielt keine Rolle. Hauptsache ich krieg die Informationen, die ich brauche, um das Problem zu lösen." Danach wird das mit der Schreierei immer seltener... versprochen. ;-)
zynik 16.07.2010
4. beratung
Zitat von sysopMiese Stimmung im Büro: Der Chef rastet bei jeder Kleinigkeit aus, brüllt Mitarbeiter wahllos an. Wie geht man mit dieser Situation um? Darf man zurückschreien - oder sollte man den Raum verlassen? Managementberater Rüdiger Klepsch gibt praktische Tipps. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,706361,00.html
Das geht auch ohne Managementberater Rüdiger Klepsch: Kündigen. Krieg ich jetzt auch ein Beratungshonorar?
RealMash 16.07.2010
5. Mal wieder am Punkt vorbei...
Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Arten von Brüllern: Choleriker, die spulen sich immer weiter auf während sie Brüllen. Die mal kräftig und sachlich niedergebrüllt, und es geht. Hatte ich in einer Start-Up Firma. Folge: Die Kollegen haben mir Vorgeschlagen den Chef jeden Morgen niederzubrüllen dann wäre er leichter handlebar. Ich hab vorgeschlagen das jeden Morgen ein anderer reingeht um das zu machen, ich hätte schon. Keiner hatte die eier dazu. Angstbrüller: Die brüllen weil sie durch Ereignisse ihre Position gefährdet sehen. Hatte ich auch, ich habe immer leiser geredt und gesagt das ich mich postwendend um das Problem kümmere. Da hätte jemand worst case für vor dem Vorstand stehen können...war schnell geklärt, war ein Missverständnis, hat sich bei mir entschuldigt, nach eine Jahr in Bonn und der Schweiz arbeite ich mal wider für denselben Chef-der mich explizit angefordert hat. So halte ich es, aber das muss jeder für sich entscheiden wie er damit umgeht. @Maclane: Gute Idee, werde ich bei dem nächsten Mal ausprobieren.
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